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Hinsehen · ZEIT. · Kapitel 2 von 16

Warum wir schneller laufen

Mehr Einkommen kauft selten Freiheit. Meistens kauft es eine teurere Version desselben Gefühls.

9 Min. Lesezeit

Er wollte nur nachsehen, ob eine Rechnung durchgegangen ist. Die Bankseite zeigt darüber eine Grafik, die er nie angefordert hat: Einnahmen und Ausgaben, Monat für Monat, acht Jahre zurück.

Die obere Linie steigt. In Stufen, mit jeder neuen Stelle eine Kante nach oben. Sie hat sich in diesen acht Jahren beinahe verdoppelt.

Die untere Linie steigt genauso. Die beiden laufen parallel, mit einem Abstand, der ungefähr so breit ist wie am Anfang. Er sitzt eine Weile davor. Dann schließt er die Seite und weiß immer noch nicht, ob die Rechnung durchgegangen ist.

Wir verdienen mehr als früher. Fast alle von uns.

Der erste Job, die erste Erhöhung, der Wechsel, die Beförderung. Auf dem Papier ist das eine Linie, die nach oben geht. Und mit jeder Stufe war da dieses Versprechen, das man sich selbst gegeben hat, manchmal laut, meistens leise: Wenn ich erst einmal so viel verdiene, dann wird es leichter. Dann habe ich Luft.

Die Luft ist selten gekommen. Gekommen sind eine größere Wohnung, ein besseres Auto, ein Urlaub, der weiter weg liegt, und ein Kontostand am Monatsende, der sich verblüffend genauso anfühlt wie der von vor acht Jahren. Es geht sich aus. Aber nicht großzügig. Der Puffer ist nicht gewachsen, die Freiheit auch nicht. Nur die Zahlen, zwischen denen man sich bewegt, sind größer geworden.

Das ist kein Zufall und keine persönliche Schwäche. Es ist ein Mechanismus. Und er hat eine bestimmte Form.

Wo das Geld hingegangen ist

Wer mehr verdient, gibt mehr aus. Das klingt banal, aber die Art, wie es passiert, ist es nicht.

Das zusätzliche Geld verschwindet nämlich fast nie in einem großen Kauf, den man bereuen könnte. Es verschwindet in Entscheidungen, die jede für sich völlig vernünftig waren. Die Wohnung mit dem zusätzlichen Zimmer, weil das Kind kam. Das Auto, das nicht mehr jeden Winter in der Werkstatt steht. Der Supermarkt, der näher liegt und ein bisschen teurer ist. Die Versicherung, die man jetzt endlich abschließen kann. Das Abo, das man sich früher nicht geleistet hätte und heute nicht mehr kündigt, weil es nicht ins Gewicht fällt.

Nichts davon ist Verschwendung. Aber alles davon ist dauerhaft. Und das ist der Punkt.

Eine Gehaltserhöhung kommt einmal. Die Ausgaben, die sie ermöglicht, kommen jeden Monat. Aus dem Mehr, das sich wie ein Geschenk anfühlte, wird innerhalb eines Jahres eine Miete, eine Rate, ein Standard. Und ein Standard ist keine Freude mehr. Er ist eine Untergrenze.

Dass wir uns an Verbesserungen erstaunlich schnell gewöhnen, ist das eine. Das andere wird seltener gesehen: Die Verbesserung gewöhnt sich auch an uns. Sie wird Teil der Fixkosten. Sie steht nicht mehr auf der Liste der Dinge, die man sich gönnt, sondern auf der Liste der Dinge, die man braucht. Und was man braucht, verhandelt man nicht mehr.

Die Mitte, die immer mitwandert

Niemand setzt sich hin und beschließt, schneller zu laufen.

Man beschließt kleine Dinge. Man beschließt, dass die Wohnung nach der Beförderung zur Beförderung passen soll. Dass man mit den neuen Kollegen essen geht, wo die neuen Kollegen essen gehen. Dass die Kinder auf die Schule gehen, auf die die Kinder der Nachbarn gehen. Jede dieser Entscheidungen hat einen guten Grund. Zusammengenommen haben sie eine Wirkung, die niemand gewollt hat.

Denn mit dem Einkommen verschiebt sich das Umfeld. Wer mehr verdient, bewegt sich unter Menschen, die mehr verdienen. Das Normale wird neu vermessen. Das Auto, das vor drei Jahren ein Aufstieg war, ist in der neuen Tiefgarage das älteste. Nicht, weil jemand das sagt. Es reicht, dass man es sieht.

Und so ist das Merkwürdige an Wohlstand, dass er sich fast nie wie Wohlstand anfühlt. Er fühlt sich an wie Mitte. Man hat mehr als früher und weniger als die, die man jetzt täglich sieht. Genau dort, in dieser Mitte, entsteht der Wunsch nach der nächsten Stufe. Und mit der nächsten Stufe kommt die nächste Mitte.

Das Rad dreht sich nicht gegen dich. Es dreht sich mit dir. Das ist das Tückische daran. Ein Rad, das gegen dich läuft, würdest du bemerken. Eines, das genau deine Geschwindigkeit hat, fühlt sich an wie Stillstand.

Die Frage ist unbequem, weil sie eine Liste verlangt. Und weil die Liste oft kürzer ausfällt als der Unterschied zwischen den beiden Gehältern. Bei manchen steht darauf etwas Wichtiges. Ein Zimmer, das ein Kind braucht. Ein Weg, der kürzer ist. Bei anderen steht darauf vor allem, dass es unangenehm wäre, zurückzugehen. Auch das ist eine Antwort. Sie sagt nur etwas anderes.

