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Hinsehen · WELTBILDER. · Kapitel 2 von 14

Was der Glaube gibt

Niemand weiß es, und beide Seiten entscheiden unter derselben Unkenntnis. Über das, was ein Glaube in einem Leben tatsächlich tut.

12 Min. Lesezeit

Halb acht. Die Tochter liegt im Bett, der Vater sitzt auf der Bettkante. Sie beten. Es sind jeden Abend dieselben drei Sätze, und die Tochter kann sie längst auswendig. Er spricht trotzdem mit.

Danach zählt sie auf, für wen gebetet wird: für die Oma, für den Hund, für die Freundin, die weggezogen ist. Die Reihenfolge ist wichtig, und daran lässt sie nicht rütteln.

In einem Gotteshaus war der Vater seit zwanzig Jahren nicht. Würde ihn jemand fragen, was er glaubt, käme er ins Stocken und hätte am Ende nichts Ordentliches gesagt.

Die drei Sätze kennt er von seiner Mutter. Sie hat sie mit ihm gebetet, als er so alt war wie seine Tochter jetzt. Warum er sie weitergibt, könnte er nicht sagen. Aufhören wird er damit nicht.

Über Glauben wird meistens so geredet, als ginge es zuerst um die Frage, ob es Gott gibt. Das ist eine ehrliche Frage. Sie ist nur nicht die, um die es an dieser Bettkante geht.

Was niemand weiß

Eine Sache gehört an den Anfang und beim Namen genannt, sonst tut dieser Text so, als stünde er neutral daneben.

Niemand weiß, ob es Gott gibt. Wer glaubt, weiß es nicht. Wer nicht glaubt, weiß es genauso wenig. Beide entscheiden sich unter derselben Unkenntnis, und keine der beiden Entscheidungen ist der Normalfall, von dem die andere abweicht. Der Zweifel wirkt heute nur deshalb wie der Normalfall, weil er die unauffälligere Haltung ist, und unauffällig ist nicht dasselbe wie belegt.

Gott heißt dabei nicht überall Gott. Allah ist das arabische Wort dafür, arabischsprachige Christen benutzen es genauso. Anderswo heißt es der Ewige, der Schöpfer, eine höhere Macht. Welches Wort jemand benutzt, hängt vor allem davon ab, wo er geboren wurde, und hier steht Gott für alle davon. Manche Traditionen kommen ohne einen solchen Namen aus. Auch dort liegt am Grund eine Annahme, die niemand prüfen kann.

Am deutlichsten wird dieses Nichtwissen dort, wo es um den Anfang der Welt geht.

Damit aus Staub Sterne werden, aus Sternen Planeten und auf einem davon etwas, das Fragen stellt, musste eine Reihe von Bedingungen erstaunlich genau zusammenpassen. Wären einige davon ein wenig anders, gäbe es keine Sterne, keine schweren Stoffe und keinen Boden unter irgendeinem Fuß. Über diesen Befund wird nicht gestritten. Gestritten wird darüber, was er bedeutet.

War da eine Absicht? Oder eine Abfolge von Naturgesetzen und Zufall, lang genug wiederholt, bis auch das Unwahrscheinliche einmal eintritt? Beides wird mit großer Sicherheit vertreten, und keine der beiden Sicherheiten ist verdient.

Ein Einwand dagegen stimmt allerdings, und er ist schwer zu schlucken. Diese Frage kann nur in einer Welt gestellt werden, in der es geklappt hat. Wo es nicht geklappt hat, steht niemand da und wundert sich. Wir werden uns deshalb immer in der unwahrscheinlichen Welt vorfinden. Nur erklärt das, warum wir sie sehen, und nicht, warum es sie gibt.

Dazu kommt, was beide Seiten übergehen. Um zu sagen, wie unwahrscheinlich etwas ist, müsste man wissen, wie viele Versuche möglich waren und nach welchen Regeln. Wir haben eine Welt und einen einzigen Fall. Fast unmöglich und unvermeidlich behaupten beide mehr, als sich nachprüfen lässt. Für die Zuversicht, es werde sich eines Tages alles aufklären, gilt dasselbe. Belegt ist sie nicht, und vorgetragen wird sie mit der Festigkeit, die man auf der anderen Seite für Leichtgläubigkeit hält.

Daraus folgt ein Satz, der in Texten wie diesem fast nie steht. Dass ein Gedanke trägt, ist kein Argument dagegen, in keine der beiden Richtungen. Wer etwas für erledigt hält, weil es schön ist und gebraucht wird, hat nur den Umkehrschluss gezogen und ihn für Nüchternheit gehalten.

Was ein Glaube hält

Von außen wird meistens das Leben nach dem Tod in den Vordergrund gestellt. Im Alltag eines gläubigen Menschen kommt es selten vor.

Was vorkommt, ist näher. Es ist der Unterschied zwischen ich bin damit allein und ich bin damit nicht allein.

