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Hinsehen · SPUREN. · Kapitel 9 von 15

Zuständig, ohne gefragt zu sein

Eine Pflicht bekommt man. Zuständig wird man, weil man hingesehen hat. Über die Verantwortung, die niemand verteilt.

8 Min. Lesezeit

Das Telefon klingelt um zehn nach sieben. Die Nachbarin von unten, Anfang achtzig, ist in der Nacht gestürzt. Nichts Schlimmes, sagt sie, nur der Knöchel, sie kommt die Treppe nicht hinunter. Ob man ihr vielleicht Brot mitbringen könnte. Und die Zeitung.

Der Schlüssel zu ihrer Wohnung hängt seit drei Jahren am Haken neben der Tür. Erst für den Notfall. Dann für die Blumen, wenn sie bei der Tochter war. Dann für den Paketboten.

Niemand hat je besprochen, was der Schlüssel bedeutet. Jetzt bedeutet er etwas.

Es gibt Verantwortung, die man übernimmt. Man unterschreibt, man sagt Ja, man tritt ein Amt an. Und es gibt Verantwortung, die einem zufällt. Sie klingelt morgens um zehn nach sieben, und wenn man abhebt, ist man drin.

Die zweite Sorte ist die häufigere. Und über sie wird viel seltener gesprochen.

Wer schon einmal einfach da war

Fast jeder kennt eine Zuständigkeit, die nie beschlossen wurde.

In jeder Familie gibt es einen Menschen, der Weihnachten organisiert. Niemand hat ihn gewählt. Er hat es einmal gemacht, und seitdem ist es seins. In jedem Büro gibt es jemanden, der die Kaffeemaschine entkalkt, die Geburtstage kennt, den Ersatzschlüssel hat. In jedem Verein gibt es den, der seit zwölf Jahren die Kasse führt, weil er sich damals nicht schnell genug weggeduckt hat. Und in jeder Straße gibt es jemanden, der im Winter auch den Gehweg vor dem leeren Haus räumt.

Am Ende der Straße, wo der Weg zum Bach abzweigt, steht ein Holzzaun. Er gehört der Gemeinde, vermutlich. Sicher weiß das niemand. Aber alle paar Jahre steht dort ein Mann mit einem Eimer und streicht ihn, seit über zwanzig Jahren. Er hat nie gefragt, ob er darf. Er hat auch nie gefragt, ob jemand es sonst tun würde. Er hat den Zaun gesehen, als er abblätterte, und danach konnte er ihn nicht mehr nicht sehen.

Das ist der ganze Mechanismus. Er ist so einfach, dass man ihn übersieht.

Warum Hinsehen verpflichtet

Was unterscheidet eine Pflicht von einer Zuständigkeit?

Eine Pflicht kommt von außen. Sie hat einen Absender, eine Regel und meistens ein Ende. Man kann sie erfüllen und dann ablegen. Man kann sie auch abgeben, wenn jemand anderes sie übernimmt. Eine Pflicht ist wie ein Paket: Sie wird zugestellt, und irgendwann ist sie ausgeliefert.

Eine Zuständigkeit entsteht anders. Sie entsteht, weil du etwas gesehen hast. Den Zaun, die Nachbarin, das Kind auf dem Spielplatz, das schon eine Weile allein ist. In dem Moment, in dem du etwas bemerkst, das nicht in Ordnung ist, hast du eine Wahl, die du vorher nicht hattest. Und diese Wahl verschwindet nicht mehr. Man kann wegsehen, aber man kann nicht mehr nicht gesehen haben.

Deshalb ist Zuständigkeit so schwer loszuwerden. Sie hängt nicht an einem Amt, sondern an einem Wissen. Der Mann mit dem Zaun könnte aufhören. Aber er wüsste dann jeden Tag beim Vorbeigehen, dass er aufgehört hat. Für viele Menschen wiegt dieses Wissen schwerer als der Eimer, und deshalb streichen sie weiter.

Es kommt etwas hinzu, das die Sache noch schärfer macht. Je mehr Menschen etwas sehen, desto weniger fühlt sich jeder Einzelne zuständig. Wenn zwanzig Leute am Zaun vorbeigehen, denkt jeder, dass ein anderer sich kümmern wird. Verantwortung verteilt sich nicht, sie verdünnt sich. Und am Ende bleibt sie an dem hängen, der aus irgendeinem Grund nicht denken konnte, dass es jemand anders macht. Nicht der Tüchtigste wird zuständig. Der, der nicht wegsehen kann.

Was einem zuerst einfällt, ist selten das Größte. Meistens fällt einem der Zaun ein, bevor einem der Mensch einfällt, den man anruft, weil ihn sonst niemand anruft.

Und sie steht nirgends. Das ist das Merkwürdige an dieser Art von Verantwortung: Sie ist unsichtbar, solange sie funktioniert. Niemand bemerkt den gestrichenen Zaun. Niemand bemerkt, dass die Kaffeemaschine läuft, dass die Mutter angerufen wurde, dass die Nachbarin ihr Brot hatte. Die Zuständigkeit fällt erst auf, wenn sie ausfällt. Dann fragt man plötzlich, wer das eigentlich immer gemacht hat.

