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Hinsehen · WELTBILDER. · Kapitel 3 von 14

Warum überall dasselbe steht

Zwischen Gegenden, die nie voneinander gehört haben, stehen fast dieselben Sätze darüber, wie man miteinander umgeht. Das ist erklärungsbedürftiger, als es aussieht.

12 Min. Lesezeit

Motorschaden, achtzig Kilometer vor der Grenze, und es wird dunkel. Eine Familie nimmt ihn auf, ohne zu fragen, wie lange. Es gibt Brot, Eier und einen Platz am Ofen.

Am Morgen will er zahlen. Die Frau schüttelt den Kopf, fast erschrocken, so als hätte er etwas Unanständiges vorgeschlagen. Sie sagt einen Satz, den er nicht versteht, und der Sohn übersetzt: Wer bei uns an die Tür klopft, schläft nicht draußen.

Im Auto fällt ihm seine Großmutter ein, die abends einen Teller im Ofen warm gehalten hat. Für niemand Bestimmtes. Für den Fall, dass noch jemand kommt.

Zwischen den beiden Frauen liegen zweitausend Kilometer, und keine von beiden hätte sagen können, wie die andere ihren Glauben nennt.

Über Religionen wird meistens dort geredet, wo sie sich unterscheiden. Das ist verständlich, denn dort wird gestritten. Es verdeckt nur, wie wenig die Unterschiede hergeben, sobald man nicht auf die Vorstellungen sieht, sondern auf die Anweisungen: darauf, was ein Mensch am Dienstagmorgen tatsächlich tun soll.

Was fast überall steht

Jede Tradition hat dafür ihre eigene Form, und die Formen sehen sehr verschieden aus.

Im Judentum stehen die Zehn Gebote am bekanntesten Platz, sie sind aber nur der Anfang. Die Überlieferung zählt 613 Gebote und Verbote, vom Umgang mit dem Feld bis zum Umgang mit dem Nachbarn. Dazu der Schabbat, an dem nicht gearbeitet wird, und die Abgabe an die Bedürftigen, die nicht Almosen heißt, sondern Gerechtigkeit.

Im Islam bilden die fünf Säulen das Gerüst: das Bekenntnis, das Gebet fünfmal am Tag, die Zakat, das Fasten im Ramadan und die Pilgerfahrt. Die Zakat ist ein festgelegter Anteil des Vermögens für die, die nichts haben, also kein Spendenaufruf, sondern eine Pflicht mit einer Zahl. Die Alltagsregeln gehen weit über diese fünf hinaus.

Im Christentum kommen zu den Zehn Geboten zwei weitere, die alles andere zusammenfassen sollen: Gott zu lieben und den Nächsten wie sich selbst.

Der Buddhismus fällt an einer entscheidenden Stelle aus der Reihe. Dort gebietet niemand. Was es gibt, sind fünf Regeln, die ein Mensch für sich selbst übernimmt: nicht zu töten, nicht zu nehmen, was ihm nicht gegeben wurde, nicht zu lügen, sich sexuell nicht übergriffig zu verhalten und den eigenen Kopf nicht mit Rauschmitteln zu vernebeln.

In den indischen Traditionen heißen sie wieder anders und meinen dasselbe: niemandem Gewalt antun, bei der Wahrheit bleiben, nicht stehlen, nicht raffen.

Legt man diese Anweisungen nebeneinander und lässt für einen Moment beiseite, wie die Welt jeweils entstanden sein soll und was danach kommt, wird es sehr still.

Töte nicht. Nimm nicht, was einem anderen gehört. Rede nicht falsch über ihn. Halte, was du zugesagt hast. Ehre die, die dich großgezogen haben, auch wenn sie alt und mühsam geworden sind.

Der Fremde steht unter Schutz. In vielen Traditionen ist der Gast das Empfindlichste im Haus, und in mehreren ist ausdrücklich festgehalten, dass hinter dem Fremden an der Tür etwas anderes stehen könnte, als man sieht.

Wer etwas hat, schuldet denen etwas, die nichts haben, und zwar nicht nach Laune. Fast überall ist daraus ein Anteil geworden: ein fester Teil vom Ertrag, nicht der Rest, der übrig bleibt.

Und feste Unterbrechungen, über die nicht verhandelt wird. Ein Tag in der Woche, an dem die Arbeit ruht. Eine Stunde, zu der alles andere wartet. Ein Monat, in dem gefastet wird. Geregelt ist das sehr verschieden, und überall mit demselben Zug: Es ist Zeit, die dem Zweck entzogen ist.

Und ein Satz, der in Gegenden, zwischen denen es keinen Austausch gab, der das erklären würde, in fast gleicher Form aufgeschrieben wurde: Tu einem anderen nicht an, was du nicht willst, dass man es dir antut.

Woher die Ähnlichkeit kommt

Dafür gibt es zwei Erklärungen, und keine von beiden lässt sich abschließen.

