Hinsehen · ICH. · Kapitel 15 von 23
Wessen Ziele das sind
Die meisten Ziele werden einmal gesetzt und danach nur noch verfolgt.

Eine Kollegin hat nach dem Buch gefragt, und jetzt steht sie vor dem Regal im Flur und zieht es heraus. Beim Aufklappen fällt etwas auf den Boden, ein Zettel, mehrfach gefaltet, an den Kanten weich.
Sie hebt ihn auf. Eine Handschrift, die runder war als ihre heutige, ein Kugelschreiber, der zwischendurch ausgesetzt hat. Oben steht: Bis 30. Darunter sieben Zeilen. Ein Beruf. Eine Stadt. Ein Mann, mit drei Eigenschaften. Ein Haus mit Garten. Eine Sprache fließend. Zwei Kinder. Ein Buch geschrieben.
Sie ist einundvierzig. Sie liest die Liste zweimal. Fünf Haken könnte sie setzen. Dann faltet sie den Zettel wieder, legt ihn zwischen die Seiten zurück und das Buch in die Tasche, die morgen mit ins Büro geht.
Am Abend holt sie das Buch noch einmal heraus.
Fast jeder hat so eine Liste. Selten auf Papier. Meistens im Kopf, irgendwann zwischen sechzehn und fünfundzwanzig zusammengesetzt, aus dem Material, das damals gerade da war. Was die Eltern gesagt haben. Was in der Schule gelobt wurde. Was in der Klasse als gelungenes Leben galt. Was man selbst am schmerzlichsten vermisst hat.
Und dann ist mit dieser Liste etwas Merkwürdiges passiert. Sie wurde verfolgt, jahrelang, mit Fleiß und Ernst. Aber sie wurde nie wieder gelesen.
Verfolgen und prüfen sind zwei verschiedene Tätigkeiten. Die erste beherrschen wir gut. Die zweite kommt in kaum einem Leben vor.
Warum wir Ziele nur einmal setzen
Dafür gibt es Gründe, und keiner davon ist Dummheit.
Der erste: Ein Ziel, das man lange genug trägt, wird ein Teil von dem, was man für sich selbst hält. Aus „Ich will Ärztin werden“ wird „Ich bin jemand, der Ärztin wird“. Wer das Ziel prüft, prüft sich selbst. Das ist unangenehm, und deshalb tut man es nicht.
Der zweite: Man hat schon so viel hineingesteckt. Jahre, Geld, Erklärungen bei Familienfeiern. Was schon ausgegeben ist, wiegt schwer, auch wenn es sich nicht zurückholen lässt. Aufhören würde diese Ausgaben sichtbar machen. Weitermachen versteckt sie. Also macht man weiter, auch wenn das Weitermachen inzwischen mehr kostet als das Aufhören. Der Verlust wäre sichtbar. Die weiteren Kosten sind es nicht.
Der dritte: Ziele sind Gesprächsgeld. Man erzählt sie. Andere richten sich danach. Die Eltern erzählen sie weiter. Der Partner hat Pläne darum herum gebaut. Ein Ziel zu streichen heißt, in ein Geflecht zu greifen, in dem viele Fäden nicht die eigenen sind.
Wie sehr Ziele erwartet werden, merkt man spätestens im Bewerbungsgespräch. „Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?“ Niemand fragt, ob man dort sein will. Es wird vorausgesetzt, dass man irgendwohin will, und dass man es auf Nachfrage in zwei Sätzen sagen kann. Wer keine Antwort hat, wirkt nicht frei. Er wirkt unfertig. Also hat man eine Antwort, und mit der Zeit glaubt man sie.
Der vierte ist der interessanteste. Ziele wachsen von allein. Aus der Stelle wird die Beförderung, aus der Beförderung die nächste, aus der Wohnung das Haus, aus dem Haus das größere. Niemand hat je beschlossen, dass das die Endfassung sein soll. Sie ist einfach aus der vorherigen herausgewachsen, mitgezogen von dem, was um einen herum als normal galt. Von dem Ziel, das du heute verfolgst, hat vielleicht nie jemand entschieden, dass es deins ist.
