Hinsehen · LIEBE. · Kapitel 2 von 18
Die Lücke, die niemand schließt
Ein anderer Mensch soll schließen, was in uns offen ist. Was, wenn genau das nicht seine Aufgabe ist.

Ein Zelt im Garten, Lichterketten, die Stunde nach dem Essen. Der Bräutigam steht auf, das Mikrofon knackt. Er sagt, dass er vor ihr nie gewusst habe, was ihm fehlt. Dass sie es sei. Dass er jetzt vollständig sei. Applaus, Gläser, jemand am Nebentisch weint.
An Tisch sieben greift Nora unter dem Tisch nach der Hand ihrer Frau. Die Hand ist da, warm, ruhig. Und trotzdem merkt Nora, dass sie auf etwas wartet. Auf einen Druck, der zurückkommt. Auf ein Zeichen, dass der Satz da vorn auch für sie gilt.
Der Druck kommt. Ein wenig später, als sie wollte.
Vollständig. Es ist ein schönes Wort für eine Rede. Für die Jahre danach ist es ein schweres.
Denn in dem Wort steckt eine Aufgabe, und niemand hat gefragt, ob der andere sie annehmen will. Wer einen Menschen vollständig macht, ist von jetzt an für den Teil zuständig, der vorher gefehlt hat. Er hat ihn nicht gemacht. Er hat ihn nicht gesehen. Er soll ihn trotzdem tragen.
Dieses Kapitel handelt von diesem Teil. Von dem, was in fast jedem Menschen offen ist, und von der stillsten Erwartung, die wir an einen anderen richten können: dass er es schließt.
Der Satz, den fast jeder kennt
Nicht immer klingt er so laut wie in einer Hochzeitsrede. Meistens klingt er leiser. Seit ich dich kenne, bin ich ruhiger. Ohne dich wüsste ich nicht, wohin. Du bist das Einzige, was in meinem Leben stimmt.
Nichts davon ist falsch, und nichts davon ist gelogen. Es fühlt sich genau so an. Nur steht unter jedem dieser Sätze noch ein zweiter, den keiner ausspricht: Und deshalb bist du jetzt dafür verantwortlich, dass es so bleibt.
Was fehlt eigentlich, wenn etwas fehlt?
Bei jedem Menschen ist es etwas anderes, und bei den meisten ist es nicht scharf zu sehen. Eine Unruhe am Sonntagabend, die keinen Grund hat. Der Zweifel, ob man genug ist, wenn man gerade nichts leistet. Ein Ort aus der Kindheit, an dem niemand hingeschaut hat. Die meisten kennen die Form ihrer Lücke nicht. Sie kennen nur die Erfahrung, dass sie weniger wehtut, wenn jemand da ist.
Und daraus ziehen sie einen naheliegenden Schluss. Der falsche Teil daran ist klein und folgenreich.
Warum wir sie weitergeben
Es gibt drei Gründe, warum wir die Lücke so bereitwillig in fremde Hände legen.
Der erste ist, dass es funktioniert. Eine Zeit lang. Verliebtsein ist der einzige Zustand, den die meisten Menschen kennen, in dem die Lücke geschlossen scheint. Jemand sieht dich, will dich, denkt an dich, und die Unruhe ist weg. Der Schluss liegt nahe: Dieser Mensch schließt sie. Dabei hat er sie nur eine Weile zugedeckt, mit Aufmerksamkeit, und Aufmerksamkeit ist etwas, das man nicht auf Dauer in derselben Dichte geben kann. Niemand kann das. Wenn sie nachlässt, kommt die Lücke wieder zum Vorschein, und weil sie inzwischen die Aufgabe des anderen ist, sieht sein Nachlassen aus wie ein Versagen.
Der zweite Grund ist, dass es leichter ist, als hinzusehen. Wer die eigene Lücke anschaut, ist allein mit ihr. Ein anderer Mensch ist die eleganteste Art, das zu vermeiden. Man muss nicht wissen, was fehlt, wenn man weiß, wer es ausgleicht.
Der dritte Grund liegt außerhalb von uns. Wir wachsen mit Geschichten auf, die genau dort enden, wo zwei sich gefunden haben. Wir sagen „bessere Hälfte“, als wären wir vorher ein Bruchteil gewesen. Keine dieser Geschichten erzählt, was mit der Lücke passiert, wenn die Hochzeit vorbei ist und die Lichterketten wieder im Karton liegen.
Der Preis, den der andere zahlt
Der Preis dieser Verschiebung zeigt sich nicht sofort. Er zeigt sich in der Art, wie man einen Menschen ansieht, dem man eine Aufgabe gegeben hat.
Man sieht ihn nicht mehr als den, der er ist. Man sieht ihn als den, der liefern soll. Jede Nachricht, die nicht kommt, ist keine Nachricht, die nicht kommt, sondern ein Urteil. Jeder Abend, an dem er müde ist, ist ein Abend, an dem die Lücke unbedeckt bleibt. Man beginnt zu messen. Nicht, weil man kleinlich wäre. Sondern weil man das Gefühl von Vollständigkeit an ihm abliest wie eine Temperatur, und Temperaturen schwanken.
Der andere merkt das. Er merkt, dass es nie reicht. Er merkt, dass er etwas ausgleichen soll, dessen Form er nicht kennt, und dass jeder Versuch nur für kurze Zeit hält. Irgendwann gibt er sich weniger Mühe, und das bestätigt die Rechnung.
Und die Lücke selbst? Sie wird nicht kleiner. Sie wird nur unbeobachtet. Was man delegiert, ist nicht weg. Es liegt nur außer Sichtweite, und Dinge außer Sichtweite wachsen ungestört.
