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Hinsehen · LIEBE. · Kapitel 12 von 18

Allein, aber nicht übrig

Allein zu leben ist ein Zustand. Sich übrig zu fühlen ist eine Deutung, und sie kommt selten nur von innen.

8 Min. Lesezeit

Ein kleines Restaurant, an der Scheibe ein handgeschriebenes Schild mit dem Gericht des Tages. Eine Person steht am Eingang und sagt: „Ich habe reserviert.“ Der Kellner sieht auf die Liste. „Für zwei?“

„Für einen.“

Es ist nur eine Rückfrage. Trotzdem folgt sofort der Satz, den niemand bestellt hat: „Ich treffe später noch Freunde.“ Dabei stimmt das nicht. Nach dem Essen geht sie nach Hause, öffnet das Fenster und liest auf dem Sofa ein Buch, auf das sie sich seit Mittag freut.

Der Abend ist gut. Nur die Erklärung am Eingang hängt noch eine Weile darin.

Alleinsein ist einer der wenigen Zustände, für die Menschen sich rechtfertigen, obwohl sie niemandem schaden.

Wer allein reist, ist mutig. Wer allein wohnt, ist unabhängig. Wer allein im Restaurant sitzt, ist entweder bewundernswert oder bemitleidenswert. Einfach nur hungrig darf er erstaunlich selten sein.

Das hat nicht zuerst mit Einsamkeit zu tun. Es hat mit einer Ordnung zu tun, in der zwei als vollständig gelten und einer als vorläufig.

Eine Welt für zwei

Die meisten Alltage sind um Paare herum gebaut, auch wenn niemand das beschlossen hat.

Wohnungen werden für zwei Einkommen kalkuliert. Urlaube, Einladungen und Formulare fragen nach einer Begleitung. Bei Familienfesten wird nicht nur gefragt, wie es dir geht, sondern ob es „jemanden gibt“. Als wäre dein Leben eine Wohnung, in der noch ein Zimmer leer steht.

Selbst die Sprache hilft mit. Ein Mensch ist nicht einfach allein. Er ist „noch“ allein, „wieder“ allein oder „bewusst“ allein. Jedes dieser Wörter erklärt den Zustand als Übergang, Folge oder Entscheidung. Nur beim Paar braucht es kein Zusatzwort. Zwei gelten als Antwort. Einer als Frage.

Das ist nicht böse gemeint. Meistens ist es Fürsorge. Wer fragt, ob es jemanden gibt, meint oft: Ist da jemand, der dich hält, wenn es schwer wird? Das ist eine gute Frage. Nur wird sie mit einer anderen verwechselt: Teilt jemand dein Bett? Zwischen beiden liegt ein ganzes Leben aus Freunden, Geschwistern, Nachbarn und Menschen, die morgens wirklich ans Telefon gehen würden.

Vielleicht ist das erste Missverständnis deshalb dieses: Beziehung und Verbundenheit sind nicht dasselbe. Man kann in einer Partnerschaft sehr allein sein. Und man kann allein wohnen, ohne dass der eigene Tag an irgendeiner Stelle menschenleer wäre.

Was die Wohnung nicht beantwortet

Natürlich gibt es Einsamkeit.

Sie sitzt nicht nur in leeren Wohnungen. Aber dort kann sie besonders laut werden, weil niemand zufällig in die Küche kommt und eine Frage stellt. Sonntage haben dann zu viele Stunden. Krankheit wird organisatorisch. Eine kaputte Lampe ist nur eine kaputte Lampe, bis man mit Fieber daruntersteht und merkt, dass niemand weiß, dass es dunkel ist.

Diese Seite des Alleinlebens kleinzureden wäre genauso falsch wie das Mitleid im Restaurant. Nähe ist kein Luxus. Menschen brauchen Zeugen ihres Lebens. Jemanden, der bemerkt, wenn eine Stimme anders klingt. Jemanden, mit dem sich eine Erinnerung überschneidet. Ohne solche Menschen wird ein Tag nicht unwirklich, aber er muss sich allein bestätigen.

Nur löst eine Partnerschaft das nicht automatisch. Der Mensch auf der anderen Seite des Bettes kann sehr weit weg sein. Und ein Freund, der drei Straßen weiter wohnt, kann näher sein als jemand, mit dem man eine Adresse teilt.

Einsamkeit zählt keine Zahnbürsten. Sie misst, ob man irgendwo vorkommt.

Manche haben sofort einen Namen. Andere mehrere. Manche keinen. Keine dieser Antworten sagt, ob man als Paar oder allein lebt. Sie sagt nur, wo das eigene Leben einen Widerhall hat.

Die Freiheit, die niemand sieht

Allein zu leben gibt etwas, über das weniger gesprochen wird, weil es schnell wie Trost klingt.

Es gibt einem ungefragte Zeit. Die Wohnung ist nicht leer, sie ist unverhandelt. Niemand möchte heute anders essen, schlafen, reisen oder schweigen. Man kann einen Sonntag verlieren, ohne dass jemand enttäuscht ist. Man kann eine Lampe drei Wochen auf dem Boden stehen lassen und sie dann nachts um elf aufhängen. Nicht jede Freiheit muss groß sein, um sich wie die eigene anzufühlen.

