Hinsehen · LIEBE. · Kapitel 13 von 18
Was ein Seitensprung erzählt
Der Satz, es sei nicht geplant gewesen, stimmt meistens. Und er gibt mehr zu, als er zugeben will.

Der Aufzug steht in der dritten Etage und bewegt sich nicht. Zwei Menschen warten davor, beide mit einer Schlüsselkarte in der Hand, beide mit einem Glas, das unten in der Bar hätte stehen bleiben können.
Einer sagt, über die Treppe wäre man längst oben. Es geht trotzdem keiner.
Oben führt der Flur an gemusterten Teppichbahnen entlang. Vor der ersten Tür bleiben beide stehen und reden noch über etwas, das nicht wichtig ist. In einer Jackentasche liegt ein Telefon mit dem Bildschirm nach unten. Darauf wartet seit dem Abendessen eine Frage, ob es schön war.
Es gibt wenige Dinge, über die so schnell geurteilt und so wenig nachgedacht wird.
Auf der einen Seite steht die Empörung, die gar nicht wissen will, wie es dazu kam, weil sie sonst zuhören müsste. Auf der anderen steht die Entschuldigung, die aus jedem Menschen ein Opfer seiner Umstände macht. Dazwischen liegt das, was tatsächlich passiert ist, und es ist meistens unspektakulärer und unangenehmer als beides.
Denn ein Seitensprung ist kein Ereignis. Er ist ein Ende, an dem viele Anfänge hängen.
Der Satz, der sich selbst widerspricht
Danach kommt fast immer derselbe Satz. Es war nicht geplant.
Und er stimmt. Kaum jemand legt sich einen Plan zurecht. Ein Plan müsste vor dem eigenen Gewissen bestehen, er hätte ein Datum und eine Absicht, und genau deshalb macht ihn niemand. Was stattdessen passiert, ist etwas anderes und schwerer zu fassen: eine Reihe von Entscheidungen, von denen jede einzelne zu klein war, um eine zu sein.
Sitzen bleiben, als die anderen gehen. Das zweite Glas, das niemand bestellen musste. Die Beziehung im Gespräch nicht erwähnen, nicht aus Berechnung, sondern weil sie gerade nicht dazugehört. Eine Nachricht am nächsten Morgen, die ein wenig zu früh kommt. Eine Antwort, die etwas länger ist als nötig. Der Gedanke, dass man jemandem davon erzählen könnte, und der Umstand, dass man es nicht tut.
Nichts davon ist Untreue. Jedes davon ist eine Tür, die offen bleibt.
Deshalb ist „nicht geplant“ kein Gegensatz zu „entschieden“. Es ist die Mehrzahl davon. Wer nichts geplant hat, hat nicht einmal entschieden, sondern zwanzigmal, und jedes Mal so klein, dass es sich nicht wie eine Entscheidung anfühlen musste. Der Satz verteidigt gegen den Vorwurf der Absicht und gibt dabei etwas Größeres zu. Wäre es geplant gewesen, gäbe es einen einzigen Punkt, an dem man hätte umkehren können. So gab es zwanzig, und an keinem davon kam jemand vorbei, der nicht selbst gegangen wäre.
Das Unangenehme daran ist nicht die Härte des Urteils. Es ist, dass sich die Kette hinterher so schwer erzählen lässt. Jeder einzelne Schritt klingt erklärbar. Zusammen ergeben sie etwas, das niemand erklären kann, ohne bei sich selbst anzukommen.
Einmal wieder jemand sein, den man nicht kennt
Bleibt die Frage, wonach jemand dort eigentlich sucht. Die Antwort heißt erstaunlich oft nicht Sex.
In einer langen Nähe ist man bekannt. Das ist ihr größter Trost und ihr stiller Preis. Der andere weiß, wie du auf Absagen reagierst, wie du in der zweiten Urlaubswoche wirst, welchen Satz du gleich sagen wirst, bevor du ihn sagst. Er hat dich gesehen, als es dir schlecht ging. Er kennt die Version deiner Geschichten, in denen du nicht gut wegkommst. Das ist Verbundenheit, und es ist zugleich eine Form von Festgelegtsein.
Neben einem Fremden ist ein Mensch für ein paar Stunden wieder unbestimmt. Der Witz ist neu. Die Geschichte vom eigenen Beruf klingt noch nach etwas. Niemand weiß, wie man morgens ist. Man wird nicht gewusst, sondern angesehen.
Deshalb erzählt ein Seitensprung meistens weniger über die Beziehung als über den, der ihn begeht. Nicht: Ich habe nichts mehr bekommen. Sondern: Ich wollte mich noch einmal anders sehen. Das hat oft mit dem Alter zu tun, mit einem Beruf, der niemanden mehr überrascht, mit dem Gefühl, in einer Rolle zu sitzen, die man nicht ausgesucht hat und aus der einen keiner mehr holt. Der andere Mensch ist dann nicht der Grund. Er ist der Spiegel, der noch nichts weiß.
Und genau deshalb löst das Ganze so selten, wozu es gedacht war. Der Blick eines Fremden lässt sich nicht behalten. Er hört in dem Augenblick auf, der Blick eines Fremden zu sein, in dem er bleibt.
Vielleicht war es die Aufmerksamkeit. Vielleicht war es aber eher, dass in diesem Moment nichts von dir feststand, und dass es angenehm ist, für eine Weile wieder offen zu sein. Das eine sagt etwas über den anderen Menschen. Das andere sagt etwas über das Leben, in das man danach zurückgeht.
