Hinsehen · LIEBE. · Kapitel 7 von 18
Entscheide du
Ist mir egal klingt nach Entgegenkommen. Übergeben wird dabei nicht die Auswahl, sondern die Zuständigkeit für den Abend.

Freitagabend, beide müde. Er fragt, worauf sie Lust hat. Sie sagt, das sei ihr wirklich egal, er solle einfach entscheiden.
Er schlägt den Italiener vor. Sie sagt, wenn er möchte, gern.
Es ist voll dort, es ist laut, und das Essen dauert lange. Auf dem Heimweg sagt sie, beim Griechen wäre es ruhiger gewesen.
Sie hat nicht gelogen, als sie sagte, es sei ihr egal. Sie hat nur etwas anderes gemeint: dass sie für diesen Abend nicht zuständig sein wollte.
Das ist einer der häufigsten Sätze überhaupt, und er gehört zu denen, die fast nie das bedeuten, was sie sagen.
Was der Satz tatsächlich meint
Gleichgültigkeit ist selten die richtige Übersetzung. Meistens steht dahinter eines von vier Dingen.
Ich habe eine leichte Neigung, die mir zu klein vorkommt, um sie zu verteidigen. Ich möchte nicht der sein, an dem es lag, falls der Abend nichts wird. Ich habe heute schon so viel entschieden, dass nichts mehr übrig ist. Oder: Ich weiß es wirklich nicht, weil mich das lange niemand gefragt hat.
Alle vier sind verständlich. Keines davon heißt egal.
Was dabei übergeben wird
Die Auswahl selbst ist eine Kleinigkeit. Zwei Lokale, drei Minuten, fertig.
Übergeben wird etwas anderes: die Zuständigkeit. Wer entscheidet, hat den Abend am Hals. Wird er gut, war es ein Vorschlag. Wird er nichts, war es seine Wahl.
Deshalb ist entscheide du auf Dauer kein Entgegenkommen, sondern eine Verlagerung, über die nie gesprochen wurde.
Am deutlichsten sieht man es daran, was danach erlaubt bleibt. Wer nicht mitentschieden hat, behält das Recht auf die Bemerkung hinterher. Ich hab doch gesagt, mir ist es egal, und beim Griechen wäre es ruhiger gewesen, passen ausgezeichnet zusammen, solange vorher nichts gesagt wurde.
Warum es mehr trifft, als es sollte
Es geht dabei nie um das Lokal.
Wer nie etwas will, gibt nichts preis. Über einen Menschen, der immer einverstanden ist, erfährt man wenig, und über Jahre wird das einsam. Nicht dramatisch, eher schleichend: Man sitzt neben jemandem, der keine Kontur bekommt.
Dazu kommt etwas Kleines, das sich addiert. Jede Entscheidung ist auch eine Auskunft darüber, was jemandem an einem Abend liegt. Wer sie regelmäßig auslässt, sagt jedes Mal ein wenig mit: Dieser Abend ist mir nicht wichtig genug, um dafür eine Meinung zu haben.
Gemeint ist das fast nie. Verstanden wird es oft so, und niemand spricht darüber, weil es lächerlich klingt, sich wegen eines Restaurants übergangen zu fühlen.
Wie daraus eine Rollenverteilung wird
Über die Jahre entsteht daraus eine Aufteilung, die niemand beschlossen hat.
Einer wird der, der vorschlägt, bucht, plant und sich die Termine merkt. Der andere wird der, der mitgeht. Verteilt wurde das nie. Es hat sich eingeschliffen, weil einer einmal öfter etwas vorgeschlagen und der andere einmal öfter zugestimmt hat.
Irgendwann finden beide es anstrengend, und zwar aus entgegengesetzten Gründen. Der Entscheider ist müde und fühlt sich mit allem allein. Der Mitgehende fühlt sich übergangen, weil längst nicht mehr gefragt wird. Beide haben recht, und beide halten den anderen für die Ursache.
Das Unangenehmste daran passiert leise. Wer über Jahre nicht gefragt wird, wird tatsächlich meinungsloser. Nicht aus Fügsamkeit. Eine Neigung, die nie abgerufen wird, verkümmert wie alles, was man nicht benutzt, und irgendwann stimmt der Satz dann wirklich: Es ist ihm egal geworden.
