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Hinsehen · WELTBILDER. · Kapitel 11 von 14

Wie viel davon ist deine Meinung?

Eine Meinung, die man hat, und eine, die man mitträgt, sehen von außen gleich aus.

9 Min. Lesezeit

Sechs Leute um einen Tisch, die Reste vom Essen, die zweite Flasche. Irgendwann kommt das Gespräch auf ein Thema, das in diesen Wochen überall ist. Jemand sagt einen Satz dazu, und alle nicken. Jemand ergänzt, alle nicken wieder. Es wird schärfer, lustiger, einer imitiert die Gegenseite, und alle lachen.

Du lachst mit. Du nickst mit. Und irgendwo zwischen dem zweiten und dem dritten Nicken merkst du, dass du zu diesem Thema noch nie eine Minute allein nachgedacht hast. Du sagst es nicht. Der Abend ist zu schön dafür.

Es ist ein angenehmer Abend. Man ist sich einig, man ist unter sich, niemand muss etwas verteidigen. Genau das ist der Punkt.

Denn es gibt einen Unterschied zwischen einer Meinung, die man hat, und einer, die man mitträgt. Von außen sehen beide gleich aus. Von innen auch, solange man nicht nachsieht.

Woher Meinungen kommen

Die Lineale, mit denen wir andere messen, haben wir nicht selbst gebaut. Mit den Meinungen, die wir vertreten, ist es nicht anders.

Niemand denkt sich seine Überzeugungen selbst aus. Das ist keine Kritik, das ist eine Beschreibung. Zu den meisten Fragen, zu denen wir eine Haltung haben, haben wir nie ein Buch gelesen, nie mit jemandem gesprochen, der es anders sieht, nie länger als eine Fahrstuhlfahrt nachgedacht. Wir haben die Haltung von irgendwoher. Von den Eltern. Von den Freunden, mit denen wir am liebsten zu Abend essen. Von dem, was uns in den letzten Jahren auf Bildschirmen angeboten wurde, in der Reihenfolge, in der es uns angeboten wurde.

Das ist nicht zu ändern, und es wäre auch nicht wünschenswert. Wer zu jeder Frage selbst forschen müsste, käme zu keiner Antwort. Meinungen zu übernehmen ist die normale Art, wie Menschen zu Meinungen kommen. Man lebt in einer Gruppe, man hört, was die Gruppe für richtig hält, und man findet es meistens auch richtig. Der Preis ist gering, der Nutzen groß. So haben Menschen immer gelebt.

Das Problem beginnt nicht bei der Übernahme. Es beginnt bei dem, was danach passiert. Nämlich meistens: nichts.

Die Blase, die man von innen nicht sieht

Es gibt ein Bild dafür, das inzwischen jeder kennt: die Blase. Man lebt darin, umgeben von Menschen, die ungefähr das denken, was man selbst denkt, und hält das für die Welt.

Das Bild ist gut, aber es hat einen Fehler. Es klingt, als wäre die Blase etwas, in das man geraten ist. Als hätte sie jemand um einen herum gebaut. Und ja, es gibt Mechanismen, die dafür sorgen, dass wir mehr von dem sehen, was uns ohnehin gefällt, weil das, was gefällt, länger gelesen wird und deshalb öfter gezeigt. Aber die Blase ist auch selbstgemacht. Wir suchen uns Freunde, mit denen wir uns verstehen. Wir lesen, was uns recht gibt. Wir merken uns die Argumente, die zu uns passen, und vergessen die anderen bis zum nächsten Streit. Das ist keine Verschwörung, das ist Bequemlichkeit. Und ich bin darin nicht besser als du.

Im Kern steckt ein einfacher Vorgang: Wir prüfen Dinge, die uns widersprechen, sehr viel genauer als Dinge, die uns zustimmen. Ein Argument gegen meine Meinung muss erst durch die Kontrolle. Ein Argument dafür wird durchgewinkt. Und weil sich das Durchwinken wie Denken anfühlt, merken wir nicht, dass wir gar nicht gedacht haben. Wir haben nur bestätigt.

Deshalb fühlt sich der Abend am Tisch so gut an. Sechs Leute, die einander durchwinken.

Dazu kommt, dass Meinungen heute schneller kommen als je zuvor. Ein Ereignis, und binnen Stunden weiß man, was die eigene Seite dazu denkt. Man muss es nur noch übernehmen. Die Geschwindigkeit hat einen Nebeneffekt: Für das eigene Nachdenken bleibt keine Lücke mehr, weil die Antwort schon da ist, bevor die Frage bei einem angekommen wäre.

Haltung und Reflex

Woran erkennt man den Unterschied zwischen einer Haltung und einem Reflex?

Nicht daran, wie überzeugt jemand ist. Reflexe sind oft die lautesten Meinungen im Raum. Auch nicht daran, ob die Meinung richtig ist. Eine übernommene Meinung kann richtig sein und eine selbst gedachte falsch.

Man erkennt es an einer anderen Stelle: an dem, was passiert, wenn Widerspruch kommt. Eine Haltung hat einen Weg hinter sich. Sie weiß, an welchen Stellen sie unsicher ist, weil sie diese Stellen unterwegs gesehen hat. Sie kann sagen: Hier bin ich mir nicht sicher, aber hier schon. Ein Reflex hat keinen Weg. Er hat nur ein Ergebnis. Und weil er den Weg nicht kennt, kann er nicht auf ihn zurückgehen. Er kann nur lauter werden, das Thema wechseln oder den anderen für dumm halten.

