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Hinsehen · WIR. · Kapitel 7 von 17

Helfen und Hilfe annehmen

Wir geben gern und nehmen ungern. Aus dieser Schieflage entsteht ein Gefälle, das niemand wollte.

9 Min. Lesezeit

Vierter Stock ohne Aufzug, ein Treppenhaus, das nach Staub und Kaffee riecht. Sechs Leute tragen Kisten. Die Frau, die hier einzieht, trägt selbst die schwersten. In der ersten Stunde sagt sie viermal „Lass, das mach ich“ und dreimal „Tut mir leid, dass ihr das machen müsst“. Mittags bestellt sie Pizza für alle und lässt niemanden mitbezahlen.

Am Abend stehen noch zwanzig Kartons unten im Flur. Sie sagt: „Geht ruhig, den Rest schaffe ich allein.“

Niemand geht. Aber alle haben es gehört.

Es gibt einen Satz, der noch seltener ausgesprochen wird als ein Lob. Er ist kürzer und wiegt mehr. Er heißt: Kannst du mir helfen?

Die Frau auf der Treppe war in den letzten Jahren bei vier Umzügen dabei. Sie hat Kisten geschleppt, Schränke gehalten, Kabel sortiert. Sie war immer da, wenn jemand sie brauchte, und keiner musste sie zweimal fragen. Für ihren eigenen Umzug hat sie lange überlegt, überhaupt jemanden zu fragen. Fast hätte sie eine Firma bestellt.

Das ist kein Sonderfall. Das ist die Regel.

Die, die immer dabei sind

Fast jeder kennt einen Menschen, der bei allem hilft und nie um etwas bittet. Der Nachbar, der das Regal anschraubt und dann drei Wochen mit einem tropfenden Wasserhahn lebt. Die Freundin, die jeden anruft, wenn es jemandem schlecht geht, und selbst nicht abnimmt, wenn es ihr schlecht geht. Der Kollege, der jede Vertretung übernimmt und krank zur Arbeit kommt.

Und fast jeder kennt diesen Menschen auch von innen. Denn meistens sind wir es selbst, jedenfalls in Teilen.

Helfen fühlt sich gut an. Es macht uns nützlich, sichtbar, gebraucht. Hilfe annehmen fühlt sich anders an. Wie ein Eingeständnis. Als hätte man etwas nicht hinbekommen, das man hätte hinbekommen müssen. Man sagt „Danke, wirklich, das wäre nicht nötig gewesen“, und der Nachsatz verrät, wie es sich anfühlt: Es hätte nicht nötig sein dürfen.

Dieselbe Handlung, zwei völlig verschiedene Gefühle, je nachdem, auf welcher Seite man steht. Das ist die Schieflage, um die es hier geht.

Woher das Gefälle kommt

Woher kommt das? Eine Kiste ist eine Kiste. Sie wird nicht schwerer, wenn ich sie trage, und nicht leichter, wenn du sie trägst. Und trotzdem ist es für die meisten Menschen leichter, sie zu tragen, als sie tragen zu lassen.

Ein Grund liegt darin, wie wir Erwachsensein gelernt haben. Ein Kind wird gelobt, wenn es etwas allein schafft. Allein anziehen, allein zur Schule, allein wohnen, allein zurechtkommen. Selbstständigkeit ist die Währung, in der Reife bezahlt wird. Irgendwann sitzt der Gedanke tief: Wer Hilfe braucht, ist noch nicht fertig. Wer keine braucht, ist angekommen.

Ein zweiter Grund ist eine Rechnung, die niemand aufschreibt und jeder führt. Wer hilft, hat etwas gut. Wer Hilfe annimmt, steht in der Kreide. Man spürt das an dem Reflex, sofort etwas zurückgeben zu wollen. Die Pizza, das Bier, das „Sag Bescheid, wenn du mal was brauchst“. Das ist nicht unhöflich. Es ist der Versuch, die Rechnung schnell wieder auf null zu bringen, weil man es schlecht aushält, dass sie offen ist.

Und ein dritter Grund ist der stillste. Helfen ist eine Position. Wer hilft, hat etwas übrig: Zeit, Kraft, Wissen, Geld. Wer Hilfe braucht, hat gerade nicht genug davon. In einer Welt, in der wir uns ständig einordnen, oft ohne es zu merken, ist Helfen eine Bewegung nach oben und Hilfe annehmen eine nach unten. Nicht in Wirklichkeit. Aber im Gefühl. Und das Gefühl entscheidet, ob wir zum Telefon greifen oder nicht.

So entsteht ein Gefälle, das keiner gebaut hat. Alle wollen geben, keiner will nehmen. Und weil Geben ohne Nehmen nicht geht, bleibt am Ende erstaunlich viel Hilfe ungegeben, die alle gern gegeben hätten.

Bei vielen liegt das lange zurück. Nicht, weil es nichts gegeben hätte. Sondern weil die Mühe leichter zu ertragen war als die Bitte. Man macht es dann eben selbst. Zwei Abende statt einem. Der Rücken, der am nächsten Tag wehtut. Alles besser, als jemanden zu fragen und in seinem Gesicht zu lesen, dass es ungelegen kommt.

Vielleicht liest man dort aber auch etwas anderes.

Was eine Bitte dem anderen gibt

Eine Frau liegt nach einer Operation im Krankenhaus. Ihre Freunde wollen kommen. Sie schreibt: Ihr müsst nicht, ich bin sowieso nur müde, es lohnt sich nicht. Sie meint das ernst. Sie will niemandem zur Last fallen, nicht mit der Fahrt, nicht mit dem Abend, nicht mit der Sorge.

