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Hinsehen · ICH. · Kapitel 10 von 23

Der Wunsch zu verschwinden

Schuld sagt: Ich habe etwas getan. Scham sagt: Ich bin so. Das eine hat einen Ausgang, das andere nicht, und deshalb ist es das schwerere Gefühl.

7 Min. Lesezeit

Am Samstag bringt die Kollegin die Bohrmaschine zurück. Er hatte nicht damit gerechnet, dass sie hereinkommt, und sie kommt auch nur bis in den Flur.

Vierzig Sekunden. Der Wäscheständer im Wohnzimmer, der da immer steht. Die ungeöffnete Post auf der Kommode. Der Stuhl mit den Sachen darauf, die auf den Stuhl gehören.

Sie sagt etwas Freundliches und geht wieder.

Danach steht er in seinem Flur und sieht seine Wohnung von außen. Es ist nichts passiert, und es ist auch nichts falsch daran. Er lebt eben so.

Er hat nichts getan, wofür er sich entschuldigen müsste. Er ist nur gesehen worden.

Zwei Gefühle werden ständig verwechselt, obwohl sie sich gegensätzlich verhalten.

Ein Unterschied, der alles entscheidet

Schuld sagt: Ich habe etwas getan. Scham sagt: Ich bin so.

Das klingt nach einer Feinheit und ist der ganze Unterschied. Schuld hat einen Gegenstand und deshalb einen Ausgang. Man kann sich entschuldigen, etwas ausgleichen, es beim nächsten Mal anders machen. Es gibt eine Handlung.

Scham hat keinen Gegenstand außer der eigenen Person. Deshalb gibt es nichts zu tun. Man kann nicht wiedergutmachen, dass man ist.

Darum ist Schuld unangenehm und Scham unerträglich. Und darum hält sie sich so viel länger: Sie kann nicht erledigt werden, weil es nichts zu erledigen gibt.

Warum der Impuls Verschwinden heißt

Jedes starke Gefühl hat eine Bewegung. Angst will weg. Wut will hin. Trauer will festhalten. Scham will unsichtbar werden.

Daraus folgt ihre unangenehmste Eigenschaft: Sie verbietet genau die Handlung, die sie auflösen würde. Man müsste davon erzählen, und Erzählen heißt gesehen werden.

Daraus folgt etwas, das mehr Schaden anrichtet als das Gefühl selbst: Scham verhindert zuverlässig genau die Handlung, die sie auflösen würde. Wer sich für seine Schulden schämt, geht nicht zur Beratung. Wer sich schämt, schlecht zu lesen, meldet sich zu keinem Kurs an. Wer sich für seine Wohnung schämt, lädt niemanden ein und ist deshalb noch öfter allein. Das Gefühl bewacht das Problem, aus dem es entstanden ist.

Deshalb wächst sie im Dunkeln weiter. Man erkennt den Vorgang an dem, was Menschen in solchen Momenten tun. Sie reden schneller. Sie machen einen Witz darüber. Sie wechseln das Thema. Alles davon dient demselben Zweck, nämlich den Blick wegzubekommen. Alles, was nie ausgesprochen wurde, behält seine ursprüngliche Größe, und mit den Jahren kommt der Eindruck dazu, dass so etwas offenbar nur bei einem selbst vorkommt.

Es gibt allerdings einen zweiten Ausgang aus demselben Moment, und er sieht aus wie das genaue Gegenteil.

Wenn Scham zu groß wird, um sie auszuhalten, dreht sie sich nach außen. Aus dem Wunsch zu verschwinden wird ein Angriff. Der Mann, dem im Gespräch klar wird, dass er etwas nicht verstanden hat, redet plötzlich laut und abfällig über die Sache. Der Vater, dem jemand zeigt, dass sein Kind etwas braucht, das er nicht geben kann, wird wütend auf den, der es gezeigt hat.

Von außen sieht das nach Arroganz aus, manchmal nach Gemeinheit. Es ist der Versuch, das Gefühl loszuwerden, indem man es weiterreicht, denn beschämt zu sein ist unerträglicher, als schuld zu sein.

Das ist eine der nützlichsten Beobachtungen in diesem ganzen Gebiet, und sie geht in beide Richtungen. Wer sie kennt, versteht einen Teil der Wut, die ihm im Leben begegnet, ohne sie deshalb hinnehmen zu müssen. Und wer ehrlich ist, findet dieselbe Bewegung bei sich: Fast jeder kennt einen Moment, in dem er scharf geworden ist, weil er sich klein gefühlt hat.

Wozu sie da ist

Sie ist kein Fehler in der Ausstattung. Sie ist ein Warnsystem, und zwar ein soziales.