Die meisten haben darauf schneller eine Antwort, als ihnen lieb ist. Und es ist selten etwas Kleines. Es ist nicht der Müll oder der Anruf bei den Eltern. Es ist etwas wie: dass ich mich nicht falsch fühle. Dass ich weiß, wofür ich morgens aufstehe. Dass es still in mir wird. Aufgaben, die man niemandem geben kann, weil sie in keiner Sprache als Bitte funktionieren.
Vielleicht ist die Lücke gar kein Fehler
Der Titel dieses Kapitels sagt, dass niemand sie schließt. Das klingt nach einer schlechten Nachricht. Man kann es auch anders lesen.
Ein Mensch ohne Lücke bräuchte niemanden. Er wäre fertig, rund, in sich geschlossen, und man könnte an ihn nicht heran. Es ist gut möglich, dass genau die offene Stelle in uns der Ort ist, an dem wir überhaupt erreichbar sind. Dort, wo etwas fehlt, kann jemand hinkommen. Nicht, um es zu füllen. Um dabei zu sein.
Dann verändert sich die Frage. Sie lautet nicht mehr: Wer schließt das? Sie lautet: Wer darf davon wissen?
Das ist eine andere Art, jemanden nah zu lassen. In der ersten Version ist der andere ein Material, mit dem man eine Stelle abdichtet. In der zweiten ist er ein Mensch, dem man eine Stelle zeigt. Der Unterschied ist von außen kaum sichtbar. Von innen ist er alles.
Und unbequem ist er auch. Wer die Zuständigkeit für die eigene Lücke zurücknimmt, verliert etwas. Die Beziehung fühlt sich eine Weile kleiner an, weniger magisch. Man kann dem anderen nichts mehr vorwerfen, wenn es abends still wird. Und man entdeckt womöglich, dass ein Teil dessen, was man Liebe genannt hat, in Wahrheit Erleichterung war. Das ist kein schöner Fund. Aber er ist ehrlich, und Ehrlichkeit ist an dieser Stelle die einzige Grundlage, auf der etwas hält.
Wo wirklich etwas fehlt
Man sollte diesem Text an drei Stellen widersprechen.
Erstens: Manchmal fehlt tatsächlich etwas im anderen. Nicht jede Lücke gehört dem, der sie spürt. Wer über Monate nicht gefragt wird, wie der Tag war, wer nur noch im Vorbeigehen berührt wird, wer mit jeder Sorge allein bleibt, dem fehlt etwas Reales, und der Blick nach innen ist dort eine Ablenkung. Ein Text wie dieser darf nicht dazu dienen, ein echtes Fehlen in ein persönliches Problem umzudeuten.
Zweitens: Menschen sind nicht dazu gemacht, sich selbst zu genügen. Wir bestehen zu großen Teilen aus anderen. Was in uns früh offen geblieben ist, weil jemand nicht hingesehen hat, schließt sich oft nicht im stillen Zimmer, sondern erst dort, wo jemand bleibt, obwohl er uns gesehen hat. Wer gerade zum ersten Mal im Leben gehalten wird, dem zu sagen, niemand schließe seine Lücke, kann grausam sein. Und falsch.
Drittens: Die Idee, man müsse die eigene Lücke erst kennen, bevor man jemanden lieben darf, ist ein Gedanke für ruhige Tage. Die meisten Menschen lernen ihre offenen Stellen nicht vorher kennen, sondern mittendrin, an jemandem, der sie zufällig berührt. Es gibt keine Reihenfolge, in der man das richtig machen könnte.
Der dritte Einwand trifft am härtesten, weil er die Reihenfolge angreift. Es gibt keine. Niemand kennt seine offene Stelle, bevor jemand sie berührt. Nora hat an Tisch sieben nichts über sich erfahren, was sie vorher hätte wissen können. Sie hat auf einen Händedruck gewartet, und in diesem Warten war schon alles enthalten. Was sich ändern kann, ist deshalb nicht der Zeitpunkt. Es ist, was sie mit dem Warten macht, sobald sie es bemerkt: ob daraus eine Rechnung wird, die der Mensch neben ihr nicht bezahlen kann, oder ein Satz, den sie ihm irgendwann sagt. Das ist der Unterschied zwischen einem Menschen, der etwas an dir ausgleichen soll, und einem, der etwas an dir kennen darf.
Und du?
- Wenn der Mensch an deiner Seite heute Abend genau das täte, was du dir von ihm wünschst: Wie lange würde es reichen? Und was sagt dir diese Zahl?
- Welches Gefühl kennst du nur, wenn jemand bei dir ist? Und wann hast du es zuletzt allein gesucht, nicht als Ersatz, sondern um zu sehen, ob es dort auch ist?
- Wenn du der offenen Stelle in dir einen Platz in deinem Leben geben müsstest, an dem sie sein darf, ohne dass jemand sie schließen muss: Wo wäre der?
Mitnehmen
Das nächste Mal, wenn du von dem Menschen enttäuscht bist, mit dem du lebst, musst du die Enttäuschung nicht wegdiskutieren. Sie ist echt. Es reicht, einmal zu fragen, was genau du gerade bestellt hattest. Und ob es etwas war, das man überhaupt liefern kann.
Und wenn du dabei merkst, dass du die Zuständigkeit für deine Lücke zurücknehmen willst, dann kommt gleich die nächste Frage hinterher: Wer achtet dann auf mich? Die meisten antworten darauf: ich selbst. Und beginnen, ohne es zu bemerken, zu zählen.