Die Person, die die Liste geschrieben hat
Man sollte sich diesen Menschen einmal genau ansehen.
Er war neunzehn, oder zweiundzwanzig. Er kannte Berufe aus Erzählungen und Städte aus Besuchen. Er wusste, wie ein Leben von außen aussieht, wenn es gelungen ist, und hat das Äußere auf die Liste geschrieben, als wäre es ein Inneres. Ziele sind, genau betrachtet, Erwartungen mit einem Datum.
Und die meisten Zeilen auf so einer Liste wurden nicht wegen der Sache gewählt, sondern wegen des Gefühls, das die Sache versprochen hat. Der Beruf für den Respekt. Das Haus für die Ruhe. Die Beförderung für das Gefühl, angekommen zu sein. Man erreicht die Zeile, das Gefühl stellt sich ein, und nach ein paar Monaten ist es weg. Nicht, weil etwas schiefgegangen wäre. Sondern weil das Erreichte schnell zum Normalen wird. Was bleibt, ist die Liste. Also nimmt man die nächste Zeile.
So werden Listen länger. Kürzer werden sie fast nie.
Ein Ja darauf ist mehr wert, als es klingt. Es heißt, dass der Wunsch und die Jahre noch in dieselbe Richtung zeigen, und das kommt seltener vor, als man annimmt.
Schwieriger ist das Ja, das erst nach einer Begründung kommt. Wer beim Nachdenken bemerkt, dass er Argumente sammelt, verteidigt oft gar nicht das Ziel. Er verteidigt die Jahre. Das ist verständlich. Aber es ist nicht dasselbe.
Was für die alte Liste spricht
Es wäre zu einfach, den Zettel im Buch für einen Irrtum zu halten.
Manche Ziele wurden gut gewählt und sind gerade deshalb unsichtbar geworden. Sie haben gepasst, also musste man nie wieder über sie nachdenken. Nicht alles, was ungeprüft ist, ist fremd. Die Frau mit den fünf Haken würde vielleicht vier davon heute genauso setzen.
Und die Person, die die Liste geschrieben hat, wusste etwas, das die Einundvierzigjährige vergessen haben könnte. Sie wusste, was sie wollte, bevor sie gelernt hat, was realistisch ist. Die alte Liste ist nicht nur geliehen. Sie ist auch ein Zeuge. Man kann sie befragen. Man muss ihr nur nicht gehorchen.
Der Preis des Hinsehens
Ein Ziel zu prüfen kostet etwas, und deshalb lassen wir es meistens.
Man könnte feststellen, dass zehn Jahre in etwas geflossen sind, das man heute nicht mehr wählen würde. Diese Feststellung ist so unangenehm, dass die meisten Menschen lieber ein elftes Jahr investieren, als sie zu machen. Nicht hinsehen ist billiger. Kurzfristig.
Dann: Ein gestrichenes Ziel hinterlässt eine Lücke, und die Umgebung mag keine Lücken. „Du wolltest doch immer.“ Der Satz ist freundlich gemeint und schwer zu ertragen, weil er stimmt. Man wollte. Nur eben jemand anderes, der denselben Namen trug.
Und noch etwas: Ein neues Ziel ist nicht automatisch ein eigenes. Wer ein Ziel aufgibt, weil er es satt hat, läuft oft nur wieder von etwas weg. Das neue Ziel ist dann das Gegenteil des alten, und das Gegenteil eines fremden Ziels ist noch immer eine Antwort auf eine fremde Frage.
Manchmal zeigt sich beim Prüfen auch etwas Drittes: Das Ziel ist in Ordnung, nur der Grund hat sich geändert. Man behält die Stelle, aber nicht mehr für den Vater. Von außen sieht das gleich aus. Von innen ist es ein anderes Leben.