Die eine ist nüchtern. Menschen stehen überall vor derselben Aufgabe: viele auf engem Raum, zu wenig von allem, und jeder auf die anderen angewiesen. Gemeinschaften, in denen gelogen, genommen und der Fremde erschlagen wurde, sind auseinandergefallen. Die anderen sind geblieben, und mit ihnen ihre Sätze. In dieser Lesart sind die Regeln nicht gegeben, sondern gefunden, so wie an mehreren Stellen der Welt unabhängig voneinander der Ackerbau gefunden wurde.

Die zweite Erklärung ist die ältere. Sie sagt: Die Sätze stimmen überein, weil sie etwas beschreiben, das es wirklich gibt. So wie zwei Menschen, die unabhängig voneinander denselben Berg zeichnen, ähnliche Bilder bekommen. Nicht weil sie sich abgesprochen hätten, sondern weil der Berg da ist.

Der buddhistische Fall gehört keiner der beiden Seiten. Er zeigt, dass diese Liste keinen Gebieter braucht, um zu entstehen. Er zeigt nicht, dass es keinen gibt.

Entscheiden lässt sich das hier nicht, und wer behauptet, es sei längst entschieden, hat sich für eine Seite entschieden. Bemerkenswert ist der Befund in beiden Fassungen. Wenn Menschen, die nichts voneinander wussten, bei fast denselben Sätzen ankommen, dann sind diese Sätze nicht beliebig. Sie sind keine Geschmacksfrage und keine Erfindung einer Kultur, die sie den übrigen aufgedrängt hätte.

Warum eine feste Regel mehr trägt als ein Rat

Hier liegt der Unterschied, der im Alltag zählt, und er hat mit dem, was nach dem Tod kommt, nichts zu tun.

Ein Rat gilt, solange er passt. Ausgerechnet dort, wo er etwas kosten würde, ist er am schwächsten.

Eine feste Regel ist anders gebaut. Über sie wurde vorher entschieden und nicht in dem Moment, in dem es darauf ankommt. Sie gilt auch an dem Abend, an dem man keine Lust hat, und gerade dann. Und sie steht auch, wenn niemand zusieht. Das ist vielleicht ihr wichtigster Teil: Sie braucht kein Publikum.

Woher sie stammt, ist dabei weniger wichtig, als es aussieht. Sie kann geboten sein, sie kann aus der Überlieferung kommen, und sie kann, wie im Buddhismus, von einem Menschen für sich selbst übernommen worden sein. Was trägt, ist nicht der Gebieter. Was trägt, ist, dass die Sache entschieden war, bevor die Lage da war.

Am besten sieht man das an der Abgabe für die Armen.

Wer aus Mitleid gibt, gibt dem, der ihn rechtzeitig erreicht und dabei den richtigen Eindruck macht. Man muss ihn ansprechen. Man muss bedürftig genug aussehen. Man muss ihn an einem guten Tag erwischen. Und hinterher muss man sich bedanken.

Ein fester Anteil verlangt nichts davon. In einer sehr alten Regel steht, dass der Rand eines Feldes nicht abgeerntet werden darf, sondern liegen bleibt für die, die nichts haben. Die müssen niemanden fragen und niemandem etwas erklären. Sie kommen und holen es.

Der Unterschied betrifft also gar nicht den, der gibt. Er betrifft den anderen. In dem einen Fall hängt der von einer Stimmung ab. In dem anderen hat er einen Anspruch.

Deshalb heißt die Abgabe in mehreren Traditionen nicht Almosen, sondern Gerechtigkeit.

Bei den festen Zeiten läuft es genauso. Wer die Arbeit liegen lässt, weil er erschöpft ist, muss das begründen, vor sich und vor allen anderen. Wer sie liegen lässt, weil jetzt die Stunde dafür ist, muss gar nichts begründen. Deshalb halten solche Zeiten. Und deshalb hält der Vorsatz, sich künftig öfter freizunehmen, meistens keine drei Wochen.

Was das einem Menschen gibt

Damit ist besser zu sehen, worin der Halt tatsächlich besteht, und er liegt nicht nur in der Hoffnung auf etwas danach.

Ein großer Teil der Fragen, die man sonst jeden Tag neu verhandeln müsste, ist beantwortet, bevor jemand sie stellt. Was man einem Fremden schuldet. Wie man über einen Toten redet. Was geschieht, wenn ein Kind auf die Welt kommt, wenn zwei zusammenziehen, wenn jemand gestorben ist. Wann Schluss ist mit der Arbeit.

Wer das alles selbst festlegen muss, hat mehr Freiheit und mehr Arbeit, und die Arbeit fällt ausgerechnet an den Tagen an, an denen am wenigsten geht. Eine vorgegebene Form ist keine Fessel. An einem Grab ist sie eine Hilfe.

Und es gibt einen Weg zurück. Fast überall ist vorgesehen, dass Menschen versagen, und fast überall gibt es dafür einen Ablauf: etwas zugeben, etwas gutmachen, wieder aufgenommen werden. Das ist womöglich das Menschlichste an der ganzen Sache. Es rechnet damit, dass jemand schuldig wird, und lässt ihn danach nicht für immer stehen. Wer außerhalb steht, hat für diesen Fall nichts als sich selbst, und das ist erfahrungsgemäß der strengste Richter, den es gibt.