Für manche Menschen ist genau das kein Ersatz für Nähe, sondern eine Lebensform, die stimmt. Nicht trotz fehlender Partnerschaft. Ohne dieses Trotz. Sie haben Beziehungen, aber nicht die eine, die alles ordnen soll. Ihr Alltag verteilt sich auf mehrere Menschen und behält einen Raum, in dem niemand mitentscheidet.

Das Problem beginnt, wenn sie dieses Leben ständig als Zwischenstand behandeln müssen. Wer glaubt, er sei übrig, wartet auch in einem guten Leben auf dessen Beginn. Er richtet sich nur provisorisch ein, kauft den Tisch nicht, macht die Reise nicht, hängt die Bilder nicht auf. Die Zukunft soll erst eintreten, wenn jemand durch die Tür kommt.

So kann ein Mensch Jahre verlieren, nicht an das Alleinsein, sondern an die Vorstellung, es zähle noch nicht.

Wo Unabhängigkeit zur Erzählung wird

Aber auch die andere Geschichte kann zu glatt sein.

„Ich brauche niemanden“ klingt selbstbewusst und ist manchmal nur die eleganteste Form der Enttäuschung. Wer oft genug nicht gewählt wurde, kann aus dem Nichtgewähltwerden eine Wahl machen. Das schützt. Es nimmt den anderen die Macht, einen Mangel zu benennen, den man selbst schon zur Freiheit erklärt hat.

Und wer lange allein entscheidet, kann verlernen, sich stören zu lassen. Ein anderer Mensch kommt nicht nur mit Nähe. Er kommt mit Gewohnheiten, Bedürfnissen und falschen Zeitpunkten. Er benutzt den Raum anders, als man ihn eingerichtet hat. Manche nennen es dann Unabhängigkeit, wenn sie eigentlich meinen, dass kein fremder Wunsch mehr in ihrem Tag vorkommen soll.

Freiheit zeigt sich nicht nur darin, allein sein zu können. Sie zeigt sich auch darin, ob Nähe möglich bleibt, ohne als Einbruch erlebt zu werden.

Darum hilft weder die romantische Geschichte noch die stolze. Der allein lebende Mensch ist nicht halb. Aber er ist auch nicht jenseits des Bedürfnisses, gemeint zu sein. Beides darf gleichzeitig stimmen.

Was eine andere Sicht nicht ersetzt

Für viele ist das Alleinsein nicht frei gewählt. Es ist die Folge eines Verlusts, vieler Absagen oder einer Sehnsucht, die bisher keine Antwort bekommen hat. Ihnen zu sagen, sie sollten ihren Zustand nur anders deuten, wäre grausam. Eine Deutung ersetzt keinen Menschen, den man vermisst.

Und was sie vermissen, ist auch nicht beliebig aufteilbar. Eine Partnerschaft hat eine besondere Nähe, die sich nicht auf mehrere Freundschaften verteilen lässt. Gemeinsam älter werden, Verantwortung und Alltag teilen, über Jahre dieselbe Wohnung und dieselben Sorgen tragen: Das ist nicht einfach ein weiterer Kontakt im Netz. Wer diese Form von Bindung will und nicht hat, darf sie vermissen, ohne damit das eigene Leben abzuwerten.

Dazu kommt etwas, das mit Gefühlen gar nichts zu tun hat. Unsere Gesellschaft lagert sehr viel Fürsorge an Paare aus. Im Krankenhaus, bei Krankheit, im Alter und bei Geldfragen macht es einen wirklichen Unterschied, ob jemand rechtlich und praktisch zuständig ist. Alleinleben hat materielle Kosten, und die verschwinden nicht durch Selbstachtung.

Der letzte Einwand betrifft den Abend am Anfang. Vielleicht war das Unbehagen am Eingang gar nicht der Druck einer Ordnung, in der zwei als vollständig gelten. Vielleicht war es Einsamkeit, ganz schlicht. Nicht jede schmerzhafte Empfindung wurde einem eingeredet, und dann ist der Satz über die Freunde später keine Rechtfertigung, sondern ein Wunsch, der sich verkleidet hat, weil er sich so nicht sagen ließ: Ich möchte heute nicht allein sein. Dieser Wunsch ist niemals das Problem. Das Problem ist erst der zweite Satz, den man leise hinterherschickt, der aus dem Wunsch ein Urteil über den eigenen Wert macht.

Und du?

  • Welchen Teil deines Lebens behandelst du als vorläufig, bis jemand anderes darin auftaucht?
  • Wer sind die Menschen, bei denen dein Alltag vorkommt, auch wenn keiner von ihnen der Mensch an deiner Seite ist?
  • Ist die Freiheit, die du am Alleinsein schätzt, eine Bewegung auf dich zu oder eine Vorsichtsmaßnahme gegen andere?

Mitnehmen

Tu eine Sache nicht für später und nicht für zwei. Deck den Tisch, fahr den Weg, kauf die Lampe, die seit Monaten nur für eine künftige Wohnung gedacht ist. Nicht als Übung im Alleinsein. Als Anerkennung dafür, dass dieser Tag kein Warteraum ist.

Und wenn du dabei jemanden vermisst, widerspricht das dem nicht. Es gibt Menschen, die fehlen, obwohl das eigene Leben vollständig zählt.

Es gibt allerdings auch eine Einsamkeit, die mit dem Alleinleben nichts zu tun hat. Manche liegen jeden Abend neben jemandem und werden dort nicht mehr bemerkt. Was daraus irgendwann folgt, sieht von außen aus wie eine Entscheidung gegen den anderen und handelt fast immer von etwas anderem.