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Hinsehen · LIEBE. · Kapitel 11 von 18

Die Frage nach Kindern

Kaum eine Entscheidung reicht so weit, und kaum eine wird so selten wirklich getroffen. Über zwei Antworten, die beide gelten, und über eine dritte, nach der niemand fragt.

11 Min. Lesezeit

Im Schaufenster eines Schuhgeschäfts steht eine kleine Auslage. Ganz vorn ein Paar Kinderschuhe, hellblau, mit Klettverschluss, kaum länger als eine Hand. Das Preisschild daneben liegt schief, jemand hat es beim Dekorieren verrutscht.

Eine Frau bleibt davor stehen. Sie wollte zur Apotheke, ihr Termin ist in vierzig Minuten. Im Glas spiegelt sich die Straße, ein Bus fährt durch ihr Gesicht.

Sie steht länger da, als man vor Kinderschuhen steht, wenn man keine braucht. Dann geht sie weiter und denkt bis zur Ampel, dass sie das niemandem erzählen würde.

Es gibt Entscheidungen, die man trifft, und es gibt Entscheidungen, die einem zustoßen.

Bei den meisten großen Dingen gibt es einen Moment, an den man sich später erinnert. Die Unterschrift unter einem Mietvertrag. Der Tag, an dem man gekündigt hat. Das Gespräch, nach dem eine Beziehung vorbei war. Man kann sagen, wann es geschah, und man kann sagen, dass man es war.

Bei der Frage nach Kindern fehlt dieser Moment erstaunlich oft. Es gibt Menschen, die nie beschlossen haben, Eltern zu werden, und es sind. Es gibt Menschen, die nie beschlossen haben, keine Kinder zu bekommen, und die keine haben. Dazwischen liegen Jahre, in denen niemand etwas entschied und in denen trotzdem etwas entschieden wurde.

Das ist bemerkenswert für die Sache, die ein Leben am gründlichsten verändert.

Eine Entscheidung ohne Termin

Andere große Fragen kommen mit einem Anlass, der zur Antwort zwingt. Ein Wohnort wird gewählt, wenn ein Vertrag ausläuft. Ein Beruf wird gewählt, wenn eine Ausbildung endet. Es gibt eine Frist, und die Frist erledigt das Zögern.

Die Kinderfrage kommt ohne Frist. Sie taucht auf, wenn Freunde eine Karte schicken, auf der ein Neugeborenes in einem viel zu großen Handtuch liegt. Sie taucht auf, wenn im Treppenhaus plötzlich ein Kinderwagen steht. Sie taucht auf an einem Küchentisch um halb zwölf, wenn längst das Licht aus sein sollte, und wird dann verschoben, weil am nächsten Morgen beide früh raus müssen.

Verschieben fühlt sich dabei nie wie eine Antwort an. Es fühlt sich an wie Offenhalten. Die Wohnung ist zu klein. Die Stelle ist befristet. Die Beziehung ist noch jung. Der Vater ist krank, und im Moment hat niemand Kraft für mehr. Jeder einzelne dieser Sätze stimmt, und keiner von ihnen ist eine Ausrede.

Zusammen ergeben sie eine Richtung.

Das ist der eigentümliche Zug an dieser Frage: Nichts zu tun ist hier keine neutrale Position. Es ist eine der beiden Antworten, nur langsamer gesprochen. Und weil sie so langsam gesprochen wird, hört man sie nicht.

In wessen Stimme du deine Gründe hörst

Wenn man Menschen fragt, warum sie Kinder wollen oder keine, kommen erstaunlich fertige Sätze. Sie kommen schnell, sie sind rund, und bei vielen klingen sie gleich.

Dafür: dass man nicht allein alt werden will. Dass ein Leben ohne Kinder irgendwann leer wird. Dass es dazugehört. Dass man den eigenen Eltern etwas schuldet. Dass sonst niemand da ist, wenn es darauf ankommt.

Dagegen: dass die Welt kein Ort ist, in den man jemanden hineinsetzt. Dass man seine Freiheit nicht abgeben will. Dass man dafür nicht gemacht ist. Dass die eigene Kindheit Gründe geliefert hat, sie nicht zu wiederholen.

Keiner dieser Sätze ist falsch. Viele davon sind nur nicht selbst gedacht.

