Zum Inhalt springen

Hinsehen · WELTBILDER. · Kapitel 8 von 14

Wer über wem steht

Von oben sieht es aus, als wäre man gestiegen. Die Leiter ist aus dieser Höhe nicht mehr zu erkennen.

8 Min. Lesezeit

Kasse vier, Freitagabend, die Schlange reicht bis zu den Wasserkisten. Ein Mann legt seine Sachen aufs Band, das Telefon zwischen Schulter und Ohr, und redet weiter.

Die Frau an der Kasse nennt den Betrag. Er hört es nicht. Sie nennt ihn noch einmal, etwas lauter. Er hält die Karte hin, ohne aufzusehen, wartet auf den Ton, nimmt die Tüte.

Auf dem Weg zur Tür sagt er ins Telefon: „Nein, nichts, ich war nur kurz an der Kasse.“

Der Satz stimmt. Er war an der Kasse. An dieser Kasse sitzt seit halb drei ein Mensch, und in dem Satz kommt dieser Mensch nicht vor. Nicht aus Bosheit. Er gehört einfach nicht zur Erzählung.

Herablassung sieht selten so aus, wie man sie sich vorstellt. Die laute Sorte, der Ton von oben, das offene Abwerten, kommt vor, ist aber selten und leicht zu erkennen. Die häufige Sorte ist eine Auslassung.

Sie tut niemandem weh, sie fällt niemandem auf, und sie hinterlässt nichts, worüber man sich beschweren könnte. Sie besteht nur darin, dass in der Schilderung des eigenen Tages bestimmte Menschen nicht vorkommen, obwohl sie darin gearbeitet haben.

Der Satz, der sich selbst verrät

Es gibt einen Satz, den fast jeder schon einmal über sich gesagt hat: Ich behandle jeden gleich, ob Vorstand oder Reinigungskraft.

Er ist als Tugend gemeint, und er ist ehrlich gemeint. Nur stehen zwei Dinge darin, die nicht gemeint waren. Erstens die Reihenfolge des Paars, die niemand zufällig wählt. Und zweitens der Umstand, dass es den Satz überhaupt gibt. Niemand betont, dass er seine Freunde gleich behandelt. Etwas wird erst zur Leistung, wenn die andere Möglichkeit bereitlag.

Ähnlich geht es dem freundlichsten Satz zu diesem Thema überhaupt: Wir sind doch alle gleich. Er ist wahr, und trotzdem lohnt es sich, einmal darauf zu achten, in welche Richtung er gesagt wird. Er wird fast ausschließlich nach unten gesagt. Nach oben braucht ihn niemand, dort ist er keine Großzügigkeit, sondern eine Forderung, und Forderungen klingen anders.

Wer ihn sagt, hat also meistens die Stelle, von der aus man ihn reichen kann. Ein Satz über Gleichheit, der von oben nach unten gereicht wird, ist selbst schon ein Gefälle.

Warum die Leiter von oben nicht mehr zu sehen ist

Die naheliegende Erklärung wäre Charakter: Manche Menschen werden hochmütig, weil sie so sind. Das kommt vor, erklärt aber wenig. Die verbreitete Überheblichkeit ist kein Charakterzug, sie ist ein Blickwinkel.

Von innen erlebt ein Mensch fast nur eines: sein eigenes Entscheiden. Die Bedingungen dagegen erlebt er nicht, weil er sie nicht getan hat. Dass jemand ihm mit sechsundzwanzig etwas zugetraut hat, wofür er noch keinen Beleg hatte. Dass das Fach, das er gelernt hat, in genau diesen Jahren gebraucht wurde. Dass nichts Größeres dazwischenkam, kein Unfall, keine Pflege, kein Zusammenbruch im falschen Moment. Das alles ist passiert, aber es hat keine Erinnerung hinterlassen, weil es keine Handlung war.

Was bleibt, ist eine Kette von eigenen Entscheidungen. Deshalb besteht der Lebensbericht eines erfolgreichen Menschen so auffallend aus ihm selbst. Er lügt dabei nicht. Er erinnert sich nur an das, was von innen sichtbar war.

Und genau dort entsteht die Höhe. Wer glaubt, ausschließlich auf eigenen Entscheidungen zu stehen, muss annehmen, dass die weiter unten ebenfalls auf ihren eigenen stehen. Der Rest ergibt sich von allein und ohne jede böse Absicht.

Das Argument, das fast zu gut ist

Dagegen liegt ein Einwand bereit, und er stimmt. Ohne die Frau an Kasse vier und ohne den Mann, der um vier Uhr morgens auf dem Feld steht, gibt es den Tag dieses Anrufers nicht.

Man kann das an einem einzigen Frühstück durchzählen. Jemand hat gesät und geerntet. Jemand ist nachts gefahren. Jemand stand um halb vier in einer Backstube. Jemand hat ein Regal eingeräumt, jemand saß an der Kasse, jemand hat den Strom am Laufen gehalten, mit dem das Wasser heiß wurde. Bevor der Mann an diesem Morgen das erste Wort gesagt hat, haben mindestens acht Menschen für ihn gearbeitet, die er nicht kennt. Das ist keine Moral. Das ist eine Beschreibung.

