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Hinsehen · WIR. · Kapitel 15 von 17

Wem du etwas schuldest

Die meisten Verpflichtungen, die ein Leben bestimmen, wurden nie ausgesprochen und nie zugesagt. Sie haben einmal angefangen und dann nicht mehr aufgehört.

7 Min. Lesezeit

Samstagabend, eine Nachricht von Leuten, die er lange nicht gesehen hat. Sonntag, eine Hütte, jemand hat abgesagt, ein Platz ist frei geworden. So etwas kommt vielleicht zweimal im Jahr.

Er tippt eine Zusage. Liest sie. Löscht sie. Schreibt stattdessen: „Sonntag geht bei mir leider nicht.“

Sonntag fährt er zu seinen Eltern, wie alle zwei Wochen, seit elf Jahren. Kaffee um drei, derselbe Kuchen, das Dach vom Nachbarn, die Sendung um Viertel nach acht.

Es ist nicht schlimm dort. Es ist auch nicht schön. Es ist einfach so.

Auf der Rückfahrt fällt ihm zum ersten Mal auf, dass ihn nie jemand darum gebeten hat. Verabredet wurde das nicht. Es hat irgendwann angefangen, damals gab es einen Grund, und der Grund ist seit Jahren weg.

Die meisten Menschen haben eine Liste im Kopf, die sie nie aufgeschrieben haben. Darauf steht, was sie zu tun haben. Nicht das Berufliche, nicht das Vereinbarte. Das andere.

Anrufen. Hinfahren. Zurückschreiben. Sich melden, obwohl man zuletzt dran war. Bei einer bestimmten Sache dabei sein. Für jemanden erreichbar bleiben, der einen nicht erreichbar hält. Diese Liste wird nie besprochen und selten geprüft, und sie ist erstaunlich lang.

Woran man eine Pflicht erkennt, die keine ist

Eine echte Verpflichtung hat drei Merkmale. Es gibt einen Moment, in dem sie entstanden ist. Es gibt einen Inhalt, den man benennen kann. Und es gibt eine Stelle, an der sie erledigt ist.

Wer geliehenes Geld zurückzahlt, weiß, wann er es genommen hat, wie viel es war und wann Schluss ist. Deshalb ist so etwas aushaltbar. Eine Schuld mit einem Ende belastet, aber sie frisst nicht.

Bei den Verpflichtungen auf der ungeschriebenen Liste fehlen alle drei Merkmale. Man kann nicht sagen, wann sie begonnen haben. Man kann nicht sagen, worin genau sie bestehen. Und niemand könnte den Punkt benennen, an dem sie abgetragen wären.

Was keinen Betrag hat und kein Ende, ist aber keine Schuld. Es ist ein Zustand.

Warum ausgerechnet das Gute verpflichtet

Merkwürdig ist, woher dieses Gefühl kommt. Fast nie von jemandem, der etwas gefordert hat. Fast immer von jemandem, der zuerst gegeben hat.

Die Eltern, die die Ausbildung bezahlt haben. Der Chef, der einem etwas zugetraut hat, als es dafür noch keinen Beleg gab. Die Freundin, die in dem schlechten Jahr da war und nie erwähnt hat, wie oft.

Nichts davon wurde in Rechnung gestellt, und genau deshalb lässt sich nichts davon bezahlen. Eine Gabe mit genanntem Preis ist ein Geschäft, und Geschäfte enden. Eine Gabe ohne genannten Preis endet nie. Nicht, weil der andere rechnet, meistens rechnet er überhaupt nicht. Sondern weil eine Schuld erst geschlossen ist, wenn jemand sagt, dass sie es ist, und niemand hat etwas gesagt.

Dazu kommt etwas, das mit dem anderen Menschen gar nichts zu tun hat. Elf Jahre Sonntage machen den zwölften nicht leichter, sondern schwerer. Wer jetzt aufhört, stellt rückwirkend infrage, ob die elf Jahre gewollt waren. Also fährt man weiter, und ein Teil davon ist nicht Rücksicht auf die Eltern, sondern Rücksicht auf die eigene Vergangenheit.

Dieselbe Mechanik gilt für die Ausbildung, die man mit zwanzig angefangen hat, für den Beruf, in den drei Jahre geflossen sind, für die Wohnung, in die man alles gesteckt hat. Man fühlt sich einem früheren Ich gegenüber im Wort.

Nur hat dieses frühere Ich keine Forderung. Es hat eine Entscheidung getroffen, mit dem, was es damals wusste. Wer ihr treu bleibt, obwohl er inzwischen mehr weiß, ist nicht verlässlich. Er ist nur unbeweglich.

