Hinsehen · SPUREN. · Kapitel 3 von 15
Ein Leben, das in Ordnung ist
Ein Leben, das läuft, gilt nicht mehr als Erfolg, sondern als Ausgangslage. Erwartet wird etwas darüber hinaus, und wer es nicht hat, sucht den Fehler bei sich.

Ein Geburtstag, Mitte vierzig, sieben Leute am Tisch. Irgendwann fragt jemand, ob er denn eigentlich glücklich sei.
Er merkt, dass er die Frage nicht beantworten kann. Nicht weil es ihm schlecht ginge. Er hat Arbeit, die geht, zwei Kinder, die gesund sind, und ein Knie, das morgens meldet, dass es ebenfalls älter wird.
Er sagt: Ja, doch. Passt schon.
Am Tisch entsteht eine kleine Pause, in der alle hören, dass das keine gute Antwort war. Er hört es selbst.
Kaum ein Wort wird so oft benutzt und so selten geprüft. Und kaum eines richtet mehr Schaden an, sobald es zur Forderung wird.
Eine junge Forderung
Dass ein Leben glücklich zu sein hat, ist keine alte Wahrheit über den Menschen. Über die längste Zeit lautete die Frage, ob man durchkommt. Zufriedenheit war ein Nebenprodukt, wenn sie überhaupt vorkam, und kein Auftrag.
Erst als vieles verfügbar wurde, konnte daraus ein Maßstab werden. Und was Maßstab ist, lässt sich verfehlen.
Wie neu das ist, merkt man, wenn man die Frage in eine andere Zeit versetzt. Jemanden, der drei Kinder durch einen Winter bringen musste, hätte niemand gefragt, ob er sich erfüllt fühle. Nicht aus Härte. Die Frage hätte schlicht keinen Ort gehabt.
Warum die Frage nicht zu beantworten ist
Bist du glücklich verlangt eine Gesamtbilanz über etwas, das aus Stunden besteht. Diese Zahl hat niemand.
Was man tatsächlich hat, sind ein paar Erinnerungen an gute Abende und der Zustand von heute Morgen. Daraus wird im Moment der Frage eine Summe gebildet, und die hängt vor allem davon ab, wie die letzten Tage waren. Derselbe Mensch antwortet an zwei Tagen völlig verschieden, ohne dass sich in seinem Leben etwas geändert hätte.
Dazu kommt eine Eigenschaft, die man kennen sollte. Glück lässt sich nicht beobachten, während es da ist. Wer mitten in einem guten Abend prüft, ob er gerade glücklich ist, hat den Abend in diesem Moment unterbrochen. Es ist ein Wort für den Rückblick, und im Rückblick sieht alles anders aus als in der Sache.
Drei Dinge, die denselben Namen tragen
Wenn Menschen davon reden, meinen sie meistens eines von dreien.
Einen Zustand: gute Laune, ein leichter Tag, etwas, das bis zum Abend hält. Eine Bilanz: mein Leben ist im Großen gelungen. Oder eine Abwesenheit: nichts tut weh, nichts drückt, niemand ist krank.
Die drei haben fast nichts miteinander zu tun und werden ständig vermischt. Deshalb reden zwei Menschen über Glück fast immer aneinander vorbei, und deshalb kann jemand das eine haben und das andere vermissen, ohne sagen zu können, was ihm fehlt.
Am häufigsten wird die Bilanz gemeint und der Zustand geprüft. Man fragt sich, ob das eigene Leben gelungen ist, und antwortet mit der Stimmung von Donnerstagabend. Das geht fast immer schlecht aus, und zwar unabhängig davon, wie das Leben tatsächlich steht.
Warum in Ordnung als zu wenig gilt
Etwas hat sich verschoben. Ein Leben, das läuft, zählt nicht mehr als Ergebnis, sondern als Ausgangspunkt. Darüber hinaus wird etwas erwartet: Erfüllung, Intensität, das Gefühl, am richtigen Platz zu sein.
Wer das nicht hat, hat deshalb nicht einfach ein gewöhnliches Leben. Er hat den Eindruck, etwas verpasst zu haben, und sucht den Fehler bei sich.