Trotzdem trägt dieses Argument nicht so weit, wie es klingt, und man sollte wissen, wo es nachgibt.

Es begründet den Wert eines Menschen mit seiner Unentbehrlichkeit. Damit hat es die Rechnung schon anerkannt, und auf diesem Boden verliert es. Die Antwort kommt zuverlässig: Die Stelle würde auch jemand anderes machen. Wer über Unersetzlichkeit streitet, streitet über etwas, das sich bestreiten lässt.

Schwerer wiegt das Zweite. Wenn der Wert am Beitrag hängt, fällt jeder heraus, der gerade keinen leistet. Der Mann, der seit zwei Jahren krank ist. Die alte Frau im dritten Stock, die nichts mehr herstellt und seit Jahren niemandem mehr nützt. Das Kind, das noch gar nichts kann. Eine Begründung für Gleichheit, die diese Menschen nicht trägt, ist keine Begründung. Sie ist eine Rechnung, die diesmal freundlich ausgeht.

Namen sind dafür ein erstaunlich genaues Messgerät. Sie merken sich fast von selbst, wenn ein Mensch für uns eine Person ist, und sie bleiben aus, wenn er eine Funktion ist. Niemand entscheidet das bewusst. Man stellt hinterher nur fest, wie die Einteilung ausgefallen ist.

Was bleibt, wenn man nicht rechnet

Die Abhängigkeit ist wahr und gut zu wissen. Sie taugt nur nicht als Beweis. Denn wer einen Beweis dafür braucht, dass das Leben eines anderen zählt, hat bereits zugestimmt, dass es sich belegen lassen muss. Danach wird nur noch über die Höhe verhandelt.

Vielleicht ist die nüchterne Fassung diese: Vergleichen lässt sich immer nur ein Ausschnitt. Eine Leistung, ein Ertrag, eine Fähigkeit in einem bestimmten Jahr. Ausschnitte darf man ordnen, und manchmal muss man es. Bei der Frage, wer ein Flugzeug landet, will niemand Gleichheit.

Falsch wird es erst eine Stufe später, wenn aus dem geordneten Ausschnitt eine Rangfolge der Personen wird. Der Unterschied ist klein und entscheidet alles. Eine Leistung zu bewerten heißt, etwas über eine Leistung zu sagen. Es heißt nicht, dass man weiß, wo jemand steht.

Wo es bei dir anfängt

Nicht bei Verachtung. Bei der Stimme.

Es gibt eine Sprechweise, die viele Menschen unbemerkt einschalten: etwas langsamer, etwas freundlicher, etwas erklärender als sonst. Sie ist nicht böse gemeint, im Gegenteil, sie hält sich für Entgegenkommen. Wer sie einmal bei sich hört, merkt, dass sie eine Auskunft ist. Sie wird nicht bei allen eingeschaltet.

Und dann kommt die Stelle, die denen gehört, die sich für die andere Seite halten. Herablassung läuft nicht nur die Einkommensleiter hinunter. Über die einfachen Leute, die es nicht besser wüssten, die man aufklären müsste, deren Meinungen man aus ihren Verhältnissen erklärt, wird mit genau derselben Bewegung geredet wie über die Frau an Kasse vier. Nur von der anderen Seite und mit dem Gefühl, damit die Gleichheit zu verteidigen.

Wer erklärt, warum jemand etwas denkt, statt zu prüfen, ob es stimmt, steht schon wieder darüber. Die Freundlichkeit dieser Haltung ändert an ihrer Richtung nichts.

Und du?

  • Vor wem redest du anders, ohne es zu wollen, und in welche Richtung geht die Veränderung?
  • Wen hast du in den letzten Tagen gebraucht, ohne ihn zu bemerken?
  • Wenn du erklären solltest, warum du dort bist, wo du bist: Welcher Teil davon war deine Entscheidung, und welcher Teil war eine Bedingung, die du nie erlebt hast?

Mitnehmen

Es gibt eine Probe, die einen Nachmittag dauert. Zähl nach, wie viele Menschen an diesem Tag etwas für dich getan haben, deren Gesicht du abends nicht mehr zusammenbekommst. Nicht, um dich schlecht zu fühlen. Die Zahl ist einfach größer als gedacht, und sie sagt etwas über die Höhe, in der man sich bewegt, ohne es zu merken.

Die zweite Hälfte ist unangenehmer. Auch du behandelst nicht alle gleich, und die Stelle, an der es kippt, ist nie laut. Sie liegt in einer Tonlage und in der Frage, wessen Namen du dir merkst.

Wobei die Maßstäbe, nach denen du so einteilst, nicht alle von dir stammen. Die meisten hast du irgendwann übernommen, ohne sie je geprüft zu haben, und sie liegen auch dann bereit, wenn es um Schuld und Versagen geht.