Es gibt eine ehrliche Prüfung, und sie ist unangenehm: Kannst du die Gegenposition so wiedergeben, dass jemand, der sie vertritt, nickt? Nicht die lächerliche Version, die am Abendtisch imitiert wurde. Die beste. Wenn du das kannst und trotzdem bei deiner Meinung bleibst, ist sie deine. Wenn du es nicht kannst, weißt du jetzt, was du stattdessen hast.

Bei manchen Themen geht das. Bei anderen fällt einem auf, dass man die Gegenseite nur aus Karikaturen kennt. Aus dem, was Leute, die so denken wie man selbst, über sie erzählen. Das ist kein Grund, die Meinung zu wechseln. Es ist ein Grund, sie sich einmal anzusehen.

Wofür wir Meinungen brauchen

Der schwierige Teil ist nicht, dass wir Meinungen übernehmen. Der schwierige Teil ist, wofür wir sie brauchen.

Eine Meinung ist selten nur eine Aussage über die Welt. Sie ist auch eine Aussage darüber, wo man hingehört. Wer am Tisch nickt, sagt nicht nur: Das stimmt. Er sagt auch: Ich bin einer von euch. Und wer plötzlich fragt, ob es wirklich so einfach ist, sagt damit, ob er will oder nicht: Vielleicht bin ich es nicht ganz.

Darum ist die Prüfung, von der dieser Text spricht, so selten. Nicht, weil sie schwer wäre. Sondern weil sie etwas kostet, das wir mehr brauchen als Wahrheit: die Sicherheit, dazuzugehören. Es ist leichter, eine Meinung zu wechseln, als einen Tisch.

Und noch etwas: Ich schreibe das hier, als stünde ich außerhalb. Das stimmt nicht. Auch dieser Text ist an einem Tisch entstanden, an dem bestimmte Dinge als ausgemacht gelten. Dass Zweifel besser ist als Gewissheit, zum Beispiel. Ich habe das nie an einem Abend gelernt, an dem mir jemand ernsthaft widersprochen hat.

Es gibt keinen Standpunkt außerhalb

Der Text hat einen Hang zur Überheblichkeit, und den sollte man ihm nicht durchgehen lassen.

Manche übernommene Meinung ist einfach richtig. Dass man Menschen nicht schlägt, dass man Versprechen hält, dass Kinder Schutz brauchen: Das habe ich alles von jemandem übernommen, ohne je die Gegenposition zu prüfen, und ich habe nicht vor, damit anzufangen. Nicht jede Überzeugung braucht einen Weg. Manche braucht nur Menschen, die sie einem beigebracht haben. Es ist auch nicht falsch, mit Gleichgesinnten zu leben. Der Abend am Tisch ist nicht nur eine Blase, er ist Zugehörigkeit, Erholung, Freundschaft. Niemand hält es aus, sich pausenlos in Frage zu stellen, und ein Leben, in dem jedes Abendessen eine Debatte ist, will kein Mensch. Es ist erlaubt, unter sich zu sein. Es ist sogar nötig.

Der schwerste Einwand kommt zuletzt. Der Anspruch, nur eigene Meinungen zu haben, ist selbst eine Täuschung. Auch wer seine Haltung mühsam geprüft hat, hat sie mit Werkzeugen geprüft, die er von irgendwoher hat. Wer glaubt, seine Meinungen seien im Gegensatz zu denen der anderen selbst gedacht, hat vermutlich nur die Blase nicht gesehen, in der er sitzt.

Bleibt der Tisch mit den sechs Leuten. Auch nach dieser Gegenrede nickt dort jemand, der nachgedacht hat, genauso wie jemand, der es nicht getan hat. Von außen wird man das nie unterscheiden können, und wer es versucht, sitzt schon wieder auf einem Stuhl, der ihm nicht zusteht. Der Unterschied liegt allein bei dem, der nickt. Klein ist er deshalb nicht: ob man weiß, was man übernommen hat, oder ob man es für sein eigenes hält.

Und du?

  • Welche deiner Meinungen hast du in den letzten fünf Jahren geändert? Und wenn keine: Was sagt dir das über die Prüfung, von der dieser Text spricht?
  • Welche Überzeugung würdest du an dem Abend am Tisch nicht laut sagen, weil du ahnst, dass sie dort nicht gut ankäme?

Mitnehmen

Such dir eine einzige Überzeugung aus, die dir wichtig ist, und versuche, sie einmal von der anderen Seite zu erzählen. So, dass jemand, der sie nicht teilt, sagen würde: Ja, so sehe ich das. Nicht, um sie aufzugeben. Um zu sehen, ob sie das überlebt.

Manche wird es. Bei manchen wirst du merken, dass du weniger weißt, als du geglaubt hast. Das ist kein schlechtes Ergebnis, nur ein unbequemes. Ernst wird es allerdings erst, wenn so eine Überzeugung auf eine andere trifft. Dann geht es nämlich schnell nicht mehr darum, was stimmt, sondern darum, wer am Ende bestätigt bekommt, dass er es war.