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Hinsehen · ICH. · Kapitel 1 von 23

Das geliehene Ich

Die meisten Sätze über dich hast du nicht gesagt. Du hast sie gehört, bevor du widersprechen konntest.

9 Min. Lesezeit

Ein Samstag im Haus der Eltern. Die Kartons stehen schon im Flur, das Haus ist verkauft, in drei Wochen kommen die neuen Besitzer. Im Keller findet Anna eine Schachtel mit ihrem Namen darauf, in der Handschrift ihrer Mutter. Zeugnisse, Zeichnungen, ein Heft aus der zweiten Klasse. Auf einer Seite hat jemand mit rotem Stift an den Rand geschrieben: „Anna kann mehr, wenn sie will.“

Sie liest den Satz zweimal. Dann merkt sie, dass sie ihn kennt. Nicht aus dem Heft. Aus ihrem eigenen Kopf, wo er seit ungefähr dreißig Jahren wohnt.

Es gibt Sätze, die wir nie gesagt haben und trotzdem ständig denken.

„Ich bin eher der praktische Typ.“ „Ich war schon immer schwierig.“ „Bei uns in der Familie konnte nie jemand mit Geld umgehen.“ „Ich bin nicht der Mensch, der sich in den Vordergrund drängt.“ Wenn man solche Sätze laut ausspricht, klingen sie wie Selbsterkenntnis. Man hat sich beobachtet und ein Ergebnis notiert.

Aber wenn man einen davon einmal anfasst und fragt, wo er herkommt, passiert oft etwas Merkwürdiges. Der Satz hat kein Datum. Man kann sich nicht erinnern, wann man ihn zum ersten Mal gedacht hat. Er war einfach schon da, als man anfing, über sich nachzudenken. So wie das Haus, in dem man aufgewachsen ist, schon da war.

Das ist kein Zufall. Wir bekommen ein Bild von uns, bevor wir eines machen können.

Woher das Bild kommt

Ein Kind kann sich nicht selbst beschreiben. Es hört, wie es beschrieben wird.

„Die Kleine ist die Vernünftige.“ „Der ist ein Sturkopf, ganz der Vater.“ „Sie war schon immer schüchtern.“ Solche Sätze fallen nebenbei, am Telefon, beim Abendessen, vor Verwandten. Niemand meint sie als Urteil. Sie sind Abkürzungen, mit denen Erwachsene einander erklären, wer da gerade am Tisch sitzt. Aber das Kind hört zu. Und es hat noch keine andere Quelle.

Etwas an diesen Sätzen ist wahr, sonst würden sie nicht entstehen. Das Kind war an diesem Tag tatsächlich vernünftig, oder stur, oder still. Nur wird aus dem Tag ein Wesenszug, sobald der Satz oft genug wiederholt wird. Und dann tut das Kind, was Kinder tun: Es richtet sich danach. Wer ständig hört, er sei der Vernünftige, wird vorsichtiger damit, unvernünftig zu sein. Nicht, weil man ihn zwingt. Sondern weil die Vernunft inzwischen der Platz ist, an dem er gemeint wird.

So wird aus einer Beschreibung ein Auftrag. Und aus dem Auftrag, Jahre später, eine Eigenschaft, die man für die eigene hält.

Dazu kommen die Erwartungen, die nie ausgesprochen wurden. Was in einer Familie als Erfolg gilt und was als Scheitern. Ob man über Geld redet oder darüber schweigt. Ob Gefühle gezeigt werden oder in den Keller gebracht. Ob es in Ordnung ist, etwas abzubrechen, oder ob man durchhält, egal was. Welche Berufe man ernst nimmt und über welche man am Tisch lächelt. Kein Kind bekommt das erklärt. Es wird ihm vorgelebt, und es lernt es so, wie es die Sprache lernt: ohne zu merken, dass es lernt.

Deshalb fühlt sich das Geliehene später so sehr wie das Eigene an. Es hat keinen Absender mehr.

Ein Boden, den man nicht selbst gelegt hat

Man kann das Ganze auch von der anderen Seite betrachten.

Ohne diese Sätze wären wir verloren. Ein Mensch, der bei null anfängt, ohne Herkunft, ohne die Erwartungen anderer, ohne ein einziges Bild von sich, das ihm jemand mitgegeben hat, wäre kein freier Mensch. Er wäre ein Mensch ohne Boden. Die Geschichten, die eine Familie über uns erzählt, sind auch eine Art Zuhause. Man kann sich in ihnen aufhalten. Man weiß, wer man ist, weil andere es wissen.

Und viele der geliehenen Sätze sind gut. Die Mutter, die einem gesagt hat, man könne mit Menschen umgehen. Der Großvater, der fand, dass man Dinge zu Ende bringt. Die Lehrerin, die einmal an den Rand geschrieben hat, man habe einen eigenen Blick. Auch das sind fremde Sätze, die man übernommen hat, ohne sie zu prüfen. Auch die sind geliehen. Und manche von ihnen tragen ein ganzes Leben.

Das Geliehene ist also nicht das Problem. Das Problem ist, dass wir nicht wissen, was davon geliehen ist. Wir behandeln alles gleich: als hätten wir es selbst herausgefunden.

