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Hinsehen · SPUREN. · Kapitel 4 von 15

Die Zeit, in der nichts zieht

Eine neue Richtung entsteht nicht, während die alte noch gilt. Dazwischen liegt notwendig eine Zeit, in der nichts zieht, und die sieht von außen aus wie Versagen.

6 Min. Lesezeit

Sonntagnachmittag, halb drei. Auf dem Tisch liegt ein Blatt, auf dem seit einer Stunde drei Wörter stehen.

Es ist nichts passiert. Keine Kündigung, keine Trennung, niemand ist krank. Die Arbeit läuft, die Wohnung ist in Ordnung, das Wochenende war unauffällig.

Und trotzdem gibt es nichts, worauf er sich freut. Nicht traurig, nicht verzweifelt. Es zieht nur nichts.

Am Abend sagt er jemandem, es gehe ihm gut, er sei bloß müde. Das ist die Antwort, die es für diesen Zustand gibt.

Über Krisen wird geredet, als hätten sie einen Anlass. Die häufigste hat keinen.

Ein Zustand ohne Namen

Man kann sagen: Ich bin krank. Ich habe Urlaub. Ich suche gerade etwas Neues. Für alle drei gibt es ein Wort, das andere annehmen, und mit dem Wort kommt die Erlaubnis.

Für ich weiß gerade nicht, wohin gibt es keines. Deshalb erfinden Menschen Umschreibungen oder erklären sich selbst für faul, antriebslos und undiszipliniert.

Was keinen Namen hat, hat keinen Status. Und wer für seinen Zustand keine zulässige Beschreibung findet, hält ihn für einen persönlichen Mangel, obwohl es einer der verbreitetsten Zustände überhaupt ist.

Müdigkeit als Folge, nicht als Ursache

Von außen sieht es aus wie fehlende Energie, und so wird es auch behandelt. Mehr Schlaf, mehr Bewegung, mehr Disziplin.

Bei einem Teil der Fälle stimmt das. Bei einem anderen ist die Reihenfolge umgekehrt. Man tut nichts, weil nichts zieht, und ist deshalb müde. Nicht andersherum.

Der Unterschied lässt sich prüfen. Wer wirklich erschöpft ist, hat auch für das Angenehme keine Kraft. Wer keine Richtung hat, hätte für vieles Kraft und für nichts davon einen Grund.

Warum die Lücke sein muss

Eine neue Richtung entsteht nicht, während die alte noch gilt.

Das Alte muss erst unbrauchbar geworden sein, bevor Platz für etwas anderes ist, und dazwischen liegt notwendig eine Zeit, in der nichts gilt. Diese Zeit ist keine Störung im Ablauf. Sie ist der Ablauf.

Wer sie überspringt, weil er den Zustand nicht aushält, nimmt fast immer das alte Ziel wieder auf, leicht verändert und neu beschriftet. Erkennbar ist das daran, dass sich nach einem halben Jahr alles wieder vertraut anfühlt, samt der Müdigkeit.

Ein Feld, das jedes Jahr dieselbe Frucht trägt, gibt irgendwann nichts mehr her. Dass man es ein Jahr liegen lässt, ist keine Nachlässigkeit, sondern Teil der Bewirtschaftung. Von außen sieht ein brachliegendes Feld allerdings genauso aus wie ein vernachlässigtes, und das ist das ganze Problem.

Warum der Zustand bedrohlich wirkt

Weil wir Identität an Richtung hängen.

Die erste Frage unter Fremden lautet nicht, wer jemand ist, sondern was er macht. Wer darauf keine Antwort hat, fällt aus der Ordnung, mit der Menschen einander einsortieren, und merkt das an jedem Gespräch.

Die Krise besteht deshalb oft weniger im Zustand selbst als in seiner Unbeschreibbarkeit. Eine leere Woche hält man gut aus. Schlecht hält man aus, dass man sie niemandem erklären kann, ohne sich zu rechtfertigen.