Sie meldet die Gefahr des Ausschlusses. Für ein Wesen, das allein nicht durchkommt, ist das keine Kleinigkeit, sondern die wichtigste Meldung überhaupt. Deshalb ist sie so körperlich: heiß, eng, sofort. Sie ist älter als jede Überlegung und schneller als jedes Argument.

Bemerkenswert ist, wie genau sie zwischen Lagen unterscheidet. Vor Fremden fällt sie kleiner aus als vor Bekannten, und am größten ist sie vor denen, deren Urteil man dauerhaft ausgesetzt bleibt. Sie rechnet also mit, was ein Ausschluss an dieser Stelle kosten würde.

Dabei ist zu unterscheiden, worauf sie sich richtet. Es gibt die Scham über etwas, das man getan hat, und die über etwas, das man ist: über den Körper, über die Herkunft, über zu wenig Geld, über eine Lücke im Wissen, die alle anderen offenbar nicht haben. Die zweite Sorte ist die schwerere, weil man ihr nicht durch Verhalten entkommt.

Und sie ist nicht angeboren. Niemand kommt mit Scham über seinen Dialekt zur Welt. Es hat immer jemanden gegeben, der gezeigt hat, dass daran etwas nicht stimmt, und meistens hat er es nicht einmal deutlich gesagt. Eine halbe Sekunde Blick hat gereicht.

Das erklärt auch, warum sie sich nicht wegdenken lässt. Wer sich sagt, es sei doch nichts passiert, hat vollkommen recht und spürt trotzdem genau dasselbe.

Wie sie benutzt wird

Weil sie so wirksam ist, wird sie eingesetzt. In Familien, in Betrieben, in Vereinen, unter Freunden.

Erkennen lässt sich das an der Form. Kritik richtet sich auf eine Sache. Beschämung richtet sich auf die Person, und sie sucht fast immer Publikum. Der Zusatz vor allen anderen ist kein Beiwerk. Er ist das Mittel.

Wer das ein paar Jahre erlebt, braucht später niemanden mehr dafür. Das System läuft dann von innen weiter, mit derselben Stimme und denselben Wörtern, und es meldet sich in Lagen, in denen niemand mehr zusieht.

Was tatsächlich etwas ändert

Zuspruch nicht. Der Satz, das müsse dir doch nicht peinlich sein, nimmt nichts weg, weil er das Gefühl bestreitet, statt es zu teilen.

Was wirkt, braucht einen anderen Menschen und besteht aus zwei Teilen: Es aussprechen und danach nicht ausgeschlossen werden. Genau das ist die Widerlegung, die kein Argument liefern kann. Nicht der Gedanke, dass es in Ordnung ist, sondern die Erfahrung, dass jemand es gehört hat und trotzdem bleibt.

Deshalb ist der Satz, das kenne ich, so viel wirksamer als jeder Trost. Er tut nur eines. Er nimmt die Besonderheit weg.

Wo die Unterscheidung wichtig bleibt

Und dann eine Warnung, weil es Mode geworden ist, alles Unangenehme zu Scham zu erklären und damit für unbegründet.

Manchmal ist das Gefühl Schuld und hat recht. Wer jemandem geschadet hat, sollte sich nicht zuerst fragen, woher seine Scham kommt. Er sollte sich um den Schaden kümmern.

Die Unterscheidung ist deshalb keine Spitzfindigkeit. Bei dem einen ist etwas zu tun, bei dem anderen nicht. Wer beides verwechselt, arbeitet jahrelang an einem Gefühl und lässt die Sache liegen. Oder er räumt die Sache weg und wundert sich, dass das Gefühl bleibt.

Und du?

  • Wofür schämst du dich, ohne dass jemand davon weiß?
  • Wer hat dich zuletzt vor anderen bloßgestellt, und was hat er damit erreicht?
  • Wem hast du einmal etwas Peinliches erzählt, und wie hat er danach mit dir geredet?

Mitnehmen

Die Probe besteht aus einem Satz zu einem einzigen Menschen. Nicht die größte Sache. Eine mittlere.

Beobachten solltest du dabei nicht seine Reaktion in der Sekunde. Die ist höflich und sagt wenig. Beobachte, ob er eine Woche später genauso mit dir redet wie vorher. Fast immer tut er es, und das ist die einzige Widerlegung, die wirklich greift.

Und wenn dir auffällt, dass dein Kopf die Szene danach tagelang nachspielt, hast du eine zweite Sache kennengelernt, die mit dem Gefühl selbst nichts mehr zu tun hat. Sie läuft nachts am zuverlässigsten und fühlt sich an wie Arbeit.