Die Wochen, die rückwirkend anders werden
Über die erste Verletzung wird viel gesprochen. Über die zweite fast nie.
Wer betrogen wurde, verliert nicht nur einen Abend, von dem er nichts wusste. Er verliert die Zeit davor. In dieser Zeit hat man zusammen am Tisch gesessen, einen Urlaub gebucht, sich über eine gute Nachricht gefreut, über die Nachbarn geredet. Und einer der beiden wusste dabei etwas, was der andere nicht wusste.
Diese Wochen lassen sich hinterher nicht mehr so erinnern, wie sie erlebt wurden. Sie werden neu geschrieben, ohne dass jemand sie anfasst. Was zerbricht, ist nicht nur das Vertrauen in die gemeinsame Zukunft. Es ist die Verlässlichkeit der Vergangenheit.
Dazu kommt etwas, das noch tiefer sitzt. Menschen gehen danach durch ihre eigenen Erinnerungen wie durch eine Wohnung, in die eingebrochen wurde. Das war also der Abend, an dem das Telefon im Flur lag. Das war also der Grund für die schlechte Laune im Herbst. Was dabei verloren geht, ist nicht nur das Vertrauen in den anderen. Es ist das Vertrauen in die eigene Wahrnehmung, und das wiegt oft schwerer, weil man es überallhin mitnimmt, auch in jede spätere Nähe.
Das Verschweigen ist deshalb nicht der Anhang der Sache. Es ist die zweite Handlung, und es ist die längere. Eine Nacht dauert Stunden. Das Nichtsagen dauert Wochen und besteht aus lauter gewöhnlichen Sätzen.
Wenn längst nichts mehr da war, was gebrochen werden konnte
Gegen all das steht ein Einwand, den man nicht kleinreden darf.
Es gibt Beziehungen, in denen seit Jahren nichts mehr geteilt wird außer einer Adresse. Zwei Menschen, die sich nicht mehr berühren, nicht mehr fragen, nicht mehr streiten, weil Streiten schon zu viel Beteiligung wäre. Beide wissen es. Keiner sagt es. In so einer Lage ist eine Affäre nicht die Ursache von etwas, sondern die Stelle, an der etwas sichtbar wird, das längst entschieden war.
Wer dann den einen zum Täter macht und den anderen zum Opfer, macht es sich zu leicht. Es gibt das jahrelange Sichentziehen, die Kälte im Nebensatz, das Wegdrehen im Bett, die Verachtung, die nie ausgesprochen wird und deshalb nicht als Tat gilt. Dafür gibt es keinen Tag im Kalender und keinen Hotelflur. Es hat kein Bild, also kommt es in keiner Erzählung vor. Wer nie fremdgegangen ist, ist deswegen nicht unschuldig an dem, was zwischen zwei Menschen gestorben ist.
Und der Gedanke dieses Textes kann selbst zur Waffe werden. Zu sagen, ein Seitensprung erzähle vor allem etwas über den, der ihn begeht, erklärt den anderen zu einem Charakterfall und erspart dem, der es sagt, jedes Gespräch darüber, wie es so weit kommen konnte. Aus einer Beobachtung wird dann ein Urteil, und Urteile hören auf zu fragen.
Nur nimmt keine dieser Erklärungen den einen Unterschied weg, der übrig bleibt. Einer hat entschieden. Der andere wurde nicht gefragt.
Man kann über eine erloschene Beziehung reden. Man kann sagen, dass man so nicht weiterleben will. Man kann gehen. Das alles ist schwer, langsam und unangenehm, und es hat eine Eigenschaft, die die andere Möglichkeit nicht hat: Der Mensch, um den es geht, kommt darin vor. Ein Seitensprung beendet etwas, ohne den zu fragen, der die Hälfte davon ist. Das ist der Teil, der sich mit keiner Vorgeschichte verrechnen lässt, auch nicht mit einer wahren.
Im Flur wartet währenddessen niemand auf eine Erklärung. Der Aufzug steht immer noch in der dritten Etage. Es wären zwölf Schritte bis zur anderen Tür gewesen.
Und du?
- Gibt es in deinem Leben eine Reihe kleiner Schritte, von denen du jeden einzelnen für harmlos hältst? Wohin führt sie, wenn du sie zu Ende denkst?
- Was erhoffst du dir vom Blick eines Menschen, der dich nicht kennt, und warum erwartest du es nicht mehr von dem, der dich kennt?
Mitnehmen
In jeder langen Nähe kommt eine Stelle, an der man nicht mehr gesehen, sondern gewusst wird. Erzähl dem Menschen, mit dem du lebst, irgendwann etwas über dich, das er noch nicht weiß. Nicht als Rettungsversuch und nicht als Beweis. Nur um zu merken, ob es so etwas noch gibt.
Und wenn es das nicht mehr gibt, ist das eine Auskunft und keine Anklage. Manches lässt sich zurückholen, manches nicht. Was danach anfängt, wenn nichts mehr zurückzuholen ist, hat mit dem anderen Menschen weniger zu tun, als es sich anfühlt. Es fängt mit einer Frage an, die jemand sich in einer halb ausgeräumten Wohnung stellt: was das alles über ihn selbst bedeuten soll.


