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Hinsehen · WELTBILDER. · Kapitel 9 von 14

Die Maßstäbe, die nur für andere gelten

Uns selbst messen wir an dem, was wir wollten. Andere an dem, was sie getan haben.

9 Min. Lesezeit

Autobahn, später Nachmittag, linke Spur. Im Rückspiegel taucht ein Wagen auf, sehr schnell, sehr nah. Er bleibt dort, ein paar Meter hinter dir, und blinkt einmal mit der Lichthupe. Du denkst: Was für ein Idiot. Du fährst ohnehin schon zwanzig über dem, was erlaubt ist.

Vierzig Minuten später bist du spät dran. Zu Hause wartet jemand, das Handy hat zweimal vibriert, du weißt, was drinsteht. Vor dir fährt einer auf der linken Spur, gemütlich, mit so viel Abstand zum nächsten Auto, dass ein Lastwagen hineinpassen würde. Du fährst auf. Näher, als du müsstest. Du denkst: Ich habe es eilig. Fahr doch rüber.

Zwei Situationen, dieselbe Handlung. Einmal war es ein Idiot. Einmal warst du es, und da war es eine Ausnahme.

Wir kennen diesen Wechsel alle. Und fast niemand bemerkt ihn in dem Moment, in dem er passiert.

Die Regel, die wir nie beschlossen haben

Es gibt eine Regel, nach der wir Menschen beurteilen, und sie steht in keinem Gesetz und in keinem Erziehungsbuch. Sie lautet: Mich selbst beurteile ich nach meiner Absicht. Die anderen beurteile ich nach ihrer Wirkung.

Wenn ich zu spät komme, weiß ich, warum. Der Anruf, der länger gedauert hat, die Bahn, der Tag. Wenn du zu spät kommst, sehe ich nur, dass du zu spät bist. Wenn ich einen scharfen Satz sage, weiß ich, dass er nicht so gemeint war. Wenn du ihn sagst, höre ich den Satz.

Das ist keine Bosheit. Es ist eine Frage der Aussicht. Von meinem eigenen Leben sehe ich die Innenseite: die Gründe, die Umstände, die Müdigkeit, den guten Willen, der irgendwo darunter liegt. Von deinem sehe ich die Außenseite: das, was du tust, und das, was es bei mir anrichtet. Ich habe schlicht mehr Material über mich als über dich. Und aus mehr Material wird fast immer ein milderes Urteil.

Der Drängler im Rückspiegel hat keine Geschichte. Ich habe eine.

Warum uns das so leicht fällt

Man könnte meinen, so ein Ungleichgewicht müsste irgendwann auffallen. Es fällt aber nicht auf, und dafür gibt es Gründe.

Der erste: Absichten sind unsichtbar. Meine kann ich fühlen, deine kann ich nur raten. Und beim Raten greifen wir zu dem, was in unsere Erzählung passt. Wenn mich jemand schneidet, ist er rücksichtslos. Wenn ich jemanden schneide, habe ich ihn nicht gesehen. Beides kann wahr sein. Nur bekommt der andere die schlechtere Version, weil ich seine Version nicht kenne.

Der zweite: Ein mildes Urteil über sich selbst tut gut. Es hält das Bild zusammen, das wir von uns haben. Ich bin ein rücksichtsvoller Mensch, der heute eine Ausnahme gemacht hat. Das ist eine viel angenehmere Geschichte als: Ich bin ein Mensch, der drängelt, wenn er es eilig hat. Die zweite Geschichte ist vermutlich näher an der Wahrheit. Die erste lässt sich besser mit sich herumtragen.

Der dritte Grund liegt tiefer. Wir beurteilen nicht nur Handlungen. Wir beurteilen, wer jemand ist. Und bei uns selbst haben wir eine lange Liste an Gegenbeweisen zur Hand. Der scharfe Satz von heute steht neben hundert freundlichen Sätzen der letzten Jahre. Der scharfe Satz eines Fremden steht allein. Er ist alles, was ich von ihm habe. Also wird er zu dem, was er ist.

Die Frage ist gemein, weil die Antwort fast immer schnell kommt. Nicht die Situation ist schwer zu finden. Schwer ist, sie so zu sehen, wie man sie beim anderen gesehen hat.

Die Maßstäbe zwischen den Gruppen

Bis hierher ging es um dich und mich. Aber der Mechanismus bleibt nicht bei zweien stehen.

Was für die eigene Person gilt, gilt für alles, was wir als eigen empfinden. Die eigene Familie, den eigenen Verein, das eigene Land, die eigene Überzeugung. Wenn jemand aus meiner Gruppe etwas Falsches tut, war es ein Einzelfall, ein Fehler, eine schwierige Lage. Wenn jemand aus der anderen Gruppe dasselbe tut, zeigt es, wie die eben sind.

Das lässt sich an jedem Gespräch über Politik nachprüfen, aber es ist interessanter, es an sich selbst zu prüfen. Wenn jemand, den ich schätze, eine Grenze überschreitet, suche ich nach dem Zusammenhang. Wenn jemand, den ich nicht mag, sie überschreitet, habe ich den Zusammenhang schon. Er heißt: Wusste ich es doch.

Hier liegt auch der Grund, warum es für manche Menschen so viel anstrengender ist, dazuzugehören, als für andere. Wer als selbstverständlich gilt, wird nach seiner Absicht beurteilt. Wer sich täglich erklären muss, wird nach seiner Wirkung beurteilt. Derselbe Fehler ist bei dem einen ein schlechter Tag und bei dem anderen der Beweis.

