Hinsehen · SPUREN. · Kapitel 12 von 15
Wenn die anderen weitermachen
Am Anfang sind alle da. Der schwierige Teil fängt in der Woche an, in der das Telefon still wird und für alle anderen das Leben weitergeht.

Sieben Wochen nach der Beerdigung. Im Kühlschrank stehen noch Sachen, die Leute vorbeigebracht haben, und die Hälfte davon ist abgelaufen.
Das Telefon ist still geworden. Nicht auf einmal, sondern in Stufen. Erst täglich, dann alle paar Tage, dann die Nachricht zum Wochenende, dann nichts.
Am Montag fragt jemand im Büro, wie es geht. Sie sagt, ganz gut. Es ist die Antwort, die zu dem Zeitraum passt, der dafür vorgesehen ist.
Der schwerste Teil hat noch nicht angefangen.
Über Trauer wird viel gesagt und wenig Zutreffendes. Das meiste davon stammt aus den ersten zwei Wochen.
Warum die Hilfe zuerst kommt und dann geht
Am Anfang ist erstaunlich viel da. Menschen, Essen, Formulare, Organisation. Termine, die erledigt werden müssen, und jemand, der mitkommt.
Das ist keine Heuchelei. Es ist der Teil, den man von außen sehen kann, und dort lässt sich helfen.
Danach kehren alle anderen in ihr Leben zurück, und zwar zu Recht. Für sie ist etwas passiert. Für den, der jemanden verloren hat, hat etwas angefangen.
Dazu kommt, dass der Trauernde in diesen Wochen meistens selbst abwinkt. Man will niemandem zur Last fallen, man sagt, es gehe schon, und die anderen glauben es, weil es für alle angenehmer ist.
In dieser Verschiebung liegt der Grund, warum so viele sagen, das zweite Jahr sei schwerer als das erste. Im ersten war alles neu und alle waren da. Im zweiten ist alles gleich, und niemand fragt mehr.
Sie hat keine Phasen
Man hat gelernt, Trauer verlaufe in Stufen und höre hinten auf. So verläuft sie nicht.
Sie kommt in Wellen, oft ohne Anlass, und sie nimmt nicht gleichmäßig ab. Der zweite Winter kann schwerer sein als der erste. Die Beerdigung war seltsam ruhig, und dann wirft einen ein Geruch im Treppenhaus vollständig um, anderthalb Jahre später, an einem Mittwoch.
Deshalb ist die Frage, ob es schon besser gehe, so schwer zu beantworten. Sie unterstellt eine Richtung.
Was tatsächlich geschieht, ist unspektakulärer und tröstlicher: Die Abstände werden länger. Die Wellen selbst werden kaum kleiner, sie kommen nur seltener. Wer das weiß, hält die späten für kein Zeichen von Rückschritt.
Und sie besteht nicht nur aus Traurigkeit. Es sind Wut dabei, Schuld, manchmal Erleichterung, gelegentlich alles an einem Nachmittag. Besonders die Erleichterung erschreckt viele. Nach einer langen Krankheit ist sie der Normalfall und sagt über die Liebe gar nichts.
Was dabei sonst noch verloren geht
Es geht nicht nur ein Mensch.
Es geht eine Rolle mit. Man war jemandes Tochter, jemandes Mann, der Jüngere von zweien. Diese Beschreibung stimmt danach nicht mehr, und es gibt keine neue.
Es gehen Gespräche mit, die nur mit dieser einen Person möglich waren, über Dinge, die sonst niemanden interessieren.
Und es gibt Verluste ohne Beerdigung. Wenn jemand dement wird, wenn der Kontakt abbricht, wenn ein Mensch trinkt und derjenige, den man kannte, immer seltener da ist, dann trauert man um jemanden, der noch lebt. Dafür gibt es keine Karten, keine freien Tage und keinen Satz, den man am Arbeitsplatz sagen könnte. Diese Trauer hat nicht einmal einen Anfang, an dem sie beginnen dürfte.
Und es geht ein Zeuge verloren. Wer stirbt, nimmt die Bestätigung für einen Teil deiner Vergangenheit mit. Es gibt Jahre, an die sich außer dir niemand mehr erinnert, und ob es so war, wie du es erzählst, kann jetzt keiner mehr sagen.
Wenn es nicht gut war
Über Trauer wird geredet, als setze sie Liebe voraus. Das trifft auf einen großen Teil der Fälle nicht zu, und über diesen Teil redet niemand.
