Hinsehen · LIEBE. · Kapitel 17 von 18
Deine Rolle am Familientisch
Eine Familie hat dich einmal besetzt. Die Rolle gilt weiter, weil sie nicht dir gehört, sondern dem Gefüge, das ohne sie neu gebaut werden müsste.

Der Tisch ist ausgezogen. Die Zusatzplatte lag jahrelang im Keller, sie ist eine Spur heller als der Rest, und bei Tageslicht sieht man die Naht.
Neun Leute, und niemand hat gesagt, wer wo sitzt. Trotzdem sitzt jeder dort, wo er sitzt. Der Älteste hat den Platz mit dem Rücken zur Wand. Die Jüngste hat die Ecke, an der man aufstehen muss, damit andere in die Küche kommen, und sie steht an diesem Nachmittag viermal auf.
Beim Nachtisch sagt die Tochter, die seit zwölf Jahren in einer anderen Stadt lebt, einen Satz über ihren Vater. Er ist ernst gemeint, und er ist lange überfällig. Für eine Sekunde ist es still.
Dann sagt ihr Bruder etwas Komisches, und alle lachen. Sie lacht mit.
Viele Menschen erzählen von Familientreffen mit einem Satz, der wie eine Beobachtung von außen klingt: Dort werde ich wieder zu einem anderen Menschen.
Gemeint ist selten etwas Angenehmes. Gemeint ist, dass man patziger wird oder kleinlauter, ausweichender oder lauter, als man es sonst je wäre. Dass man Dinge sagt, die man mit dreißig hinter sich gelassen zu haben glaubte. Dass man auf dem Rückweg im Auto sitzt und sich fragt, wer das eigentlich war.
Die übliche Erklärung lautet, man falle in alte Muster zurück. Das klingt nach einem Fehler im eigenen Kopf. Wahrscheinlicher ist etwas anderes: Man fällt nicht zurück. Man wird zurückgesetzt, und alle am Tisch helfen dabei mit, auch die, denen das selbst nicht gefällt.
Die Besetzung von damals
Irgendwann, ohne Versammlung und ohne Beschluss, hat eine Familie die Rollen verteilt.
Es gibt den Zuverlässigen, der den Anhänger organisiert und die Termine im Kopf hat. Es gibt die Schwierige, bei der man vorher überlegt, ob man ein Thema anspricht. Den Lustigen, der eine Stille auffängt, bevor sie unangenehm wird. Die Vernünftige, die weiß, was zu tun ist, wenn etwas passiert. Und es gibt den, der es nicht so weit gebracht hat und über den in der Küche in einem bestimmten Ton gesprochen wird, der fürsorglich klingen soll.
Diese Besetzung entstand nicht nach Eignung. Sie entstand nach Bedarf und nach Reihenfolge. Wer als Zweiter kam, konnte nicht mehr sein, was der Erste schon besetzt hatte. Ein Kind, das in einer lauten Familie leise war, wurde das ruhige Kind, auch wenn es nur keine Lücke gefunden hatte. Manche Rolle ist nichts weiter als der letzte freie Platz.
Und dann blieb sie. Sie blieb, weil eine Familie ihre Mitglieder nur alle paar Monate sieht und sich in der Zwischenzeit an die letzte Fassung erinnert. Sie blieb, weil die Geschichten, die am Tisch erzählt werden, die Rollen jedes Mal bestätigen. Jede Familie hat vier oder fünf Anekdoten, die immer wieder vorkommen, und in jeder dieser Geschichten macht jeder genau das, wofür er zuständig ist.
Es sind keine Erinnerungen mehr. Es sind Belege.
Niemand spielt nur seine eigene Rolle
Das Erstaunliche ist, dass alle mitspielen. Auch die, denen ihre Rolle nicht passt. Auch die, die sich in jedem Auto auf dem Rückweg vornehmen, es beim nächsten Mal anders zu machen.
Der Grund liegt nicht darin, dass sie zu schwach wären. Er liegt darin, dass eine Familienrolle kein Solo ist. Sie ist eine Passung. Sie greift in vier oder fünf andere ein, und keine von ihnen lässt sich einzeln herausnehmen.
