Hinsehen · WELTBILDER. · Kapitel 10 von 14
Wer es nicht besser wusste
Ein geht nicht ist fast nie eine Messung. Es ist die Zusammenfassung von Versuchen, die jemand anders gemacht hat, unter Bedingungen, die niemand mehr nennt.

Eine Besprechung, elf Uhr. Die Neue fragt, warum die Auswertung jeden Monat von Hand abgetippt wird. Es gebe die Datei doch.
Zwei Leute erklären es ihr, freundlich und geduldig. Das sei damals geprüft worden. Das gehe nicht, wegen des Formats, wegen der anderen Abteilung, wegen einer Sache, die keiner mehr genau benennen kann.
Sie sagt nichts weiter dazu. Am Donnerstag zeigt sie es.
Es geht. Es hat sie einen Nachmittag gekostet.
Im Raum wird es kurz still, und die Stille ist nicht freundlich. Jemand sagt, damals sei das sicher anders gewesen. Die Sache mit dem Format sei nicht erfunden.
Alle Sätze, die danach fallen, handeln von früher. Keiner handelt von der Datei.
Es gibt einen Spruch dazu, den fast jeder kennt. Alle sagten, es geht nicht. Dann kam einer, der das nicht wusste, und hat es einfach gemacht.
Er stimmt und er stimmt nicht, und beides lohnt sich genauer anzusehen, weil an dieser Stelle etwas passiert, das in jedem Betrieb, in jeder Familie und in jedem einzelnen Leben vorkommt.
Was ein geht nicht tatsächlich ist
Es ist fast nie eine Messung.
Meistens ist es die Zusammenfassung von Versuchen. Jemand hat etwas probiert, zu einer bestimmten Zeit, mit bestimmten Mitteln, oft mit einem etwas anderen Ziel. Es hat nicht funktioniert, und er hat es weitergegeben.
Beim Weitergeben fallen drei Angaben weg: wer, wann, unter welchen Bedingungen. Übrig bleibt ein Satz, der klingt wie eine Eigenschaft der Sache selbst.
Das ist keine Lüge, sondern die normale Form von Weitergabe, und sie ist nützlich. Ohne sie müsste jeder alles von vorn herausfinden, und in den meisten Fällen erspart so ein Satz einem genau das, wofür er gedacht ist: einen verlorenen Nachmittag.
Er hat nur ein Problem. Er trägt kein Datum. Ein geht nicht von vor acht Jahren gilt weiter, bis es jemand ausprobiert, und ausprobieren tut es niemand, weil es ja nicht geht.
Warum eine Gruppe diesen Satz braucht
Interessant ist, was im Raum passiert, wenn er widerlegt wird. Die Stille danach ist nämlich nie Freude.
Solange etwas unmöglich ist, hat niemand versagt. Es liegt an der Sache, und das entlastet alle gleichzeitig. In dem Moment, in dem es doch geht, ändert sich rückwirkend die Geschichte aller Beteiligten. Aus das ging nicht wird: Wir haben das acht Jahre lang von Hand gemacht.
Deshalb ist der Widerstand gegen den Neuen oft größer, als die Sache hergibt. Er verstößt nicht nur gegen eine Gewohnheit. Er nimmt einer Gruppe eine Entlastung weg.
Man erkennt es zuverlässig daran, wovon die nächsten Sätze handeln. Wenn sie von früher handeln statt von der Sache, ging es nie um die Sache.
Zwei Sorten davon
Es gibt ein hartes geht nicht. Da steht etwas im Weg, das sich nicht verhandeln lässt: Material, Zeit, Recht, ein Körper, Geld, das nicht existiert.
Und es gibt ein weiches. So macht man das hier nicht. Dafür ist niemand zuständig. Das hat noch nie jemand so gemacht. Es klingt genauso sachlich wie das harte und ist etwas völlig anderes.
Der Neue setzt sich ausschließlich bei der zweiten Sorte durch. Bei der ersten scheitert er wie alle vor ihm, nur lauter.
Unterscheiden lassen sie sich mit einer einzigen Frage: Kann jemand in einem Satz sagen, woran es genau scheitert, ohne sich auf Gewohnheit oder auf früher zu berufen? Wenn ja, ist es das harte. Besteht die Antwort aus Geschichte, ist es das weiche.
Was an dem Spruch nicht stimmt
Er legt nahe, Unwissen sei ein Vorteil. Das ist es nicht. Es ist ein Los.
Von dem einen, der es nicht wusste und es trotzdem geschafft hat, wird erzählt. Von den vielen, die es ebenfalls nicht wussten und genau so gescheitert sind, wie es vorhergesagt war, erzählt niemand, weil daraus keine Geschichte wird. Der Spruch ist deshalb keine Auskunft über Möglichkeiten. Er ist eine Auswahl.
Und er ist der Lieblingssatz derer, die sich das Einarbeiten sparen wollen. Er verwandelt fehlende Vorbereitung in eine Tugend, und das ist bequem und im Zweifel teuer.
Der Vorteil des Neuen liegt nämlich gar nicht im Nichtwissen. Er liegt darin, dass er die Schlussfolgerung nicht geerbt hat. Über die Sache selbst weiß er oft dasselbe wie alle anderen. Er weiß nur nicht, dass sie erledigt ist. Für ihn ist die Frage offen, und offene Fragen probiert man aus.
Das ist der brauchbare Kern, und er hat mit Mut wenig zu tun. Es geht um den Unterschied zwischen einer Sache, die geprüft wurde, und einer, über die ein Urteil im Umlauf ist.
Auf welcher Seite du meistens stehst
Bei diesem Spruch hält sich jeder für den Neuen. Das ist der Grund, warum er so gut gefällt.
In Wahrheit sitzt man in den allermeisten dieser Geschichten am Tisch und erklärt, warum es nicht geht. Nicht aus Bosheit, nicht aus Trägheit, sondern weil man es tatsächlich zu wissen glaubt. Es ist ja die Auskunft, die man hat.
Und im eigenen Leben lautet der Satz selten das geht nicht. Er lautet: Bei mir geht das nicht. Diese Fassung wird fast nie überprüft, weil sie nicht wie ein Urteil klingt, sondern wie Selbstkenntnis.
Und du?
- Welches geht nicht in deinem Leben hast du übernommen, ohne es je selbst versucht zu haben?
- Wann hast du zuletzt jemandem erklärt, warum etwas nicht geht? Und woher wusstest du es?
- Welcher deiner Sätze beginnt mit „bei mir“ und ist nie geprüft worden?
Mitnehmen
Nimm einen einzigen Satz darüber, was bei dir nicht geht, und prüf an ihm nur drei Angaben. Wer hat ihn gesagt. Wann. Unter welchen Bedingungen. Bei erstaunlich vielen dieser Sätze scheitert es schon an der ersten Frage.
Das heißt nicht, dass er falsch ist. Manches geht wirklich nicht, und das rechtzeitig zu wissen, spart Jahre. Es heißt nur, dass zwischen einer Prüfung und einem Gerücht ein Unterschied besteht und dass man einem Satz nicht ansieht, welches von beidem er ist.
Und die Sätze, die diese Prüfung überstehen, sind deshalb noch lange nicht deine. Man kann eine Überzeugung ein Leben lang mit sich tragen, ohne sie je selbst geprüft zu haben. Von außen sieht das genau gleich aus.