Die Erklärung dafür ist dieselbe wie auf der Autobahn. Von der eigenen Seite kenne ich die Innenseite, von der anderen nur die Wirkung. Von den eigenen Leuten habe ich hundert Gegenbeweise. Von den anderen habe ich den einen Fall. Aus ungleichem Material entsteht ungleiches Urteil, ohne dass jemand unehrlich sein müsste.

Und darum ist dieses Kapitel nicht zuerst ein Kapitel über die Gesellschaft. Es ist ein Kapitel über den Kopf, in dem die Gesellschaft vorsortiert wird. Meinen. Deinen.

Wenn die Lineale plötzlich sichtbar werden

Manchmal bekommt man die beiden Maßstäbe für einen Moment nebeneinandergelegt, und dann sieht man sie.

Ein Streit am Abend, zwei Menschen, die sich lange kennen. Es geht um etwas Kleines, um eine Bemerkung vor Freunden, um einen Ton. Jeder weiß genau, was der andere getan hat, und jeder weiß genau, was er selbst gemeint hat. Sie reden aneinander vorbei, weil sie zwei verschiedene Sachen verhandeln: der eine die Wirkung, der andere die Absicht. Und dann klingelt das Telefon, und es ist eine Nachricht, die alles andere klein macht. Jemand ist im Krankenhaus.

Zehn Minuten später sitzen die beiden nebeneinander im Auto, und der Streit ist nicht gelöst. Er ist verschwunden. Niemand hat recht bekommen. Es ist einfach nicht mehr wichtig, wer angefangen hat.

Was in so einem Moment sichtbar wird, ist nicht, dass der Streit dumm war. Es ist, dass die beiden Lineale, mit denen gemessen wurde, nie gleich lang waren. Und dass es gar nicht um die Bemerkung ging. Es ging darum, dass jeder für sich das mildere Maß beansprucht hat.

Es gibt übrigens Menschen, bei denen die Lineale andersherum liegen. Sie beurteilen sich selbst nach der Wirkung und andere nach der Absicht. Wenn sie zu spät kommen, sind sie unzuverlässig. Wenn jemand anders zu spät kommt, hatte er sicher Gründe. Das sieht wie das Gegenteil von zweierlei Maß aus und ist doch dieselbe Schieflage mit anderem Vorzeichen. Nur ist es diesmal die eigene Seite, die leer ausgeht. Wer sich darin wiedererkennt, hat auf diesen Text nichts voraus. Er weiß nur, in welche Richtung sein Lineal falsch liegt.

Warum das mildere Maß vernünftig ist

Man kann diesem Kapitel gut widersprechen, und man sollte es.

Es ist vernünftig, sich selbst nach der Absicht zu beurteilen, weil man die Absicht kennt. Ich weiß, dass ich niemanden verletzen wollte. Diese Information wegzulassen, nur um gerecht zu wirken, wäre selbst eine Form von Unehrlichkeit. Ein Urteil soll alles einbeziehen, was man weiß, und über mich weiß ich nun einmal mehr.

Umgekehrt ist es nicht willkürlich, andere nach der Wirkung zu beurteilen. Die Wirkung ist das Einzige, was sich prüfen lässt. Absichten kann man behaupten. Wer immer nur nach der Absicht fragt, lässt sich am Ende alles erklären und winkt jeden Übergriff mit einem „So war es nicht gemeint“ durch. Für die, die etwas abbekommen haben, zählt, was angekommen ist. Das ist kein Denkfehler, das ist Anstand. Und ein wenig Nachsicht mit sich selbst ist keine Schwäche, sondern die Bedingung dafür, überhaupt weiterzumachen. Wer sich jeden Fehler so vorhält, wie er ihn Fremden vorhält, kommt morgens nicht mehr aus dem Bett.

Vierzig Minuten später sitzt du trotzdem selbst auf der linken Spur. Nichts von dieser Gegenrede hat dich dorthin gebracht, und nichts davon hätte dich davon abgehalten. Sie erklärt nur, warum die Schieflage so stabil ist: Jede Hälfte für sich klingt vernünftig, und zusammen ergeben sie zwei verschieden lange Lineale. Bleibt die Frage, ob ich dem Wagen im Rückspiegel wenigstens das zugestehe, was ich bei mir selbst wie selbstverständlich einrechne: dass es eine Innenseite gibt, die ich nicht sehe.

Und du?

  • Bei welchem Menschen fällt dir auf, dass du seine Fehler sammelst und seine Gründe nicht? Was müsstest du über ihn wissen, damit sich das ändert?
  • Wenn jemand dich nur nach der Wirkung deiner letzten Woche beurteilen würde, ohne eine einzige deiner Erklärungen: Wer wärst du dann?

Mitnehmen

Irgendwann heute fällst du ein Urteil über jemanden, den du nicht kennst. Der Drängler, die Frau an der Kasse, der Kollege, der nicht zurückgeschrieben hat. Das Urteil muss nicht ausbleiben. Es genügt, kurz zu fragen, welche Innenseite du dir gerade ersparst.

Und wenn du das ein Stück weitertreibst, kommst du an eine unbequemere Stelle. Nicht nur Urteile über Menschen übernimmt man fertig. Auch die Sätze darüber, was geht und was nicht, hat kaum jemand selbst überprüft. Man hat sie gehört, sie klangen vernünftig, und danach hat niemand mehr nachgesehen.