Wer betet, redet mit Gott. Nicht über ihn und nicht von ihm, sondern mit ihm, und das ist der ganze Vorgang. Man kann ihn von außen als Selbstberuhigung beschreiben, und die Beschreibung trifft sogar etwas. Sie ist nur nicht dasselbe wie das, was dort geschieht. Ein Gespräch zwischen zwei Menschen lässt sich auch vollständig als Luftbewegung beschreiben.

Wie weit das trägt, zeigt sich nicht an guten Tagen. Es zeigt sich in den Stunden, in denen einem nichts mehr einfällt: neben einem Bett im Krankenhaus, nach einem Anruf, der alles ändert. Wer sich dann an jemanden wenden kann, ist in einer anderen Lage als jemand, der die Decke ansieht. Für den, der es tut, ist das keine Technik und kein Vergleich. Es ist eine Adresse.

Dazu kommt der eigentliche Kern: die Vorstellung, gemeint zu sein. Nicht mitgezählt in einer sehr großen Menge, sondern gemeint. Wer das für wahr hält, lebt anders. Nicht unbedingt besser, aber mit einem Boden, den man nicht sieht, solange man darauf steht.

Und es gibt eine Sprache für das, wofür die alltägliche zu klein ist: Seele, Gnade, Segen, Schuld, Vergebung. Wer sagt, ich habe Angst, beschreibt einen Zustand. Wer sagt, ich bete für dich, richtet die Angst auf jemanden.

Dasselbe leisten Rituale, dort, wo gar nichts mehr zu leisten ist. Bei einer Beerdigung stehen Menschen auf, setzen sich, gehen denselben Weg. Niemand hält das für eine Antwort auf den Tod. Und doch wären viele ohne diese Bewegungen verloren, weil der Körper weiß, was als Nächstes kommt, während der Kopf es nicht weiß.

Was Gemeinschaft damit zu tun hat

Glaube findet selten nur im Inneren statt.

Er hat Räume, Zeiten, Speisen und Menschen, die dieselben Sätze kennen. Wer an einem Feiertag in einen vertrauten Raum kommt, muss nicht erklären, warum heute anders ist. Alle bewegen sich im selben Takt, alle kennen den Klang. Zugehörigkeit wird körperlich.

Das trägt gerade dann, wenn das eigene Leben auseinanderfällt. Eine Gemeinschaft bringt Essen, kennt die Form der Trauer und sitzt da, auch wenn niemand einen klugen Satz hat. Der Glaube ist an dieser Stelle nicht die Überzeugung, dass etwas einen Sinn hat. Er ist die Frau, die am dritten Tag noch einmal Suppe vor die Tür stellt. Es macht einen Unterschied, ob man in einer schweren Woche Freunde anrufen muss oder ob am Donnerstag ohnehin jemand kommt.

Und es bleibt selten bei den eigenen Leuten. Vieles von dem, was in einer Gegend an Hilfe tatsächlich geleistet wird, tun Menschen unbezahlt, weil ihr Glaube es von ihnen verlangt: an Krankenbetten, in Notunterkünften, bei Leuten, die sonst niemand besucht. Sie tun es auch im November, wenn niemand zusieht.

Dazu kommt die Hoffnung, und die ist etwas anderes, als das Wort meistens meint. Nicht die Erwartung, dass alles gut wird, das glaubt ohnehin kaum jemand. Sondern die Weigerung, eine Lage für endgültig zu halten. Wer die aufgibt, hört auf zu handeln.

Was sich nicht erklären lässt

Dann gibt es Dinge, die sich nicht einordnen lassen.

Menschen, deren Herz stillstand und die hinterher beschreiben, was im Raum geschehen ist, während sie nichts sehen konnten. Ein Befund, der verschwindet, ohne dass jemand sagen kann, warum. Das Aufwachen kurz nach drei, und am Morgen erfährt man, dass jemand kurz nach drei gestorben ist.

Darüber wird auf zwei Arten geredet, und beide gehen zu schnell. Die eine nimmt es als Beweis. Eine Lücke in der Erklärung sagt aber nicht, was in sie hineingehört.

Die andere räumt es weg. Sauerstoffmangel. Zufall. Das ist keine Erklärung, sondern der Verzicht darauf. Wer das sagt, hat nichts beschrieben. Er hat gesagt, dass er nicht weiter hinsehen möchte.

Auffällig ist, was aus den Betroffenen wird. Die wenigsten versuchen, jemanden zu überzeugen. Meistens hat sich nur eines geändert: Sie fürchten sich nicht mehr davor zu sterben. Das lässt sich niemandem weitergeben, und kein Argument hat je eine solche Veränderung erzeugt.

Eine Erfahrung ist keine Behauptung. Wer erzählt, er habe über dem Operationstisch gelegen und sich von oben gesehen, führt kein Argument. Er berichtet. Ihm mit einer Erklärung zu antworten heißt, eine Frage zu beantworten, die er nicht gestellt hat.

Wenn jemand den Glauben benutzt

Nichts bewegt so viele Menschen wie ein Satz, den sie für heilig halten. Wer Macht will, hat das immer gewusst.

