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Hinsehen · SPUREN. · Kapitel 5 von 15

Beruf und Berufung

Dass Arbeit einen Menschen tragen soll, ist eine sehr junge Forderung. Sie schickt ihre Rechnung an die, die sie am wenigsten bestellt haben.

10 Min. Lesezeit

In einem Garten steht ein Stehtisch mit einer Papierdecke, die an den Ecken hochgeht. Ein Mann hält ein Glas in der Hand und kennt hier zwei Leute.

Jemand stellt ihm die Frage, die an solchen Tischen immer kommt. Er sagt, was er macht. Schadensmeldungen bei einer Versicherung, seit vierzehn Jahren.

Der andere nickt und sagt: „Ah. Und ist das deins?“

Er hört die Frage, und er hört auch, was sie meint. Dann sagt er: „Es zahlt die Rechnungen.“ Und danach, ohne dass jemand gefragt hätte: „Aber ich hab ja noch den Chor.“

Auf dem Rückweg fällt ihm auf, dass er den zweiten Satz hinterhergeschoben hat.

Es gibt eine Frage, die harmlos aussieht und einen Preis hat. Sie lautet: Und, ist das deins?

Niemand fragt so nach der Wohnung. Niemand will wissen, ob die Straße, in der jemand lebt, wirklich zu ihm passt oder ob er sie nur genommen hat, weil sie frei war. Bei der Arbeit aber reicht die Auskunft nicht, was jemand tut. Es fehlt noch etwas. Es fehlt, dass es zu ihm gehört, dass es mehr ist als ein Tausch von Stunden gegen Geld, dass da ein Zusammenhang besteht zwischen dem Menschen und dem, was er den halben Tag macht.

Wer das nicht liefern kann, liefert stattdessen den Chor.

Eine Frage, die es lange nicht gab

Man kann diese Erwartung für eine alte Wahrheit über den Menschen halten. Sie ist keine.

Über die längste Zeit hinweg war Arbeit das, was getan werden musste, damit gegessen werden konnte. Ein Mensch hatte das Handwerk seines Vaters, das Feld seiner Familie oder die Arbeit, die es in seinem Ort eben gab. Ob sie zu ihm passte, war keine sinnvolle Frage, weil es nichts gab, wozu sie hätte passen sollen. Erfüllung, sofern jemand danach suchte, suchte man woanders: im Glauben, in der Familie, in der Nachbarschaft, in den Stunden nach der Arbeit.

Erst als Arbeit anfing, wählbar zu werden, konnte sie anfangen, schuldig zu bleiben. Wer wählen kann, kann falsch wählen. Und wer falsch wählen kann, kann daran gemessen werden.

Dazu kam etwas Zweites. Die Sprache, in der über Arbeit gesprochen wird, hat sich verschoben. Aus einer Stelle wurde eine Aufgabe, aus einem Betrieb etwas, an das man glauben soll, aus einem Arbeitsvertrag eine Art Bekenntnis. Diese Sprache ist in Bereiche gewandert, in denen es um Lieferfristen und Bearbeitungszeiten geht, und sie tut dort etwas Bestimmtes: Sie macht aus einer Bezahlung eine Zugehörigkeit. Was als Zugehörigkeit verhandelt wird, lässt sich schlechter ablehnen und schwerer beenden.

Eine Forderung, die so jung ist, muss man nicht für ein Naturgesetz halten. Man darf fragen, wem sie nützt.

Wer sich eine Berufung leisten kann

Sie hat außerdem Bedingungen, über die selten gesprochen wird, weil die, die sie stellen, sie längst erfüllen.

Einer Berufung zu folgen setzt voraus, dass man eine Weile schlecht bezahlte Arbeit machen kann. Dass jemand einspringt, wenn etwas schiefgeht. Dass man umziehen kann, weil nichts an einen Ort gebunden ist. Dass zu Hause niemand gepflegt werden muss. Dass man nicht mit zwanzig schon für andere mitverdient hat. Dass ein zweiter Anlauf möglich ist, wenn der erste nicht trägt.

Wer diese Bedingungen hatte, erzählt später gern, er habe auf sein Gefühl gehört. Wer sie nicht hatte, hat auf die Kündigungsfrist gehört, und das ist keine kleinere Leistung.

