Hinsehen · WELTBILDER. · Kapitel 13 von 14
Die Gründe kommen hinterher
Man kann eine Entscheidung völlig aufrichtig begründen und trotzdem nicht wissen, warum man sie getroffen hat. Beides gleichzeitig, ohne dass jemand lügt.

Ein Elternabend, kurz vor Schluss. Jemand fragt, wer die Liste führen könnte. Sie hebt die Hand, bevor sie darüber nachgedacht hat.
Auf dem Heimweg erklärt sie es sich mit drei Gründen. Sie sei ohnehin die Organisierte. Es koste nicht viel. Irgendwer müsse es ja machen.
Alle drei stimmen. Und alle drei sind ihr eingefallen, nachdem die Hand schon oben war.
Was vorher da war, lässt sich schwerer benennen. Eine Bewegung, die schneller war als sie.
Über das Verhältnis von Bewusstsein und dem, was darunter liegt, wird viel geredet, und das meiste davon geht in eine falsche Richtung. Die nüchterne Fassung ist unspektakulärer und brauchbarer.
Der schmale Kanal
Von allem, was ein Mensch an einem Tag tut, wird der kleinste Teil entschieden. Der Rest läuft.
Gehen. Sprechen. Autofahren. Der Griff zum Telefon, bevor irgendetwas gedacht wurde. Der Tonfall, in dem man antwortet, wenn jemand ungeduldig wird. Die Reihenfolge, in der man eine Küche aufräumt.
Man merkt es daran, wie schwer es fällt, so etwas absichtlich zu tun. Wer bewusst geht, geht schlechter. Wer über seine Sätze nachdenkt, während er sie sagt, redet steif. Das Bewusstsein ist nicht der Betrieb. Es ist ein schmaler Kanal, durch den zu jedem Zeitpunkt erstaunlich wenig passt.
Und weil es der einzige Teil ist, den wir von innen erleben, halten wir ihn für den ganzen. Wir kennen uns als den, der entscheidet, weil die Entscheidung das Einzige ist, was wir sehen.
Warum immer ein Grund da ist
Fast nie sagt jemand: Ich weiß nicht, warum ich das getan habe. Es kommt sofort ein Grund, und er fühlt sich nicht erfunden an, sondern wie eine Erinnerung.
Das Erklären ist nämlich eine eigene Fähigkeit. Sie arbeitet schnell, sie arbeitet zuverlässig, und sie arbeitet unabhängig davon, ob sie überhaupt Zugriff auf den Vorgang hat. Gebraucht wird eine Antwort, also liefert sie eine.
Daraus folgt etwas, das schwer zu akzeptieren ist: Ein Mensch kann eine Entscheidung völlig aufrichtig begründen und trotzdem nicht wissen, warum er sie getroffen hat. Das ist keine Unehrlichkeit. Es ist die Arbeitsteilung.
Am deutlichsten sieht man es bei anderen. Wenn jemand mit großer Sicherheit erklärt, warum er eine bestimmte Person nicht leiden kann, und die Begründung beim dritten Mal eine andere ist als beim ersten, war die Abneigung zuerst da. Die Gründe sind nachgereicht worden, jedes Mal frisch.
Was dort unten nicht sitzt
An dieser Stelle wird es meistens unsauber, weil ein einzelnes Wort viel zu viel tragen muss.
Was unterhalb des Kanals liegt, ist keine zweite Person. Es hat keine Absichten, keinen Plan, kein Interesse daran, dich zu schützen oder zu hintergehen. Es zieht nichts an und verhindert nichts.
Was tatsächlich da ist, ist unspektakulär: alles, was durch Wiederholung oder durch eine einzelne starke Erfahrung so eingelaufen ist, dass es keine Entscheidung mehr braucht. Ein Weg, der oft gegangen wurde. Mehr nicht.
Der Unterschied ist wichtig, weil er bestimmt, was man erwarten darf. Mit einer Person lässt sich verhandeln. Mit einem eingelaufenen Weg nicht.
Warum Einsicht so wenig ausrichtet
Damit ist auch klar, warum Verstehen allein so selten etwas ändert. Ein Muster ist nicht durch Argumente entstanden. Also lässt es sich durch Argumente nicht abschaffen.