Damit ist aus einer Höflichkeit eine Eigenschaft geworden, und die lässt sich schwerer zurücknehmen als eine Gewohnheit.
Zurückdrehen lässt sich das, aber nicht so, wie beide es zuerst versuchen.
Der Entscheider kann nicht einfach aufhören. Tut er es, entsteht ein Loch, in dem zwei Wochen lang gar nichts stattfindet, und am Ende steht ein Vorwurf, der die Sache verschlimmert. Ein Fach, das jahrelang einer geführt hat, lässt sich nicht durch Niederlegen übergeben.
Was funktioniert, ist unspektakulär und liegt in der Frage selbst. Worauf hast du Lust ist eine sehr viel größere Zumutung als Grieche oder Italiener. Die erste verlangt, aus dem Nichts etwas herzustellen. Die zweite verlangt nur, eine Neigung zu bemerken, die ohnehin da ist.
Wer aus der Übung ist, schafft das Zweite und das Erste nicht. Und wer ein halbes Jahr lang zwischen zwei Dingen gewählt hat, kann irgendwann wieder etwas vorschlagen, das keiner genannt hat. Das ist kein Trick. Es ist die Reihenfolge, in der so etwas zurückkommt.
Wo der Satz stimmt
Manchen Menschen ist es tatsächlich oft gleich, und es ist eine Zumutung, ihnen zu erklären, insgeheim hätten sie schon eine Meinung. Es gibt Leute, denen das Lokal wirklich egal ist und die Gesellschaft nicht, und sie haben damit vermutlich recht.
Und wer den ganzen Tag entscheidet, im Beruf, für Kinder, für jemanden, der Pflege braucht, hat abends nichts mehr übrig. Entscheide du ist dann kein Rückzug, sondern eine Bitte, und eine berechtigte.
Der Unterschied liegt nicht im Satz. Er liegt in dem, was danach kommt. Wem es wirklich gleich war, der kommentiert hinterher nicht.
Die andere Seite der Frage
Auch das Fragen ist nicht automatisch großzügig.
Manche fragen, weil sie selbst nicht entscheiden möchten, und nennen es Rücksicht. Manche fragen, obwohl sie längst wissen, was sie wollen, und warten darauf, dass der andere es errät. Und manche fragen so oft, dass aus einer Freundlichkeit eine Prüfung wird.
Legt man beides nebeneinander, erkennt man dieselbe Bewegung in zwei Richtungen. Es geht darum, nicht derjenige zu sein, an dem es lag.
Ein Abend, an dem beide das versuchen, ist erstaunlich anstrengend, und am Ende war niemand schuld und niemand da.
Und du?
- Wann hast du zuletzt „ist mir egal“ gesagt und danach doch etwas angemerkt?
- Für welche Entscheidungen bist du in deinem Leben regelmäßig zuständig, ohne dass das je besprochen wurde?
- Was würdest du heute Abend am liebsten tun? Wie lange hast du für die Antwort gebraucht?
Mitnehmen
Es gibt eine Fassung, die ehrlicher ist als beides und fast nichts kostet: eine leichte Neigung nennen und sie leicht nennen. Ich hätte ein bisschen mehr Lust auf das eine, das andere ist aber auch in Ordnung.
Damit ist die Zuständigkeit geteilt, und niemand hat den Abend allein am Hals. Das klingt nach wenig. Bei jemandem, der es jahrelang anders gemacht hat, ist es das nicht.
Und wem auf die Frage nach dem eigenen Wollen nichts einfällt, der hat gerade eine größere Auskunft bekommen als über das Abendessen. Es gibt Menschen, die wurden so lange nicht gefragt, dass die Stelle, an der die Antwort stünde, leer geblieben ist.
Dahinter steht dieselbe Frage wie bei allem, was man voreinander weglässt: ob dieses Ersparen Rücksicht ist oder die bequemere Form von Abstand. Was davon Nähe wäre, ist damit noch nicht beantwortet.