Wie weit der Kreis reicht

Jede dieser Regeln sagt auch, für wen sie gilt. Für den Nächsten. Für den Bruder. Für einen von uns.

Damit hängt alles an einer einzigen Frage: Wer zählt dazu?

Wer die Antwort eng hält, kann jede Regel einhalten und trotzdem grausam sein. Er teilt sein Essen mit den Armen im eigenen Dorf und jagt die aus dem Nachbardorf fort. Er lügt nie unter seinesgleichen und betrügt jeden, der nicht dazugehört. Von außen sieht das nach Frömmigkeit aus, und nach seinen eigenen Regeln hat er sich nichts vorzuwerfen.

Über diese eine Frage ist in jeder Tradition gestritten worden. Die Leute, die den Kreis weiter gezogen haben, standen meistens mitten drin. Sie kannten die Texte und haben mit denselben Texten gegen die eigenen Leute argumentiert. Viele haben ihr Leben lang gestritten und das Ergebnis nicht mehr erlebt.

Gewonnen haben sie nicht immer. Der enge Kreis hat Kriege gedeckt, und er deckt bis heute Gewalt, und wer sie ausübt, beruft sich nie auf die Sätze über den Fremden.

Die Frage selbst ist allerdings keine religiöse. Sie wird überall gestellt, wo jemand darüber befindet, wer dazugehört. In einem Land, das entscheidet, wer hereindarf und welche Gemeinschaft hier ein eigenes Haus haben soll. In einem Ort, in dem jeder weiß, welche Familie seit drei Generationen nicht dazugehört. In einem Betrieb, in dem feststeht, wer mittags mit am Tisch sitzt.

Am deutlichsten wird sie, wenn einer etwas anstellt und viele dafür geradestehen müssen. Danach wird nicht über den geredet, der es getan hat, sondern über alle, die glauben wie er, aussehen wie er oder herkommen, wo er herkommt. Das trifft Religionen. Es trifft Herkünfte. Es trifft nach einem Skandal einen ganzen Berufsstand, und in kleinen Orten trifft es Familien über Jahrzehnte.

Wer so rechnet, zieht den Kreis genauso eng wie der Mann, der die Armen aus dem Nachbardorf fortjagt. Er hält sich dabei für aufgeklärt.

Ob eine Religion gut ist oder schlecht, lässt sich deshalb nicht beantworten. In jeder gibt es beide: die, die den Kreis eng halten, und die, die ihn weiten. Zwischen ihnen wird gestritten, seit es die Sätze gibt, und dieser Streit ist kein Nebenschauplatz. Er ist das, was eine Religion ausmacht.

Was bleibt, wenn man nicht glaubt

Fast alles, und kaum jemand merkt es.

Dass ein Mensch nicht dafür haftet, was sein Vater getan hat. Dass ein Fremder kein Freiwild ist. Dass ein Wort gilt, auch wenn es niemand aufgeschrieben hat. Dass einer, der nichts hat, etwas zu bekommen hat, und zwar nicht als Gnade. Wir halten das für selbstverständlich, und es ist das Gegenteil.

Zu erkennen ist das daran, dass diese Sätze aufgeschrieben werden mussten. Niemand schreibt auf, was ohnehin alle tun. Aufgeschrieben wird, was schwerfällt und gegen den Strich geht.

Wer heute ohne Religion lebt, wohnt trotzdem in einem Haus, das mit diesen Steinen gebaut wurde. Man muss den Bauherrn nicht kennen, um zu bemerken, dass die Wände tragen.

Und du?

  • Welche deiner Überzeugungen hältst du für selbstverständlich, obwohl sie irgendwann jemandem erst abverlangt werden musste?
  • Wann hast du zuletzt etwas getan, weil es sich gehört, und nicht, weil dir danach war?
  • Wie weit reicht dein Kreis? Und woran merkst du, wo er aufhört?

Mitnehmen

Nimm eine Regel, nach der du tatsächlich lebst, und geh ihr nach. Bei den meisten führt die Spur nicht zu einer Überlegung, sondern zu einem Haushalt: zu jemandem, der es so gemacht hat, ohne je darüber zu reden.

Das ist keine Schwäche der Regel. Fast alles, was zwischen Menschen hält, ist auf diesem Weg zu ihnen gekommen, und es hält deshalb nicht weniger.

Ob hinter alldem jemand steht, bleibt dabei offen, und es muss offen bleiben. Nur hängt an dieser Frage weniger, als der Streit darum vermuten lässt. Wer Nachsicht weitergibt, wer verzeiht, wer einen Fremden nicht draußen stehen lässt, macht die Gegend um sich herum bewohnbarer, und zwar unabhängig davon, wie er sich die Herkunft dieser Sätze erklärt. Beantwortet ist die Wahrheitsfrage damit nicht. Sie ist nur nicht die, die morgen früh jemandem hilft.

Und wo Menschen dieselben Sätze teilen, entsteht immer auch etwas anderes, das mit den Sätzen nichts mehr zu tun hat. Ein Kreis, der seine Leute kennt, und ein Wort dafür, wer wir sind.