Dabei besteht fast jedes Leben zum größten Teil aus Wiederholung, Erledigung und Müdigkeit am Abend. Auch die bewunderten. Das ist keine traurige Nachricht, sondern die Beschreibung, und sie gilt für alle gleichermaßen.
Wer darauf achtet, welche Zeiten Menschen im Rückblick als gut bezeichnen, findet außerdem selten das, was sie sich vorher gewünscht hatten. Es sind meistens Jahre, in denen etwas zu tun war und jemand dabei war, und oft waren es Jahre, über die sie damals geklagt haben.
Zufrieden oder betäubt
Eine Unterscheidung fehlt noch, und sie ist die unangenehmste von allen.
Ein Leben kann auch deshalb ruhig aussehen, weil niemand darin mehr etwas will. Wer lange genug nichts mehr erwartet, wird nicht zufrieden, sondern still. Von außen sieht beides gleich aus, und von innen erstaunlich oft auch.
Der Unterschied zeigt sich nicht an guten Tagen, sondern an Unterbrechungen. Wem es wirklich gut geht und dessen Ablauf durcheinandergerät, der ärgert sich und findet sich zurecht. Wer betäubt ist, gerät in Unruhe, weil die Ruhe Arbeit war und jede Störung sie gefährdet.
Es gibt eine zweite Probe. Zufriedenheit verträgt Fragen. Man kann jemanden, dem es gut geht, fragen, ob er sich sein Leben so vorgestellt hat, und bekommt eine Antwort, in der auch unangenehme Teile vorkommen. Betäubung verträgt diese Frage nicht. Sie antwortet mit einem Satz, der das Thema schließt.
Das ist kein Vorwurf an die Stillen. Betäubung ist häufig die vernünftigste Antwort auf Jahre, in denen zu viel verlangt wurde. Man sollte nur wissen, welches von beidem man gerade hat. Die eine Ruhe trägt von selbst. Die andere muss gehalten werden, und das kostet jeden Tag etwas.
Wo das Streben selbst schadet
Drei Einwände gehören dazu, und sie zeigen in verschiedene Richtungen.
Die Forderung erzeugt zum Teil das Gegenteil. Wer regelmäßig prüft, ob er glücklich ist, bekommt zuverlässig ein enttäuschendes Ergebnis, weil geprüfte Zustände immer dünner ausfallen als gelebte.
Der Satz, Glück sei eine Entscheidung, ist gegenüber vielen Menschen eine Grausamkeit. Wer krank ist, wer jemanden pflegt, wer nicht weiß, wie der Monat ausgeht, oder wessen Stimmung sich nicht nach seinem Willen richtet, hört darin nur eines: dass es an ihm liegt. Diese Sorte Satz wird von Leuten weitergegeben, bei denen gerade vieles stimmt.
Und Unzufriedenheit hat eine Aufgabe. Sie ist oft die erste Auskunft darüber, dass etwas nicht in Ordnung ist. Wer sie wegarbeitet, weil er doch glücklich sein soll, schaltet einen Melder ab und hört später nichts mehr.
Und du?
- Was fehlt dir zu einem guten Leben, und wie lange steht dieser Posten schon auf der Liste?
- Welche Zeit würdest du heute als gut bezeichnen, obwohl sie sich damals nicht so angefühlt hat?
- Wem gegenüber sagst du, es passe schon? Und wie hieße es genauer?
Mitnehmen
Die Frage, ob du glücklich bist, lässt sich durch eine kleinere ersetzen, die sich tatsächlich beantworten lässt: Was war gestern gut?
Nicht was war schön. Was war gut. Der Unterschied ist erheblich, und er zeigt sich sofort.
Wer das eine Woche lang macht, bekommt eine Liste, die fast nie das enthält, was er sich unter Glück vorgestellt hätte, und die trotzdem stimmt. Sie besteht meistens aus Sachen, die er nicht geplant hat und die keine zwanzig Minuten gedauert haben.
Und diese Forderung ist nicht die einzige ihrer Art. Es gibt eine zweite, die weniger auffällt, weil sie nicht nach Glück fragt, sondern nach Richtung. Wer gerade keine hat, gilt schnell als jemand, mit dem etwas nicht stimmt.