Es sieht aus, als läse jemand einen Text und handelte danach. In Wirklichkeit läuft es andersherum. Zuerst ist da, was einer will: ein Stück Land, Leute, die ihm folgen, oder einfach eine Erlaubnis für etwas, das er sowieso vorhatte. Erst danach sucht er die Stelle, die dazu passt, und in einem großen, alten Text findet sich fast immer eine.

Am leichtesten zu sehen ist das an dem, was weggelassen wird. In denselben Büchern steht, dass man den Fremden aufnehmen und dem eigenen Vorteil misstrauen soll. Diese Sätze liest niemand vor, der gerade etwas rechtfertigen will. Vorgelesen wird, was erlaubt. Überhört wird, was kostet.

Das gibt es auch in groß: wenn eine Einrichtung von einer Lehre lebt und sie dabei aushöhlt.

In diesen Texten steht, man solle nicht anhäufen, im Besitz stecke ein Anspruch der Armen, und Barmherzigkeit gehe über alles. Verwaltet wurden diese Sätze von Einrichtungen, die Land gesammelt haben, bis sie zu den größten Grundbesitzern zählten, die Kriege gesegnet und Eroberungen begleitet haben und die über Armut predigen, während sie Vermögen halten.

Keine Tradition ist davon frei. Sobald eine groß genug wurde, um zu verwalten, ist es passiert.

Das ist kein Einwand von außen. Es ist der Einwand der eigenen Texte. Deshalb hat es in jeder Tradition Leute gegeben, die alles hingeworfen haben und freiwillig arm geworden sind, nicht gegen die Lehre, sondern gegen die, die von ihr lebten.

Und dann trifft es Leute, die damit nichts zu tun haben.

Wer etwas im Namen eines Glaubens tut, hinterlässt einen Verdacht, und der Verdacht bleibt nicht bei ihm. Er bleibt bei der Nachbarin. Beim Kollegen. Bei dem Kind, das am Montag in die Schule geht und gefragt wird, was es davon hält. Der Täter ist weit weg oder war nie in der Nähe. Der Verdacht wohnt zwei Straßen weiter.

All das sagt viel über Menschen und wenig über den Glauben. Gemein sind nicht die Sätze, gemein sind die, die zugreifen. Dass etwas missbraucht wird, ist kein Urteil über die Sache. Es ist ein Hinweis darauf, wie stark sie ist. Nach etwas Wirkungslosem greift niemand.

Wo es trotzdem schwer wird

Was Halt gibt, kann festhalten. Ein Satz, der einen Menschen durch eine schwere Zeit getragen hat, lässt sich kaum noch prüfen. Wer ihn hinterfragt, rührt nicht nur an einer Behauptung, sondern an den Nächten, in denen dieser Satz das Einzige war. Und eine Gemeinschaft stellt Bedingungen. Du gehörst dazu, sagt sie, und manchmal leise mit: solange du diese Worte noch mitsprechen kannst. Wer zweifelt, riskiert dann einen Tisch, eine Familie, eine Sprache.

Und nicht jedem gibt Glaube Halt. Für manche war er die Quelle von Angst, Beschämung oder Ausschluss. Ein Raum, der den einen trägt, kann für den anderen der Ort sein, an dem er gelernt hat, sich selbst zu misstrauen. Darüber darf kein warmes Licht hinwegtäuschen, und wer das erlebt hat, schuldet niemandem Verständnis.

Bleibt die Bettkante. Die drei Sätze beweisen nichts. Sie machen keine Nacht sicherer und keine Diagnose milder. Was sie leisten, ist kleiner und genauer, als die Streitfrage vermuten lässt: Ein Kind schläft ein, und jemand ist da.

Und du?

  • Welche Überzeugung gibt deinem Leben eine Ordnung, die du vermissen würdest, selbst wenn du sie eines Tages nicht mehr für wahr hieltest?
  • Was hast du einmal erlebt, das du dir nicht erklären kannst? Und wem hast du es nie erzählt, weil du wusstest, wie es klingt?
  • Wen hast du zuletzt nach dem beurteilt, was jemand anderes getan hat, der dieselben Worte benutzt?

Mitnehmen

Begegnet dir eine Überzeugung, die dir fremd ist, bleibt die Frage nach der Wahrheit erlaubt. An manchen Stellen ist sie die einzige, die zählt.

Nur ist sie selten die erste. Davor liegt eine andere: Was hängt für diesen Menschen daran? Meistens mehr als eine Meinung. Oft eine Mutter, eine Nacht, ein Zimmer, in dem jemand nicht allein war.

Und am Ende bleibt ein Satz, der die ganze Streitfrage überlebt. Ob es Gott gibt, weiß niemand. Dass es besser ist, wenn Menschen einander verzeihen, helfen und niemanden draußen stehen lassen, weiß fast jeder. Das eine ist offen, das andere nicht, und man braucht das eine nicht, um das andere zu tun.

Wie alt das ist, sieht man daran, wo es überall aufgeschrieben wurde. In Gegenden, zwischen denen halbe Kontinente liegen, vor Jahrtausenden, ohne dass die Leute je voneinander gehört hätten, stehen fast dieselben Sätze darüber, was man einem Fremden schuldet.