Wenn ein schwieriger Mensch stirbt, entsteht trotzdem eine Lücke. Sie sieht nur anders aus. Es fehlt nicht der Mensch, es fehlt die Möglichkeit, dass es zwischen euch noch gut geworden wäre. Diese Möglichkeit war vielleicht klein und unwahrscheinlich, aber solange jemand lebt, ist sie da. Mit ihm stirbt sie mit, und dieser Verlust ist echt, auch wenn ihn niemand anerkennt.
Dazu kommt oft Erleichterung, und die erschreckt am meisten. Sie ist trotzdem kein Beweis für Kälte. Wer jahrelang angespannt war, sobald das Telefon klingelte, wird bei der Nachricht zuerst ruhig, und erst danach traurig.
Am schwersten ist in diesen Fällen die Form. Eine Beerdigung ist für einen geliebten Menschen gebaut. Man steht daneben und hört Sätze über jemanden, den man so nicht gekannt hat, und darf nichts sagen, weil es der falsche Tag dafür ist.
Was danach bleibt, ist ein Streit, der nicht mehr ausgetragen werden kann. Der andere wird sich nicht mehr ändern, und man selbst wird nichts mehr klären. Das ist eine eigene Art von Trauer, und sie dauert oft länger als die um jemanden, mit dem alles in Ordnung war.
Warum die Sätze so danebengehen
Er ist jetzt an einem besseren Ort. Das Leben geht weiter. Du musst stark sein. Irgendwann wird es leichter.
Diese Sätze sind nicht böse gemeint, und sie kommen nicht aus Gleichgültigkeit. Sie kommen, weil Trauer beim Gegenüber etwas auslöst, das schwer auszuhalten ist: die eigene Hilflosigkeit. Wer einen Trost anbietet, hat wieder etwas zu tun.
Was tatsächlich hilft, ist unscheinbar und wird selten getan. Da sein, ohne etwas herstellen zu wollen. Später fragen statt früher. Und ein Satz, der fast nie ausgesprochen wird, obwohl er nichts verlangt: Ich denke oft an ihn.
Er beantwortet nämlich die Frage, die niemand stellt und die viele Trauernde umtreibt. Ob außer ihnen selbst überhaupt noch jemand an diesen Menschen denkt.
Die Seite, die niemand freiwillig ansieht
Dahinter steht etwas, das nach jedem Todesfall in der Nähe für ein paar Wochen sichtbar wird und danach wieder verschwindet.
Jeder weiß, dass er sterben wird. Fast niemand rechnet damit. Das ist kein Denkfehler, sondern eine Notwendigkeit: Ein Bewusstsein, das die eigene Endlichkeit ständig mitführen würde, könnte nichts planen und wenig aushalten.
Ein Verlust in der Nähe hebt diese Einrichtung kurz auf. Für eine Weile ist es nicht mehr abstrakt. Und dann schließt sich das wieder, meistens innerhalb weniger Wochen, und das ist kein Versagen.
Wer daraus eine Forderung macht, man solle jeden Tag so leben, als wäre er der letzte, verlangt etwas, das kein Mensch durchhält. Niemand kann dauerhaft im Angesicht des Endes einkaufen gehen.
Bleiben kann trotzdem etwas Kleineres. Nicht die Dringlichkeit, sondern die Reihenfolge. Nach solchen Wochen wissen die meisten Menschen eine Zeit lang sehr genau, was oben stünde. Diese Auskunft verschwindet schneller, als sie sollte, und sie lässt sich aufschreiben.
Und du?
- Wer fehlt dir, und wann hat dich zuletzt jemand nach ihm gefragt?
- Welchen Satz hast du einmal gesagt, weil du die Stille nicht ausgehalten hast?
- Was stünde bei dir oben, wenn die Frist kürzer wäre, als du annimmst?
Mitnehmen
Es gibt einen Satz, der bei Trauernden mehr bewirkt als jeder Trost, und er kostet nichts: Ich denke oft an ihn.
Er verlangt keine Antwort, er stellt nichts her, und er hat keine Frist. Nach zwei Jahren ist er mehr wert als nach zwei Wochen, weil zu diesem Zeitpunkt niemand mehr fragt.
Und wenn du selbst der bist, dem jemand fehlt, wirst du früher oder später den Rat bekommen, das nun endlich loszulassen. Er kommt freundlich, er kommt von Menschen, die es gut meinen, und er hat eine Eigenschaft, die man kennen sollte. Er sagt nie, wie.