Was man hinterlässt, wenn man nur am Laufen hält

Von hier aus sieht die Frage, was von einem bleibt, anders aus.

Man denkt beim Hinterlassen gern an das, was gebaut wurde. Aber das meiste, was ein Leben trägt, ist nicht gebaut, sondern gehalten. Der Zaun ist kein Werk. Er ist eine Wiederholung. Die Nachbarin, die versorgt wird, ist kein Projekt. Sie ist eine Reihe von Dienstagen. Instandhaltung hinterlässt keine Plakette, und niemand fotografiert sie. Und trotzdem ist sie das, was übrig bleibt, wenn man ehrlich nachsieht, worauf ein Ort, eine Familie, eine Straße gestanden hat.

Vielleicht ist das die ruhigere Form von Spur. Nicht das, was ich hinzugefügt habe. Sondern das, was wegen mir nicht zerfallen ist.

Was Zuständigkeit anrichtet

Bis hierher klingt Zuständigkeit wie eine stille Tugend. Sie hat eine Rückseite, und die ist nicht harmlos.

Wer sich für alles zuständig fühlt, verschwindet irgendwann. Es gibt Menschen, die nicht mehr wissen, wo ihre eigenen Tage anfangen, weil sie mit den Tagen anderer gefüllt sind. Sie sagen nicht Nein, weil sie es nie gelernt haben, und sie sagen nicht, dass es zu viel ist, weil es ja niemand verlangt hat. Genau das ist die Falle. Eine Pflicht kann man zurückgeben. Eine Zuständigkeit, die man sich selbst zugeschrieben hat, hat keinen Absender, bei dem man sich beschweren könnte.

Und dann ist da noch die andere Seite. Wer immer den Zaun streicht, sorgt dafür, dass es sonst niemand lernt. Wer in der Familie alles organisiert, sorgt dafür, dass alle anderen es nicht müssen. Zuständigkeit kann andere entlasten, und sie kann sie entmündigen. Der Unterschied ist von außen nicht zu sehen. Von innen manchmal auch nicht.

Wenn Hinsehen krank macht

Er sollte nicht so stehen bleiben, wie er ist.

Zuständigkeit ohne Grenze macht krank. Das ist kein Randfall, das ist die Regel. Die Menschen, die dieser Text lobt, sind oft dieselben, die irgendwann nicht mehr können. Ein Text, der das Hinsehen als Beginn der Verantwortung beschreibt, kann leicht so klingen, als sei Wegsehen ein Versagen. Es ist aber manchmal die einzige Möglichkeit, überhaupt noch zu bestehen. Sich selbst zu schützen ist keine Gleichgültigkeit. Es ist die Voraussetzung dafür, dass man morgen noch jemand ist, der hinsehen kann.

Und Zuständigkeit fällt nicht zufällig. Sie fällt denen zu, die nicht Nein sagen können, und das sind erstaunlich oft dieselben Gruppen. Die Tochter, nicht der Sohn. Die Jüngste im Büro. Der Freundliche, der Zuverlässige, der ohnehin schon zu viel trägt. Wer Zuständigkeit als schöne Haltung beschreibt, verdeckt, dass sie ungerecht verteilt ist. Und dass man sie manchen Menschen nicht nur zutraut, sondern zumutet.

Manches sollte außerdem gar nicht von Freiwilligen abhängen. Wenn ein Mann zwanzig Jahre lang einen Zaun streicht, der nicht seiner ist, dann ist das rührend. Es ist aber auch ein Zeichen dafür, dass jemand seine Arbeit nicht macht. Wer Lücken stopft, sorgt dafür, dass niemand die Lücke sieht. Es gibt eine Form von Zuständigkeit, die Systeme am Leben hält, die eigentlich versagen sollten, damit sie repariert werden. Auch das ist eine Spur, und keine gute.

All das stimmt. Und trotzdem klingelt das Telefon um zehn nach sieben, und der Schlüssel hängt am Haken, und die Frage ist nicht, ob das gerecht ist. Die Frage ist, ob man abhebt.

Und du?

  • Welche Zuständigkeit trägst du seit Jahren, von der außer dir niemand weiß, dass sie existiert? Und was würde passieren, wenn du sie einen Monat lang ruhen ließest?
  • Wo hast du zuletzt bewusst weggesehen, und war das Selbstschutz oder Bequemlichkeit? Woran erkennst du den Unterschied?

Mitnehmen

Nimm dir einmal die Zeit aufzuschreiben, was du am Laufen hältst, ohne dass es je vereinbart wurde. Nicht, um es abzugeben. Nur, um es zu sehen. Vieles davon ist gut. Manches ist zu viel. Beides erkennt man erst, wenn man es einmal benannt hat.

Und wenn du die Liste vor dir hast, könnte dir noch etwas auffallen. Bei einem Teil dieser Dinge bist du nicht nur zuständig. Du bist auch der, der bestimmt, wie es weitergeht, während der andere es hinnimmt. Das ist etwas anderes als Zuständigkeit, und es wird noch seltener ausgesprochen.