Das Wort, das die Entscheidung erspart

Ich muss Sonntag hin. Ich muss da anrufen. Ich muss das übernehmen, es macht ja sonst keiner.

Manchmal stimmt das. Ein Mensch, der ohne Hilfe nicht aus dem Bett kommt, ist kein Gefühl, sondern eine Lage. Aber ein großer Teil dieser Sätze ist eine Übersetzung, und die ursprüngliche Fassung lautet anders: Ich will nicht der Sohn sein, der nicht hinfährt.

Das ist eine Entscheidung, und es ist oft eine gute. Sie hat nur einen Besitzer. Das Wort muss nimmt ihr den Besitzer weg, und das ist bequem, weil man für eine Entscheidung geradesteht und für einen Zwang nicht.

Bezahlt wird das an einer Stelle, die man selten mitrechnet. Ein Besuch, der gemusst wird, kommt nicht an. Der andere merkt, dass er versorgt wird und nicht besucht. Er kann es meistens nicht benennen, aber er ist danach nicht weniger allein als vorher.

Wer diese zweite Frage ehrlich zu Ende beantwortet, landet fast immer bei etwas Kleinem. Bei einem bestimmten Gesichtsausdruck. Bei einem Satz mit einem bestimmten Ton, zwei Wochen später beiläufig gesagt. Das ist nicht nichts. Es ist nur deutlich kleiner als elf Jahre.

Was dafür spricht, trotzdem hinzufahren

An dieser Stelle liegt ein Schluss nahe, der falsch ist: Dann weg damit, alles, was nicht frei gewählt wurde.

Wer so kürzt, sollte wissen, was er kürzt. Fast alles, was Menschen durch schwere Zeiten trägt, wird von jemandem getan, der gerade keine Lust hatte. Pflege läuft nicht auf Gefühl. Ein Kind wird nicht an den Tagen versorgt, an denen es sich schön anfühlt, sondern auch an den anderen. Wenn nur zählte, was aus freien Stücken kommt, wäre an einem schlechten Dienstag niemand da.

Genau dafür gibt es Verpflichtung. Sie ist die Vorrichtung, die einspringt, wenn das Gefühl aussetzt, und das ist kein Fehler an ihr, sondern ihr Zweck.

Und die Freiheit, die man sich vom Gegenteil erhofft, hat einen Preis, der selten mitgenannt wird. Ein Leben, in dem dich nichts bindet, ist auch eins, in dem nichts auf dich wartet. Niemand schuldet dir etwas, weil du niemandem etwas schuldest. Das ist derselbe Satz, nur von der anderen Seite gelesen.

Die Frage ist also nicht, ob man Verpflichtungen haben sollte. Die Frage ist, ob du diese hier heute noch einmal eingehen würdest, mit allem, was du inzwischen weißt. Manche würde man sofort wieder unterschreiben. Andere hat man nie unterschrieben und zahlt sie seit zwanzig Jahren ab.

Zwischen beiden liegt ein Unterschied, der sich ziemlich genau benennen lässt: Man schuldet, was man versprochen hat. Man schuldet nicht, was jemand gehofft hat.

Unangenehm daran ist nur, dass eine Hoffnung älter sein kann als du und trotzdem nie ausgesprochen wurde. Wer nie sagt, was er erwartet, muss seine Erwartung auch nie begründen. Sie wirkt einfach.

Und du?

  • Welche Verpflichtung in deinem Leben hat keinen Anfang, den du benennen könntest?
  • Nimm einen deiner Sätze mit „ich muss“. Wie klingt er, wenn er mit „ich will nicht der sein, der“ beginnt, und stimmt er dann noch?
  • Was tust du weiter, weil du es einmal angefangen hast? Und würdest du heute noch einmal ja dazu sagen?

Mitnehmen

Das Wort muss lässt sich an einem einzigen Tag mitzählen. Es kommt häufiger vor, als die meisten schätzen, und es steht selten vor einer Sache, die wirklich keine Wahl lässt.

Es geht nicht darum, weniger zu tun. Es geht darum, zu wissen, wofür du dich entschieden hast. Dieselbe Fahrt am Sonntag ist etwas völlig anderes, je nachdem, ob sie gemusst oder gewollt ist, und der Unterschied ist auf der Rückfahrt zu spüren.

Bei manchen dieser Verpflichtungen steht am Ende ein Mensch, über den längst alles gesagt ist. Oft in einem einzigen Wort, das seit Jahren feststeht und für das niemand mehr einen Beleg verlangt. Solche Wörter sind praktisch. Sie ersparen einem nur nicht das, wofür man sie benutzt.