Sie stammen aus einer Küche, in der über eine Nachbarin gesprochen wurde, die keine Kinder bekommen hat, und aus dem Ton, in dem das geschah. Sie stammen von einer Mutter, die lange vor jedem eigenen Wunsch eine Bemerkung über Enkel fallen ließ. Sie stammen aus einem Freundeskreis, in dem in drei Jahren alle dasselbe taten, und aus dem stillen Verdacht, den man bekommt, wenn man als Einziger nicht mitmacht. Sie stammen auch aus der Gegenrichtung, aus Gesprächen, in denen Elternschaft als Selbstaufgabe verhandelt wurde und jeder, der sie wollte, kurz erklären musste, warum.

Eine Entscheidung dieser Größe verlangt Gründe. Gründe entstehen aber nicht im luftleeren Raum. Sie werden aus dem zusammengebaut, was in Reichweite lag, und in Reichweite lag die eigene Herkunft.

Das Heikle daran ist, dass ein übernommener Grund sich von innen genau so anfühlt wie ein eigener. Es gibt keine Markierung. Er kommt schnell, er überzeugt, er passt. Gerade daran könnte man ihn erkennen.

Es kann sein, dass dir keine Wohnung einfällt und der Grund tatsächlich dir gehört. Es kann auch sein, dass dir gleich mehrere einfallen und du trotzdem dabei bleibst. Ein geerbter Satz wird nicht dadurch falsch, dass er geerbt ist. Er wird nur prüfbar. Der Unterschied liegt nicht darin, woher ein Grund kommt, sondern ob er dir den Blick auf dein Leben öffnet oder ihn ersetzt.

Zwei Türen, die verschieden zufallen

Die beiden Antworten sehen aus wie gleichwertige Möglichkeiten. In ihrer Form sind sie es nicht.

Ein Ja lässt sich nicht zurücknehmen. Es gibt keine Probezeit, keinen Rücktritt, keine Version, in der man es noch einmal anders macht. Wer ein Kind hat, hat es für immer, auch dann, wenn dieses Kind mit dreißig nicht mehr anruft. Kein anderer Entschluss reicht so weit über den Menschen hinaus, der ihn gefasst hat.

Ein Nein dagegen lässt sich lange zurücknehmen. Bis es sich nicht mehr zurücknehmen lässt. Dieser Punkt kommt nicht an einem bestimmten Tag, er wird nicht mitgeteilt, und die meisten merken erst hinterher, dass sie ihn passiert haben.

Daraus entsteht eine schiefe Lage. Das Ja erschreckt, weil es sich endgültig anfühlt, und wird deshalb besprochen, abgewogen, verschoben. Das Nein erschreckt nicht, weil das Endgültige daran nicht im Entschluss liegt, sondern im Kalender. Über das eine wird beraten. Beim anderen wird gewartet.

Wer also glaubt, er halte sich beide Möglichkeiten offen, hält in Wahrheit nur eine offen, und die andere schließt sich in der Zwischenzeit von selbst.

Die dritte Antwort, nach der niemand fragt

Über dem ganzen Gespräch liegt eine Annahme, die für sehr viele Menschen einfach nicht zutrifft: dass wollen und bekommen dasselbe sind.

Es gibt Paare, die seit sechs Jahren wollen. Es gibt Körper, die nicht mitmachen, ohne dass jemand sagen könnte, warum. Es gibt Menschen, bei denen etwas angefangen hat und wieder aufgehört, mehrmals, und die dafür kein Wort haben, das in ein Gespräch am Stehtisch passt.

Für sie ist die freundlichste Frage der Welt eine Zumutung. Die Frage, wann es denn bei ihnen so weit sei, verlangt eine Antwort. Die wahre Antwort dauert zwanzig Minuten und macht den Abend kaputt. Also sagen sie: mal sehen. Oder sie sagen, sie hätten sich dagegen entschieden, und übernehmen damit eine Entscheidung, die sie nie getroffen haben, weil das leichter ist, als die Wahrheit zwischen zwei Gläsern unterzubringen.

Man kann das für eine Randgruppe halten. Das ist es nicht. In jedem größeren Bekanntenkreis sitzt jemand, der diese Antwort schon einmal gegeben hat.

Und es verändert, wie man über die ganze Sache reden sollte. Wer Kinderlosigkeit grundsätzlich als Haltung liest, spricht einem Teil der Menschen eine Trauer ab, die sie ohnehin schon still tragen. Wer Elternschaft grundsätzlich als Selbstverständlichkeit behandelt, tut dasselbe von der anderen Seite.