Der Zuverlässige ist nur zuverlässig, solange jemand anders es nicht ist. Die Schwierige macht die übrigen zu den Verständnisvollen, und ohne sie müsste jemand anders diese Aufgabe übernehmen. Der Lustige ist nicht bloß lustig, er ist die Notbremse für Gespräche, die zu nah werden. Und der, der es nicht weit gebracht hat, hält an seinem Platz gleich mehrere Dinge fest: die Sorge der Mutter, das Selbstbild des erfolgreicheren Bruders und die stille Erleichterung, dass jemand anders die Enttäuschung trägt.
Wenn einer aus seiner Rolle heraustritt, ist das deshalb kein privates Vorhaben. Es ist eine Änderung an allen.
Die Schwierige, die plötzlich ruhig und freundlich ist, nimmt den anderen ihre Geduld weg. Der, über den man sich Sorgen macht, nimmt der Mutter ihre Zuständigkeit. Der Zuverlässige, der sagt, dass er dieses Jahr nicht fährt, verteilt eine Menge Arbeit neu, und zwar an Menschen, die nie gelernt haben, sie zu tun.
Vier Leute müssten sich neu erfinden, damit einer sich ändern darf. Das will niemand an einem Sonntagnachmittag, und schon gar nicht zwischen Kaffee und Abfahrt.
Der Scherz, der dich zurückholt
Deshalb gibt es eine Technik, mit der Familien ihre Besetzung verteidigen, und sie ist so freundlich, dass man ihr kaum etwas vorwerfen kann.
Jemand sagt etwas, das nicht zu seiner Rolle gehört. Der Lustige wird ernst. Der Ruhige widerspricht. Die Vernünftige gibt zu, dass sie nicht weiterweiß. Für eine Sekunde ist das Gefüge offen, und in dieser Sekunde kommt ein Satz. Dass es jetzt aber tief werde. Dass man sich ja gar nicht mehr auskenne. Dass wohl jemand ein Buch gelesen habe.
Der Satz ist nicht böse gemeint, und meistens ist er es auch nicht. Er tut nur genau eine Sache: Er stellt das alte Verhältnis wieder her. Es wird gelacht, und mit dem Lachen ist die Ordnung zurück. Wer jetzt darauf besteht, ernst zu bleiben, ist derjenige, der keinen Spaß versteht, und damit hat er bereits verloren.
Das Bemerkenswerte daran ist, dass der Betroffene mitlacht. Nicht aus Feigheit. Er lacht mit, weil das die billigste Art ist, den Nachmittag zu retten, und weil die Alternative bedeuten würde, an einem Tisch mit neun Leuten eine Auseinandersetzung zu beginnen, für die niemand hier die Sprache hat.
Ein Scherz kostet niemanden etwas. Ein offenes Gespräch kostet einen ganzen Abend, manchmal ein Jahr. Familien wählen, wie fast alle Gruppen, das Billigere.
Vielleicht ist es der Mensch, den du dafür am wenigsten in Verdacht hättest, weil er unter seiner eigenen Rolle leidet. Vielleicht ist es jemand, der längst gestorben ist und dessen Platz trotzdem besetzt bleibt. Die Frage hat außerdem einen Nebenausgang, der unangenehmer ist als sie selbst: Sie funktioniert auch in die andere Richtung. Irgendwo in diesem Gefüge hält dein Platz den Platz eines anderen fest.
Warum du dort wieder fünfzehn bist
Verhalten hängt stärker an Orten, als uns lieb ist.
Am Familientisch stimmt fast alles mit einem Nachmittag vor dreißig Jahren überein. Derselbe Stuhl, dieselbe Blickrichtung, dieselbe Stimme in derselben Lautstärke aus derselben Ecke. Dieselbe Art, wie eine Tür ins Schloss fällt. Der Körper hat an diesem Ort dreißig Jahre lang etwas geübt, und er macht es wieder, bevor irgendein Vorsatz dazukommt.
Dazu kommt, dass die Beweise von außen hier nicht gelten. Ein Mensch kann Verantwortung für vierzig Mitarbeiter tragen und bekommt am Tisch gesagt, er solle sich nicht so anstellen. Die Welt, in der er kompetent ist, ist nicht anwesend. Sie lässt sich auch nicht mitbringen, denn wer sie erwähnt, gibt an. Also steht er ohne alles da, was er seither geworden ist, und hat nur das, was er mit fünfzehn hatte.