Was hier tatsächlich hilft

Vorsätze nicht. In dieser Phase funktionieren Pläne besonders schlecht, weil sie genau das voraussetzen, was gerade fehlt.

Was funktioniert, ist unscheinbar und hat mit Zielen nichts zu tun. Dinge tun, die keinen Zweck haben, und dabei darauf achten, wobei die Zeit vergeht. Nicht, was Freude macht, denn das ist in solchen Wochen oft nichts. Sondern wobei man vergisst, auf die Uhr zu sehen.

Das ist keine Methode und kein Programm. Es ist die einzige Auskunft, die verfügbar bleibt, wenn die übliche Quelle gerade nichts liefert, nämlich das Wollen.

Offen bleibt, wie lange so etwas dauert, und darauf gibt es keine ehrliche Zahl.

Sagen lässt sich dafür etwas über die Form des Endes, und die überrascht die meisten. Es endet selten mit einer Entscheidung und fast nie mit einer Erkenntnis. Es endet damit, dass irgendetwas wieder zieht, und zwar meistens etwas Kleines und Unpassendes, das mit den großen Fragen, die man monatelang gewälzt hat, nichts zu tun hat.

Solange man danach sucht, endet es nicht. Wer jeden Morgen nachsieht, ob die Richtung inzwischen da ist, hält die Lücke offen, weil das Nachsehen zur Hauptbeschäftigung geworden ist.

Damit ist die beste Haltung in dieser Zeit zugleich die unwahrscheinlichste: sich nicht dabei zuzusehen. Vollständig gelingt das kaum jemandem. In Anteilen schon, und die Anteile genügen.

Wo die Erlaubnis endet

Drei Dinge gehören dazu, sonst wird aus dem Kapitel eine Ausrede.

Die Erlaubnis lässt sich missbrauchen. Aus einer Zwischenzeit kann eine Lebensform werden, und ich orientiere mich gerade hält als Satz erstaunlich lange. Der Unterschied zeigt sich im Nachhinein: Nach einer echten Zwischenzeit kann man sagen, was man in ihr verstanden hat. Nach einer vermiedenen nicht.

Nicht jeder kann sich so etwas leisten. Wer Kinder versorgt, Schichten fährt oder nicht weiß, wie der Monat ausgeht, bekommt keine Brache. Für ihn ist nimm dir Zeit kein Rat, sondern eine Auskunft über den, der ihn gibt. Im kleinen Maßstab gilt es trotzdem. Nicht ein Jahr, sondern ein Samstag ohne Programm.

Und eine Grenze, die kein Text übergehen darf. Wenn über Wochen nichts mehr Freude macht, wenn der Schlaf wegbleibt oder die Tage gar nicht mehr in Gang kommen, ist das keine Phase, die man aussitzt. Das ist der Punkt, an dem man nicht allein bleiben sollte, und das zu bemerken ist keine Schwäche. Es ist dieselbe Aufmerksamkeit, von der dieses ganze Kapitel handelt.

Und du?

  • Wie nennst du deinen Zustand, wenn dich jemand fragt? Und stimmt das?
  • Wobei vergisst du zurzeit die Uhr, auch wenn es zu nichts führt?
  • Was hast du wieder aufgenommen, weil du die Leere nicht ausgehalten hast?

Mitnehmen

Für diese Zeit gibt es keinen Vorsatz, der hilft, und das ist die erste gute Nachricht. Es ist nichts zu erledigen.

Was sich machen lässt, ist kleiner: den Zustand einmal richtig benennen, wenigstens für sich allein. Nicht faul. Nicht antriebslos. Sondern: Ich habe gerade keine Richtung, und das ist ein Zustand und kein Urteil über mich.

Erstaunlich oft ändert das etwas. Nicht am Zustand. An dem, was man daneben noch mit sich selbst veranstaltet.

Und wenn der Druck trotzdem bleibt, lohnt ein Blick darauf, woher er eigentlich kommt. Ein großer Teil davon sitzt an einer einzigen Stelle des Lebens, nämlich an der, von der wir verlangen, dass sie alles trägt.