Hinsehen · SPUREN. · Kapitel 13 von 15
Wie man etwas nicht loslässt
Loslassen beschreibt ein Ergebnis und wird als Anweisung weitergegeben. Deshalb ist die Frage, wie denn, nicht trotzig, sondern die einzig richtige.

Ein Jahr danach, ein Abend zu dritt. Jemand sagt, sie müsse das jetzt loslassen.
Sie fragt: Wie denn?
Es wird kurz still. Dann kommt, dass man eben nach vorne schauen müsse, dass das Leben weitergehe, dass es ihr ja selbst nicht guttue.
Auf keine dieser Antworten lässt sich am nächsten Morgen etwas tun. Es ist kein Rat. Es ist ein Wunsch, formuliert als Aufgabe, und die Aufgabe liegt jetzt bei ihr.
Kaum ein Wort wird so oft verwendet und so selten erklärt.
Ein Ergebnis, das wie ein Weg klingt
Bei einem Gegenstand ist Loslassen eine Handlung. Man öffnet die Hand, die Sache fällt, fertig.
Bei allem anderen gibt es keine entsprechende Bewegung. Es gibt keinen Muskel dafür und keinen Handgriff. Das Wort beschreibt einen Zustand, in dem etwas vorbei ist, und tut dabei so, als beschriebe es den Weg dorthin.
Deshalb ist die Frage, wie denn, kein Widerspruch und keine Bockigkeit. Sie ist die einzig sinnvolle Reaktion, und sie wird fast nie beantwortet. Was zurückkommt, sind Umformulierungen desselben Ziels: abschließen, nach vorne sehen, einen Haken dranmachen.
Was die Aufforderung anrichtet
Sie macht aus einem Zustand eine Aufgabe. Ab diesem Moment hat man nicht mehr nur den Kummer, sondern zusätzlich das Versäumnis, ihn noch zu haben.
Und sie verbietet genau das, was tatsächlich wirkt. Man soll aufhören, sich damit zu beschäftigen. Dabei ist das Beschäftigen der Vorgang. Wer daran denkt, wühlt nicht in etwas herum. Er arbeitet.
Dazu kommt eine Frist, die niemand ausspricht und die trotzdem alle kennen. Ein paar Monate. Danach gilt das Thema als unpassend, und die meisten Menschen hören auf, davon zu reden. Nicht weil es vorbei wäre. Weil es niemand mehr hören will.
Warum etwas trotzdem leichter wird
Nicht durch Loslassen. Die Sache verschwindet nicht, und sie wird auch nicht kleiner.
Was sich ändert, ist das Verhältnis. Es kommt anderes dazu, und irgendwann ist sie nicht mehr das Einzige, was im Raum steht. Ein Leben, in dem nur diese eine Sache vorkommt, kann sie nicht relativieren. Eines, in dem daneben etwas passiert, schon.
Deshalb dauert es bei Menschen, deren Leben eng geworden ist, erheblich länger. Nicht weil sie schwächer wären. Weil daneben nichts steht, das etwas relativieren könnte.
Darin liegt der Unterschied zwischen Ablenkung und Beschäftigung, obwohl beides von außen gleich aussieht. Das eine soll etwas wegmachen. Das andere stellt etwas daneben.
Bei den meisten bleibt die zweite Frage leer. Das ist kein Mangel an Willen. Auf einen Zustand lässt sich nicht direkt zugreifen, so wenig wie man beschließen kann einzuschlafen.
Was sich stattdessen entscheiden lässt
Tätigkeiten. Nicht Gefühle.
Man kann nicht beschließen, jemanden nicht mehr zu vermissen. Man kann beschließen, nicht mehr nachzusehen, wo er gerade ist. Die alten Nachrichten nicht mehr zu lesen. Bei Dritten nicht mehr nachzufragen, wie es ihm geht. Nicht mehr auf eine Antwort zu warten, die seit zwei Jahren nicht kommt.
Das ist kein Loslassen. Es ist das Einstellen von Handlungen, und Handlungen sind das Einzige in diesem ganzen Gebiet, worüber ein Mensch tatsächlich verfügt.