Für die meisten Menschen war das nie eine Frage

An dieser Stelle muss sich dieses Kapitel selbst in die Quere kommen.

Dass die Kinderfrage überhaupt eine Entscheidung ist, ist historisch sehr jung und geografisch sehr schmal. Über die längste Zeit hinweg und an den meisten Orten bekamen Menschen Kinder, weil das geschah, wenn man zusammenlebte. Ob sie welche wollten, wurde nie gefragt, nicht aus Bosheit, sondern weil die Frage keinen Ort hatte. Es gab keine sichere Möglichkeit, sie zu beantworten, und keine Sprache, in der man sie gestellt hätte.

Diese Menschen haben keine schlechteren Leben geführt. Sie haben ihre Kinder nicht weniger geliebt, und sie waren nicht unbewusster als jemand, der zwei Jahre lang Listen abwägt.

Auch heute ist es für viele kein Beschluss, sondern eine Nachricht. Ein Test, ein Anruf, ein Nachmittag, an dem sich alles verschiebt. Danach wird nicht mehr gefragt, ob man das wollte, sondern nur noch, wie es geht. Und von diesen Leben lässt sich nicht behaupten, sie seien weniger durchdacht. Manche der ruhigsten Eltern haben nie überlegt, ob sie welche werden wollen.

Die Aufforderung, gründlich zu wählen, hat also selbst eine Herkunft. Sie stammt aus Verhältnissen, in denen genug Geld, genug Gesundheit und genug Ruhe vorhanden sind, um Zukunft zu planen. Wer sie zum Maßstab macht, erklärt einen sehr großen Teil der Menschheit für unreflektiert, und zwar von einem Küchentisch aus, an dem die Miete gesichert ist.

Dazu kommt ein zweiter Einwand, der das Nachdenken selbst betrifft. Es gibt keine Menge an Abwägung, die aus einer Sache ohne Rückweg eine sichere macht. Wer alles bedacht hat, kann ein Kind bekommen, das krank ist. Wer sich sorgfältig dagegen entschieden hat, kann mit fünfzig feststellen, dass die Gründe nicht mehr gelten. Sorgfalt schützt nicht vor dem Leben. Sie sorgt nur dafür, dass man die eigene Antwort später als seine erkennt.

Prüfen lässt sich unter all dem nicht die Antwort, sondern wessen sie ist. Nimm den Grund, den du zuletzt genannt hast, und frag dich, von wem du ihn zum ersten Mal gehört hast.

Bei manchen kommt dabei nichts, und das ist ein gutes Zeichen. Bei anderen kommt eine Stimme. Dann lohnt eine zweite Frage: Würde der Grund immer noch stehen, wenn diese Person es nie erfahren würde?

Die Frau vor dem Schaufenster hat nichts entschieden. Sie hat drei Minuten vor einem Paar Schuhe gestanden und ist dann zur Apotheke gegangen. Vielleicht ist das der eigentliche Ort dieser Frage: nicht das große Gespräch, sondern die drei Minuten, die man hinterher niemandem erzählt.

Und du?

  • Welchen Grund für oder gegen ein Kind hast du noch nie laut gesagt, weil er zu klein klingt, um so viel zu entscheiden?
  • Wenn dich niemand mehr danach fragen würde, weder deine Eltern noch deine Freunde noch Fremde auf einer Feier: Was bliebe von deiner Antwort übrig?
  • Wen kennst du, bei dem du die freundliche Frage stellst, ohne zu wissen, was sie ihn kostet?

Mitnehmen

Wenn das nächste Mal jemand erzählt, er habe sich für oder gegen Kinder entschieden, hör auf die Begründung. Nicht um sie zu prüfen. Nur um zu hören, ob da ein Mensch nachdenkt oder ob der Satz schon fertig war, bevor er gebraucht wurde.

Und danach dasselbe bei dir. Deine Antwort darf bleiben, wie sie ist. Es geht nur darum, ob sie dir gehört.

Was dabei auffällt: Die Frage wird fast immer zu zweit gedacht, an einem Tisch, an dem jemand sitzt. Sie stellt sich aber auch denen, neben denen gerade niemand sitzt, und zwar früher und schärfer. Für sie hängt an ihr noch eine zweite Frage, und die handelt nicht von Kindern, sondern davon, ob ein Leben ohne den anderen Menschen überhaupt schon begonnen hat.