Das Wort, das in diesem Text fehlt
Man sollte ihm an mindestens vier Stellen widersprechen, und die erste davon trägt einen Namen, der hier bisher nicht vorkam.
Erstens: Große Dinge entstehen nur, wenn man jahrelang nicht fragt. Ein Studium, ein selbst gebautes Haus, ein groß gezogenes Kind, ein Instrument, das man mit vierzig endlich kann. Wer sein Ziel jeden Morgen prüft, erreicht keines. Ein Ziel, das man jederzeit fallen lassen kann, ist kein Ziel. Es ist ein Wunsch. Und das Festhalten, das dieser Text so kritisch beäugt, hat einen anderen Namen: Verbindlichkeit.
Zweitens: Das eigene Ziel ist eine Fiktion. Jedes Ziel kommt von irgendwoher. Die Forderung, selbst gewählte Ziele zu haben, ist selbst eine Erwartung, und zwar eine ziemlich neue. Frühere Generationen haben Ziele übernommen, ohne sie zu befragen, und viele haben damit gute Leben geführt. Wer verlangt, dass jedes Ziel geprüft und eigen sein muss, legt einem Menschen eine Last auf, die er sich nicht ausgesucht hat.
Drittens: Ein fremdes Ziel zu erreichen kann trotzdem das Richtige sein. Viele Menschen haben ihre Sache in etwas gefunden, in das sie hineingeschoben wurden. Das Ziel war geliehen. Das Leben, das daraus wurde, ist trotzdem ihres.
Viertens: Die Neunzehnjährige war vielleicht klüger als die Einundvierzigjährige, die ihre Müdigkeit für Realismus hält. Nicht jeder Zweifel an einem alten Ziel ist Reife. Manchmal ist er nur Erschöpfung, die sich einen Grund sucht.
Der Einwand mit der Verbindlichkeit ist der stärkste, und er trifft eine Lesart dieses Textes, die hier nicht gemeint ist. Wer sein Ziel jeden Morgen zur Abstimmung stellt, hat kein Ziel, sondern eine Stimmung. Prüfen ist auch nicht dasselbe wie streichen.
Die Frau am Abend streicht nichts. Sie holt ein Buch aus einer Tasche und liest sieben Zeilen, die seit zwanzig Jahren gelten und die in diesen zwanzig Jahren niemand mehr gelesen hat, sie selbst am wenigsten. Vielleicht bleiben am Ende alle sieben stehen. Zwischen einem Ziel, das man geprüft und behalten hat, und einem, das man nie angesehen hat, liegt von außen kein Unterschied. Von innen liegt der ganze dazwischen.
Und du?
- Welches Ziel verfolgst du gerade, von dem du nicht mehr sagen kannst, wann und warum du es gesetzt hast?
- Wenn du dein wichtigstes Ziel erreicht hättest: Was genau erwartest du, dabei zu fühlen? Und kennst du dieses Gefühl schon von einem früheren Ziel, das du erreicht hast?
- Wem müsstest du es sagen, wenn du ein Ziel streichst? Und was sagt dir diese Liste darüber, wem das Ziel gehört?
Mitnehmen
Irgendwann in diesem Jahr, es eilt nicht und es braucht keinen Termin: Nimm dir ein einziges Ziel vor. Nicht, um es zu streichen. Nur, um es anzusehen wie einen Zettel, der aus einem Buch fällt. Seit wann ist es da? Von wem kam es? Was hat es versprochen? Hat es das gehalten?
Vielleicht stellst du es zurück und bist froh darüber. Vielleicht auch nicht. Dann steht auf der Liste eine leere Zeile, und die ist unangenehmer, als sie aussieht. Denn bevor irgendetwas Neues hineinkommt, meldet sich eine Frage, auf die keine solche Liste vorbereitet ist: Was waren dann die Jahre, in denen die alte Zeile dort stand?