Was sie nicht sieht: Die Freunde sitzen zu Hause und wissen nicht, wohin mit ihrer Sorge. Sie würden gern etwas tun. Etwas bringen, vorlesen, einfach dasitzen. Der Satz „Ihr müsst nicht kommen“ nimmt ihnen genau das. Er ist nicht rücksichtsvoll. Er lässt sie mit ihrer Hilflosigkeit allein.

Von hier aus sieht die Bitte anders aus. Wer um Hilfe bittet, gibt dem anderen etwas: einen Platz. Eine Aufgabe. Das Gefühl, in einer Lage, in der man sonst nur zuschauen könnte, nicht nutzlos zu sein. Menschen, die man um etwas bittet, fühlen sich meistens nicht belastet. Sie fühlen sich gemeint.

Und wer die Bitte nie ausspricht, hält den anderen auf Abstand, ohne es zu wollen. Er sagt, ohne es zu sagen: Ich brauche dich nicht. Das ist selten das, was gemeint ist. Aber es ist das, was ankommt.

Wo Helfen zur Deckung wird

Hier wird es unbequem, und zwar zuerst für die, die viel helfen.

Denn immer helfen und nie bitten ist nicht nur Großzügigkeit. Es ist auch eine Absicherung. Wer nur gibt, bestimmt, wann, wie viel und wofür. Er bleibt in der Position dessen, der etwas übrig hat. Er kommt nie in die Lage, angewiesen zu sein, ungeschickt, ausgeliefert. Die Rechnung bleibt immer auf seiner Seite.

Das ist nicht böse gemeint. Es ist meistens nicht einmal bewusst. Aber es hat eine Wirkung auf die anderen. Wer von einem Menschen dauernd etwas bekommt und ihm nie etwas geben darf, fühlt sich mit der Zeit klein neben ihm. Nicht, weil der andere ihn kleinmacht. Sondern weil er nie an die Reihe kommt.

Man kann das im eigenen Umfeld prüfen. Es gibt Menschen, denen man gern etwas schuldet, und Menschen, denen man ungern etwas schuldet. Der Unterschied liegt selten in der Hilfe selbst. Er liegt darin, ob man das Gefühl hat, es jemals zurückgeben zu dürfen.

Die Frau auf der Treppe wollte niemandem zur Last fallen. Was sie dabei übersehen hat: Ihre Freunde waren an diesem Tag froh. Nicht trotz der Kisten. Wegen der Kisten. Zum ersten Mal seit Jahren durften sie ihr etwas zurückgeben.

Für wen das Nichtfragen keine Frage des Stolzes ist

Man sollte diesem Text widersprechen, und zwar an mehreren Stellen.

Manche Hilfe entmündigt. Der Sohn, der dem alten Vater den Einkauf abnimmt, nimmt ihm auch den Weg zum Laden, den Plausch an der Kasse und den Beweis, dass er es noch kann. Die Mutter, die dem Kind die Schuhe bindet, weil es schneller geht, bindet sie mit vierzehn noch. Wer immer hilft, sagt manchmal auch: Ich traue dir das nicht zu. Der Stolz, der solche Hilfe ablehnt, ist dann kein Fehler. Er ist Selbstschutz.

Und nicht jede Hilfe kommt ohne Rechnung. Es gibt Menschen, die helfen und es merken lassen. Bei denen eine angenommene Hilfe für Jahre eine Verpflichtung bleibt, die bei Gelegenheit vorgezeigt wird. Wer solche Hilfe einmal angenommen hat, lernt, vorsichtig zu sein. Diese Vorsicht ist keine Schwäche und kein falscher Stolz. Sie ist Erfahrung.

Der schwerste Einwand kommt zuletzt. Der Text tut so, als hätte jeder jemanden, den er fragen könnte. Das stimmt nicht. Es gibt Menschen, die ihre Bitte längst ausgesprochen haben und ein Nein bekommen haben, oder gar nichts. Für sie ist das Nichtfragen keine Frage des Stolzes. Es ist die Erinnerung an das letzte Mal.

Der Einwand hebt die Sache nicht auf, aber er macht sie kleiner, und das zu Recht. Es geht hier nicht um alle. Es geht um die, die jemanden hätten und trotzdem nicht fragen. Für sie ist die Bitte nicht zu riskant, sondern nur ungewohnt. Der Haken ist, dass sich ungewohnt von innen fast genauso anfühlt wie gefährlich. Die Frau im vierten Stock hat den Unterschied nicht gespürt. Sie hat fast eine Firma bestellt.

Und du?

  • Wem hast du in den letzten Jahren geholfen, und wen von diesen Menschen hast du selbst je um etwas gebeten? Läuft die Rechnung in beide Richtungen?
  • Was müsste passieren, damit du jemanden anrufst, bevor du es allein nicht mehr schaffst, und nicht erst danach?
  • Denk an den Menschen, der dich zuletzt um Hilfe gebeten hat. Hat er in deinen Augen dadurch verloren oder gewonnen?

Mitnehmen

Sprich diese Woche eine Bitte aus, die du sonst geschluckt hättest. Eine kleine. Jemanden fragen, ob er dich mitnimmt. Jemanden bitten, kurz draufzuschauen. Nicht, weil du es nicht allein könntest. Sondern um zu sehen, was im anderen passiert, wenn er darf.

Und vielleicht fällt dir dabei auf, wovon eine Bitte lebt. Davon, dass der andere frei antworten darf. Eine Bitte, auf die niemand nein sagen könnte, ist keine mehr.

Was auch für die andere Richtung gilt. Jedes Mal, wenn dich jemand um etwas bittet, liegt dieses eine Wort mit auf dem Tisch, und es gehört dir. Erstaunlich, wie oft man es liegen lässt und stattdessen zusagt.