Das Gefühl kommt danach nach oder es kommt nicht. In beiden Fällen hat man aufgehört, es zu füttern, und das ist mehr, als jeder Vorsatz je erreicht.
Aus demselben Grund richten kleine Regeln hier mehr aus als große Vorsätze. Eine Nummer, die gelöscht ist, wird nicht gewählt. Ein Ordner, der nicht mehr auf dem Schreibtisch liegt, wird nicht geöffnet. Das ist keine Härte gegen sich selbst. Es ist eine Erleichterung, weil man es dann nicht jeden Abend neu entscheiden muss.
Weg muss deshalb nicht alles. Etwas aufzuheben ist nicht dasselbe wie festhalten, und der Unterschied liegt darin, ob man es ansieht. Ein Karton im Keller, der seit drei Jahren zu ist, arbeitet nicht mehr. Ein Foto neben der Tür arbeitet jeden Tag.
Schwieriger wird die Sache allerdings, wenn der andere gar nicht verschwindet.
Bei gemeinsamen Kindern, in einem kleinen Ort, im selben Betrieb oder in derselben Familie ist Abstand keine Möglichkeit. Man sieht sich, man muss reden, man steht an denselben Türen. Der Rat, erst einmal Abstand zu schaffen, geht hier ins Leere, und wer ihn gibt, war nie in dieser Lage.
Entscheidbar bleibt dann etwas anderes: nicht, ob jemand vorkommt, sondern in welcher Eigenschaft. Der Vater der Kinder ist nicht mehr der Mensch, dem man erzählt, wie der Tag war. Die Kollegin ist nicht mehr die, bei der man sich beschwert. Das klingt nach wenig und ist tägliche Arbeit, weil jede Begegnung die alte Rolle wieder anbietet und weil es niemand bemerkt außer einem selbst.
Warum Erzählen verbraucht
Es gibt eine zweite Sache, die wirkt, und sie steht dem üblichen Rat direkt entgegen.
Eine Geschichte, die jemand fünfzig Mal erzählt hat, verliert ihre Ladung. Eine, die nie erzählt wurde, behält sie vollständig. Deshalb tragen Menschen alte, nie besprochene Dinge in unveränderter Schärfe mit sich herum, während andere dieselbe Erfahrung irgendwann fast nüchtern berichten können.
Reden ist also kein Aufwühlen. Es ist Abnutzung. Und wem geraten wird, nicht mehr daran zu rühren, dem wird geraten, die Schärfe zu konservieren.
Wo Loslassen das Falsche ist
Nicht alles gehört losgelassen, und diese Unterscheidung fehlt in dem Ratschlag vollständig.
Einen Menschen, der gestorben ist, muss niemand loslassen. Die Vorstellung, Trauer sei etwas, das man abschließt und dann hinter sich hat, ist selbst eine Zumutung, und sie kommt meistens von Leuten, die diesen Verlust nicht hatten.
Und wer eine Ungerechtigkeit loslässt, gibt unter Umständen eine berechtigte Forderung auf. Es gibt Dinge, an denen man festhalten sollte, bis sie geklärt sind.
Der Unterschied liegt nicht im Gefühl, sondern in der Lage. Ist noch etwas zu erreichen, oder wartet man vor einem Ausgang, den jemand zugemauert hat?
Und du?
- Was sollst du loslassen, und wer verlangt es von dir?
- Welche Tätigkeit hältst du gerade in Gang, die die Sache am Leben hält?
- Wem hast du deine Geschichte noch nie ganz erzählt?
Mitnehmen
Wenn dir das nächste Mal jemand rät, du solltest das jetzt loslassen, ist die ehrlichste Antwort eine Frage. Wie denn? Nicht als Angriff, sondern als Bitte um den fehlenden Teil.
Meistens kommt nichts zurück, und das ist eine brauchbare Auskunft über den Rat.
Prüfen lässt sich dafür etwas Kleineres. Welche Handlungen gehören noch dazu? Nachsehen, nachfragen, aufheben, warten. Jede davon lässt sich einzeln einstellen, und jede einzelne verändert mehr als der Vorsatz, endlich fertig zu sein.
Und was von einem Menschen bleibt, wenn man aufhört, ihn festzuhalten, ist noch einmal eine andere Frage als die, ob man ihn vermisst.