So wird die Berufung zu einer Erzählung, in der sich Herkunft in Charakter verwandelt. Aus Geld, das vorhanden war, wird Mut. Aus einem Netz, das aufgespannt blieb, wird Selbstvertrauen. Aus Eltern, die den ersten Umzug bezahlt haben, wird die Bereitschaft, ein Risiko einzugehen. Niemand lügt dabei. Man erinnert nur die eigene Geschichte so, wie man sie später erzählt bekommt.

Und wer daneben steht und diese Erzählung hört, zieht den einzigen Schluss, den sie zulässt: dass ihm etwas gefehlt hat, das andere hatten, und dass dieses Etwas in ihm selbst zu suchen ist.

Ein schlechtes Gewissen ohne Versäumnis

Damit trifft die Forderung auf die, die sie nicht erfüllen können, und sie trifft sie an einer empfindlichen Stelle.

Sie arbeiten seit Jahren in einem Beruf, den sie ordentlich beherrschen und der sie nicht trägt. Keine Krise, kein Elend, kein Zusammenbruch. Nur das Gefühl, an einem Ort zu stehen, an dem eigentlich mehr sein müsste, und die leise Rechnung, die im Hintergrund mitläuft.

Das Unangenehme daran ist nicht die Arbeit. Es ist der Verdacht, dass es an einem selbst liegt. Andere haben ihre Sache gefunden, also hat man zu wenig gesucht, zu früh nachgegeben, zu ängstlich gewählt. Aus einer gewöhnlichen Erwerbsbiografie wird auf diese Weise ein persönliches Versagen, und zwar ohne dass irgendetwas passiert wäre.

Ein schlechtes Gewissen setzt aber ein Versäumnis voraus. Hier gibt es keines.

Denn es gibt nicht genug Berufungen für alle, und das ist keine traurige Feststellung über das Schicksal, sondern eine schlichte über die Arbeit selbst. Jede Gesellschaft braucht Menschen, die Schäden bearbeiten, Regale einräumen, Leitungen verlegen, Akten führen, Busse fahren, Nachtdienste übernehmen. Diese Arbeit verschwindet nicht, wenn alle ihrem Ruf folgen. Sie wird nur von jemandem gemacht, dem man zusätzlich zu den Stunden noch erklärt, er hätte mutiger sein können.

Das ist die eigentliche Ungerechtigkeit an dieser Forderung. Sie verlangt am lautesten von denen etwas, deren Arbeit am wenigsten dafür gebaut ist, und sie hält sie dann für undurchdacht, wenn sie es nicht liefern.

Vielleicht ist es ein Hobby. Vielleicht ein Halbsatz darüber, dass es nur vorübergehend sei, obwohl es das seit neun Jahren ist. Vielleicht hängst du nichts an, und dann lohnt sich die Frage, bei wem du das kannst und bei wem nicht. Der Zusatz ist ohnehin selten für den Fragenden gedacht. Er ist für die Vorstellung, die man von sich selbst behalten will.

Gut gemacht reicht auch

Es gibt eine andere Art, über Arbeit zu reden, und sie kommt ohne große Worte aus.

Eine Sache ordentlich machen. Wissen, wo etwas hingehört. Einen Vorgang so bearbeiten, dass der Nächste ihn versteht, ohne anzurufen. Jemanden am Telefon nicht wie den zwölften Anruf behandeln, obwohl er der zwölfte ist. Ein Werkzeug an seinen Platz legen. Eine Übergabe schreiben, die auch die schwierige Stelle enthält.

Nichts davon ist Berufung. Alles davon ist Können, und Können ist etwas, worauf ein Mensch stehen kann. Es verlangt keine Liebe zur Sache. Es verlangt Aufmerksamkeit, und es zahlt in einer Währung zurück, die unscheinbar aussieht: dass man weiß, was man kann, und dass jemand anders damit weiterarbeiten kann.

Dazu kommt der zweite Teil, der größer ist, als er klingt. Sinn darf woanders liegen als dort, wo das Geld herkommt.