Man kann über Monate genau wissen, warum man etwas tut, und es weiter tun. Das ist kein Rückfall und kein Mangel an Willen. Es ist die Bauart der Sache.
Was tatsächlich wirkt, ist vergleichsweise langweilig und hat mit Bewusstsein wenig zu tun: veränderte Bedingungen. Was in Reichweite liegt. Wen man am Freitag trifft. Wie ein Raum eingerichtet ist. Was passiert, wenn man nichts entscheidet, weil es der bequemste Weg ist.
Wer sein Verhalten ändern will, ändert deshalb selten sich selbst. Er ändert, was um ihn herum liegt, und überlässt den Rest der Wiederholung.
Wann das Gefühl trotzdem taugt
Aus alldem folgt nicht, dass man dem, was schneller ist als man selbst, misstrauen müsste. Es kommt darauf an, wo.
Was unterhalb des Kanals liegt, ist zusammengelaufene Wiederholung. Also ist es genau dort brauchbar, wo es viel Wiederholung gab und wo sich kurz darauf gezeigt hat, ob es gestimmt hat.
Eine Pflegerin, die auf den Gang tritt und sagt, mit dem Mann in Zimmer vier stimmt etwas nicht, bevor irgendein Wert das hergibt, hat keine Eingebung. Sie hat tausend Menschen gesehen und jedes Mal am nächsten Tag erfahren, wie es ausgegangen ist. Ein Meister, der ein Geräusch hört und weiß, welches Lager es ist, ebenso.
Unbrauchbar wird dasselbe Gefühl, wo die Rückmeldung fehlt. Wer nach zwei Minuten sicher ist, ob ein Bewerber der richtige war, hat diese Sicherheit nicht durch Erfahrung erworben, denn von denen, die er weggeschickt hat, erfährt er nie, was aus ihnen geworden wäre. Er wiederholt nur oft genug dieselbe Bewegung und hält die Übung darin für ein Urteil.
Die Frage lautet deshalb nicht, ob man auf sein Gefühl hören soll. Sie lautet: Hat dieses Gebiet dir je gesagt, wann du falsch lagst?
Warum dieses Wort so beliebt ist
Und jetzt der Einwand, und er richtet sich gegen die verbreitete Fassung des Themas.
Dort ist das Unterbewusstsein für alles zuständig, was sich sonst nicht erklären lässt. Du hast es nicht bekommen, weil du es innerlich blockiert hast. Du bist unzufrieden, weil dort unten ein Satz liegt, den du nicht kennst. Solche Aussagen lassen sich nie widerlegen, und was sich nie widerlegen lässt, erklärt auch nichts.
Sie haben zusätzlich eine hässliche Eigenschaft. Sie machen einen Menschen für alles verantwortlich und geben ihm gleichzeitig nichts in die Hand. Wer nichts erreicht hat, hatte dann kein Pech, sondern falsch gedacht. Das ist keine Erklärung. Das ist eine Zuschreibung mit freundlichem Gesicht.
Die Gegenrichtung ist genauso falsch. Wer alles auf Muster schiebt, hat sich selbst aus jeder Wirkung herausgenommen. Ein Muster erklärt, warum etwas passiert ist. Es ändert nichts daran, dass jemand danebenstand.
Und du?
- Was tust du so oft, dass du es gar nicht mehr entscheidest? Und weißt du, wann es entstanden ist?
- Welche Erklärung über dich selbst hast du immer sofort parat, ohne nachzudenken?
- Wo arbeiten deine Bedingungen gegen deine Absicht, statt für sie?
Mitnehmen
Es gibt dazu eine Probe, die zwei Minuten dauert und unangenehm ist. Nimm eine Entscheidung aus den letzten Tagen und schreib die Begründung auf. Dann streich sie durch und schreib eine zweite, die genauso gut klingt und etwas anderes behauptet.
Bei vielen Entscheidungen gelingt das erschreckend leicht. Das heißt nicht, dass die erste falsch war. Es heißt, dass das Erklären auch dann zuverlässig funktioniert, wenn es nichts zu erklären gibt.
Was man mit diesem Nichtwissen anfängt, ohne es sofort wieder zuzudecken, ist dann die eigentliche Frage. Sie ist unbequemer als alles, was bis hierher in diesem Teil stand.