Vielleicht ist es ein Satz, der dich klein gemacht hat. Vielleicht aber auch einer, der freundlich gemeint war und trotzdem zu eng geschnitten. Solche Sätze sind vertraut wie ein Möbelstück, das seit dreißig Jahren an derselben Stelle steht und das man nie als Möbelstück gesehen hat, sondern als Wand. Wer einen davon zurückgibt, hat danach eine Stelle frei, an der lange etwas stand. Das ist der unangenehme Teil der Frage, und er kommt später als der erste.

Was das Prüfen nicht kann

Hier könnte der Text aufhören und sagen: Also prüfe deine Sätze und behalte die guten. Aber so einfach ist es nicht.

Erstens kann man ein Bild von sich nicht ablegen wie einen Mantel. Der Satz „Ich bin eher der Vorsichtige“ ist nach dreißig Jahren keine Meinung mehr. Er ist eine Gewohnheit des Körpers. Man zögert, bevor man denkt. Man kann wissen, dass der Satz geliehen ist, und trotzdem an der Tür stehen bleiben.

Zweitens ist nicht klar, was übrig bleibt, wenn man das Geliehene abzieht. Wer bin ich ohne das, was mir andere über mich gesagt haben? Viele Menschen, die ehrlich hinsehen, finden dort erst einmal wenig. Kein verborgenes wahres Ich, das nur darauf gewartet hat, freigelegt zu werden. Eher eine Leerstelle, und in der Leerstelle die Frage, wer jetzt entscheiden soll.

Und drittens gibt es einen Verdacht, den man aushalten muss: Vielleicht ist das Prüfen selbst ein geliehener Vorgang. Vielleicht kommt das Bedürfnis, herauszufinden, wer man wirklich ist, aus einer Familie oder einer Zeit, in der genau das erwartet wird. Auch die Suche nach dem Eigenen hat einen Absender.

Das macht die Sache nicht sinnlos. Es macht sie nur ehrlicher.

Vielleicht ist nichts an dir eigen

Man sollte ihm an ein paar Stellen widersprechen.

Zum einen: Es gibt vielleicht gar kein Ich, das nicht geliehen wäre. Ein Mensch besteht aus Sprache, Herkunft, Begegnungen und Zufällen. Nichts davon hat er sich ausgesucht. Die Idee, hinter all dem Übernommenen sitze ein eigentliches Selbst, könnte selbst eine Erzählung sein, und keine besonders alte. Wer sie glaubt, sucht möglicherweise etwas, das es nicht gibt, und ist am Ende enttäuscht von einem Ergebnis, das niemand versprochen hat.

Zum anderen: Die geliehenen Sätze sind oft klüger, als sie sich anhören. Eltern beobachten ihre Kinder viele Jahre lang, sehr genau und meist mit gutem Willen. Wenn eine Mutter sagt, ihre Tochter sei die Vernünftige, hat sie das vielleicht wirklich gesehen. Nicht jeder Satz von außen ist eine Fessel. Manche sind eine Beschreibung, die stimmt, und es wäre Verschwendung, sie nur deshalb wegzuwerfen, weil sie nicht von einem selbst stammt.

Und schließlich: Menschen, die ihre Herkunft zu gründlich abstreifen, verlieren manchmal mehr, als sie gewinnen. Man kann sich so weit von den Sätzen der Familie entfernen, dass man am Ende an keinem Tisch mehr sitzt. Das ist keine Freiheit. Das ist ein anderer Preis.

Der letzte Einwand wiegt am schwersten, und er lässt sich nicht wegdiskutieren. Für diesen Preis gibt es keine Erstattung.

Nur ist das gar nicht, was in dem Keller passiert. Anna wird das Heft nicht wegwerfen. Den roten Satz wird sie auch nicht los, bloß weil sie jetzt weiß, wo er herkommt. Was sich ändert, ist viel kleiner als eine Befreiung: Der Satz steht nicht mehr als Wand im Raum, er liegt auf dem Tisch. Man kann ihn ansehen, verschieben, behalten. Dieser Text verlangt nicht, dass du dich von den Sätzen deiner Herkunft löst. Er verlangt nur, dass du weißt, welche von dort stammen. Der Unterschied klingt nach wenig. Er entscheidet darüber, ob du sie trägst oder ob sie dich.

Und du?

  • Welche drei Sätze benutzt du, wenn du dich jemandem in einer Minute beschreiben musst? Und von wem hast du jeden davon zum ersten Mal gehört?
  • Was galt in deiner Familie als selbstverständlich, ohne dass es je jemand ausgesprochen hat? Und wo lebst du heute noch danach?
  • Gibt es eine Eigenschaft, die man dir als Kind zugeschrieben hat und die du nie hattest? Was hast du getan, um sie trotzdem zu erfüllen?

Mitnehmen

Das nächste Mal, wenn dir „Ich bin halt so“ herausrutscht, halte den Satz einen Moment an. Nicht, um dich zu korrigieren. Nur, um zu fragen, wessen Stimme das gerade war.

Vielleicht ist es deine. Dann hast du das jetzt geprüft. Und vielleicht fällt dir dabei etwas anderes auf: dass diese Sätze erstaunlich früh fertig waren. Sie beschreiben ein Kind, das noch nicht widersprechen konnte, und keiner von ihnen hat je gefragt, was in diesem Kind sonst noch angelegt war. Danach gefragt hat später auch niemand mehr. Das ist der Teil, der nicht mehr die Familie betrifft.