Das dreht eine Reihenfolge um, die kaum noch jemand prüft. Ein Mensch kann acht Stunden lang Schadensmeldungen bearbeiten und der sein, der im Chor die zweite Stimme hält, ohne die es nicht klingt. Er kann seine Arbeit anständig tun und sein Leben an einem anderen Ort haben, bei Kindern, in einem Garten, in einer Werkstatt, bei einem Menschen, der sonst niemanden hat. Der Chor ist dann nicht der Trost für ein verfehltes Leben. Er ist der Teil, um dessentwillen die acht Stunden in Ordnung gehen.

Die Vorstellung, dass ausgerechnet die Erwerbsarbeit die Stelle sein muss, an der ein Leben seinen Sinn bekommt, ist selbst eine merkwürdige Verengung. Sie legt das Wichtigste an einem Menschen genau dorthin, wo jemand anderes über seine Zeit verfügt.

Manche haben wirklich eine, und sie wussten es früh

Dagegen steht ein Einwand, der sich nicht wegreden lässt, und er kommt von Menschen, die es besser wissen müssen.

Es gibt sie. Die, die mit elf wussten, was sie tun wollen, und es mit vierzig tun. Die, für die ein Beruf keine Wahl war, sondern eine Richtung, gegen die sich nicht sinnvoll entscheiden ließ. Für sie ist Berufung kein Werbewort und kein geerbtes Ideal, sondern eine genaue Erfahrung, so deutlich wie Hunger. Ihnen zu erklären, das sei eine historisch junge Konstruktion, ist nicht aufgeklärt. Es ist überheblich.

Und sie haben meistens bezahlt. Umwege, verlorene Jahre, Nächte, Geld, das nicht kam, Beziehungen, die daran gezogen haben. Wer nun sagt, gute Arbeit reiche auch, redet ihnen ihren Einsatz aus und behandelt eine Entscheidung, die etwas gekostet hat, als hätte sie nur an günstigen Umständen gelegen.

Der zweite Einwand ist unbequemer, weil er sich gegen die Wirkung dieses Kapitels richtet. Ein Text, der die Forderung nach Berufung entlastet, kann jemanden beruhigen, der eigentlich gehen müsste. Nicht jede Unruhe im Beruf kommt von außen. Manchmal ist sie ein zutreffender Hinweis darauf, dass ein Mensch seit Jahren etwas tut, das ihn langsam leert, und dass keine Erklärung über historische Erwartungen daran etwas ändert. Die bequeme Lesart hier wäre: Bleib sitzen, es muss nichts bedeuten. Das wäre genauso eine Vorschrift wie die, gegen die sich dieses Kapitel wendet.

Der Unterschied liegt vermutlich darin, woher die Frage kommt. Wer selbst spürt, dass er falsch sitzt, sollte das ernst nehmen und nicht mit einem Argument zudecken. Wer nur deshalb zweifelt, weil ihn an einem Stehtisch jemand gefragt hat, ob das seins sei, hat kein Problem mit seiner Arbeit. Er hat eine Forderung übernommen, die jemand anders aufgestellt hat, und sie nie geprüft.

Und du?

  • Wessen Stimme hörst du, wenn du deine Arbeit vor dir selbst rechtfertigst?
  • Was an deiner Arbeit kannst du so gut, dass es auffiele, wenn jemand anders es machte?
  • Wenn dein Sinn nicht aus deiner Arbeit kommen müsste: Welche Stelle deines Lebens wäre dann auf einmal wichtiger, als du sie behandelst?

Mitnehmen

Es gibt einen Unterschied zwischen der Frage, ob deine Arbeit dich erfüllt, und der Frage, ob sie gut gemacht ist. Die erste ist groß und hat an den meisten Tagen keine Antwort. Die zweite ist klein und hat jeden Tag eine.

Das ist kein Trost für ein zu enges Leben. Es ist nur eine andere Stelle, an der man nachsehen kann, und sie ist ehrlicher, weil sie sich nicht behaupten lässt, ohne sie eingelöst zu haben.

Denn was ordentlich gemacht ist, geht weiter. Ein Vorgang, den der Nächste versteht. Ein Anruf, nach dem jemand seinen Tag fortsetzen kann, ohne sich klein zu fühlen. Wer das getan hat, erfährt fast nie davon. Es hört deshalb nicht auf zu wirken, und genau das ist die unheimliche Seite an der Sache.