Am unangenehmsten ist aber etwas anderes. Man verhält sich gegenüber alten Rollen auch selbst alt. Wer erwartet, nicht ernst genommen zu werden, sagt seinen Satz eine Spur zu laut oder eine Spur zu trotzig und bekommt dann genau die Reaktion, mit der er gerechnet hat. Damit ist der Beweis erbracht, den beide Seiten schon vorher hatten.
Die Rolle stellt sich nicht von einer Seite her wieder her. Sie stellt sich von beiden gleichzeitig wieder her, und das ist der Grund, warum sie so stabil ist.
Ein Abend, an dem alles offen wäre, wäre kaum auszuhalten
Gegen dieses ganze Kapitel steht ein Einwand, der mehr Gewicht hat, als es zunächst aussieht: Rollen sind auch eine Erleichterung.
Man stelle sich ein Familientreffen vor, bei dem nichts feststeht. Bei dem jedes Mal neu verhandelt wird, wer redet und wer zuhört, wer abräumt, wessen Kummer heute Platz bekommt und wessen nicht, wer für den Nachmittag die Verantwortung trägt. Das würde niemand schaffen. Schon gar nicht neun Leute zwischen zwei und achtzig, die einander dreimal im Jahr sehen.
Eine Rolle ist deshalb auch eine Zusage. Sie sagt: Du musst hier nichts beweisen. Es gibt einen Stuhl, der dir gehört, und er gehört dir auch dann, wenn du zwei Jahre nicht kommst. Wer gekannt wird, spart die Anstrengung, sich vorzustellen, und diese Anstrengung ist der Preis fast aller anderen Räume, in denen ein Erwachsener sich bewegt.
Manche Familien halten überhaupt nur zusammen, weil jeder weiß, wo er sitzt. Zwischen Menschen, die sich nicht ausgesucht haben und in wesentlichen Dingen nicht einig sind, ist eine feste Ordnung manchmal das Einzige, was einen gemeinsamen Nachmittag möglich macht. Wer sie aufkündigt, verlangt von der Beziehung etwas, wofür sie vielleicht nie gebaut war.
Und nicht jede Rolle ist eine Enge. Manche passen. Manche wurden irgendwann still angenommen, weil sie einem Menschen tatsächlich entsprechen. Für einige ist es ein Geschenk, für ein paar Leute auf der Welt immer der kleine Bruder zu bleiben, und niemand gewinnt etwas dabei, ihm das auszureden. Wer den ganzen Nachmittag darauf achtet, in welche Rolle er gedrängt wird, ist im Übrigen auch nicht frei. Er ist nur anders beschäftigt.
Die Tochter, die mitgelacht hat, ist nicht eingeknickt. Sie hat einen Nachmittag gerettet und dafür ihren Satz bezahlt. Das ist der ganz normale Preis eines Familientisches, und jeder zahlt ihn irgendwann in beide Richtungen: einmal als der, der zurückgeholt wird, und einmal als der, der jemanden zurückholt, ohne es zu merken.
Und du?
- Welchen Scherz über dich gibt es in deiner Familie, der seit zwanzig Jahren funktioniert? Was genau verhindert er, wenn er im richtigen Moment kommt?
- Bei wem hältst du selbst an der ältesten Fassung fest, obwohl du längst weißt, dass sie nicht mehr stimmt?
Mitnehmen
Beim nächsten Treffen gibt es einen Moment, in dem alle sich setzen. Niemand sagt etwas dazu, niemand zögert, und in zehn Sekunden ist es erledigt. Sieh dir diesen Moment an. In ihm steckt die ganze Ordnung, und er ist der einzige Teil des Nachmittags, über den nie gesprochen wird.
Du musst deinen Stuhl nicht wechseln. Es genügt zu wissen, dass es ein Stuhl ist und keine Eigenschaft von dir.
Und wenn dir dabei auffällt, wie fest das alles sitzt, siehst du noch etwas anderes. Dieselbe Ordnung, die dich zurückholt, ist der Grund, warum dort jemand mit einer Zusatzplatte rechnet, auch wenn du zwei Jahre nicht gekommen bist. Ob das eine Zumutung ist oder das Verlässlichste, was du hast, entscheidet sich nicht an diesem Tisch.