Die Treppe, die nach unten fährt

Es gibt ein Bild, das die Sache ziemlich genau trifft: eine Rolltreppe, die abwärts läuft, und ein Mensch, der auf ihr nach oben geht.

Solange er geht, bleibt er ungefähr auf der Höhe. Bleibt er stehen, fährt er nach unten. Um wirklich höher zu kommen, muss er schneller gehen als die Treppe. Und die Treppe, das ist der Punkt, wird mit jedem seiner Schritte ein bisschen schneller. Die Miete zieht mit, die Ansprüche ziehen mit, das Umfeld zieht mit. Was gestern Aufstieg war, ist heute die Geschwindigkeit, die man braucht, um nicht zurückzufallen.

Von außen sieht das nach Erfolg aus. Von innen fühlt es sich an wie Anstrengung ohne Ortswechsel.

Und damit ist das Bild noch nicht zu Ende. Denn die Treppe ist nicht nur eine Falle. Sie ist auch ein Halt. Wer läuft, muss nicht fragen, wohin. Die nächste Stufe ist immer klar, das nächste Ziel hat eine Zahl, und Zahlen sind beruhigend. Viele Menschen laufen nicht, weil sie mehr wollen. Sie laufen, weil Stehenbleiben eine Frage wäre, auf die sie keine Antwort haben.

Und noch etwas: Man läuft selten allein. Die Wohnung ist eine Familienwohnung. Das Auto fährt die Kinder. Der Standard ist kein persönlicher Standard mehr, sondern einer, in dem andere leben und den andere für selbstverständlich halten. Vom Rad zu steigen hieße, das nicht nur mit sich selbst auszumachen. Es hieße, es anderen zu erklären. Das ist einer der Gründe, warum so viele weiterlaufen, obwohl sie längst wissen, was passiert.

Vielleicht ist das die eigentliche Verschiebung: Die Frage ist nicht, ob du schneller laufen kannst. Das kannst du wahrscheinlich. Die Frage ist, ob du noch weißt, wohin die Treppe führt, oder ob du nur noch weißt, dass sie unter dir nach unten fährt.

Wenn nicht du schneller läufst, sondern alles andere

Der schwerste Einwand gegen dieses Kapitel ist der, dass es dem Einzelnen zuschreibt, was gar nicht bei ihm liegt.

Nicht jede steigende Ausgabe ist ein Anspruch. Sehr oft ist sie einfach das Leben. Kinder kosten, ohne dass jemand einen Standard gewählt hätte. Eltern werden alt und brauchen Hilfe. Mieten steigen in vielen Städten schneller als jedes Gehalt, und wer heute mehr für dieselbe Wohnung zahlt als vor fünf Jahren, hat keine höheren Ansprüche entwickelt. Er zahlt mehr. Für sehr viele Menschen läuft die Treppe schneller, ohne dass sie einen einzigen Schritt schneller gegangen wären, und ihnen zu erzählen, sie hätten sich an etwas gewöhnt, ist die falsche Adresse.

Dazu kommt, dass sich nicht alles abnutzt. Wir gewöhnen uns an Neues, ja. Aber ein kurzer Arbeitsweg wird nicht wieder lang, nur weil man ihn gewohnt ist. Eine ruhige Wohnung bleibt nach Jahren an einer lauten Straße ruhig. Wer das zusätzliche Geld in genau solche Dinge gesteckt hat, ist nicht auf einer Rolltreppe gelaufen. Er ist irgendwohin gekommen. Und der Wunsch nach mehr selbst ist auch kein Fehler. Er hat Menschen aus Verhältnissen geholt, in denen ihre Eltern feststeckten. Wer sich umgekehrt entscheidet, auf einer Stufe stehen zu bleiben, sollte ehrlich prüfen, ob das Gelassenheit ist oder Müdigkeit mit einem besseren Namen.

Am ehesten lässt sich das an einer einzigen Zahl unterscheiden. Fast jeder, den man fragt, ab wann es leichter wird, nennt eine. Er hat sie sich nicht ausgedacht, er hat sie ausgerechnet, und es sind meistens gute Gründe darin: die Rate, das Kind, die Sicherheit. Interessant wird es erst bei der zweiten Frage. Ob er diese Zahl schon einmal genannt hat. Und wie groß sie damals war. Der Mann vor der Bankseite könnte sie beide nennen. Er hat sie ja vor sich.

Und du?

  • Welche Zahl hast du dir einmal als die Zahl gesetzt, ab der es leichter wird? Und wie oft hast du sie seitdem nach oben korrigiert?
  • Wenn du dein Leben von heute mit deinem Einkommen von damals nicht führen könntest: Ist es das Leben, das teurer geworden ist, oder du?

Mitnehmen

Sieh dir irgendwann einmal an, was seit deiner letzten Gehaltserhöhung dazugekommen ist. Nicht als Vorwurf. Als Inventur. Welche Ausgabe ist neu, und welche davon würdest du heute wieder genau so entscheiden?

Vielleicht stellst du fest, dass das Mehr genau dort gelandet ist, wo du es haben wolltest. Dann läuft das Rad in deine Richtung. Vielleicht stellst du aber auch fest, dass Geld das, was du dir von ihm erhofft hast, gar nicht geliefert hat. Dann lohnt sich die Frage, was es eigentlich kann. Denn ein paar Dinge kann es sehr gut. Nur sind es selten die, für die wir laufen.