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Hinsehen · ZEIT. · Kapitel 4 von 16

Wovon du frei sein willst

Fast niemand will Geld. Man will, was es wegnimmt. Nur ist der Betrag dafür ein ganz anderer als der, den man sich wünscht.

6 Min. Lesezeit

Pause, halb elf, drei Leute an einem Stehtisch. Jemand hat die Zahlen vom Wochenende erwähnt, und jetzt läuft die Frage, die dabei immer läuft: Was würdest du machen?

Der Erste sagt Haus. Der Zweite sagt, er würde das Auto ersetzen, das seit Februar Geräusche macht.

Dann wird es kurz still, und danach kommt das, was sie eigentlich meinen.

Ich würde am Montag nicht mehr herkommen.

Ich müsste meiner Mutter nicht jedes Mal erklären, dass es gerade nicht geht.

Ich würde ein Jahr lang nicht rechnen.

Drei Antworten, und keine davon ist ein Gegenstand. Alle drei sind Sätze mit nicht.

Der Wunsch, reich zu sein, gehört zu den verbreitetsten überhaupt, und er wird fast nie zu Ende gedacht. Man kann das leicht überprüfen, an sich selbst und an anderen: Frag nicht, wie viel jemand haben möchte. Frag, wofür.

Die Antworten sind selten Dinge. Es sind Wegfälle.

Der Wunsch ist falsch benannt

Nicht mehr rechnen müssen an der Kasse. Nicht mehr fragen müssen, ob es diesen Monat geht. Nicht mehr abhängig sein von einem Vorgesetzten, einem Partner, einer Behörde, einem Auftraggeber, der spät zahlt. Nicht mehr freundlich sein müssen zu jemandem, bei dem es einem schwerfällt.

Das alles ist nicht Reichtum. Das ist Freiheit, und zwar in einer ziemlich genauen Bedeutung: Es geht um die Anzahl der Menschen, deren Zustimmung du brauchst, um über deine eigene Woche zu verfügen.

Und zwischen den beiden Formulierungen liegt ein Unterschied, der alles verändert. Ich will reich sein hat kein Ziel und kein Ende. Ich will am Montag nicht mehr dorthin müssen hat einen Preis. Preise lassen sich ausrechnen.

Die zwei Zahlen

Damit gibt es für das, was Menschen meinen, wenn sie reich sagen, einen Betrag. Er lautet nicht reich. Er lautet: genug, plus Rücklage, plus die Gewissheit, dass ein kaputter Zahn oder ein kaputtes Getriebe keine Krise auslöst.

Diese Zahl ist bei fast jedem kleiner als die, die er sich wünscht. Und die Differenz zwischen beiden ist das Interessante, denn sie ist kein Geld mehr.

Alles unterhalb der ersten Zahl kauft tatsächlich Freiheit. Jeder Euro dort nimmt eine Abhängigkeit weg. Alles oberhalb kauft keine weitere. Es kauft Rang.

Das ist kein Vorwurf. Rang zu wollen ist verbreitet und wird nur ungern zugegeben. Es ist nur nicht dasselbe, und wer beides in einen einzigen Wunsch packt, kann ihn nie erfüllen. Eine Zahl für Freiheit lässt sich erreichen. Eine Zahl für Rang gibt es nicht, weil Rang immer im Verhältnis zu anderen gemessen wird und es dort immer jemanden gibt, der mehr hat.

Deshalb kennt fast jeder Menschen, die längst genug haben und trotzdem so arbeiten wie vorher. Sie sind nicht unersättlich. Sie verfolgen nur eine Zahl, die es nicht gibt.

Der Abstand zwischen den beiden Antworten ist das eigentliche Ergebnis. Fast niemand rechnet die erste Zahl je aus, und das liegt selten daran, dass sie zu hoch wäre. Es liegt daran, dass sie einen zu etwas verpflichtet.

Frei wovon, frei wofür

Die eine Hälfte kauft Geld zuverlässig: die Abwesenheit von Zwang. Wer eine Rücklage hat, muss nicht jedes Angebot annehmen, und das ist kein kleiner Unterschied, sondern der größte, den Geld im Leben eines Menschen macht.

Die andere Hälfte kauft es nicht. Wer den Zwang verliert und nicht weiß, wofür, bekommt keine Freiheit, sondern einen leeren Kalender. Das ist schwerer auszuhalten, als es sich vorher anfühlt, und was eine wirklich leere Stunde mit einem Menschen macht, ist ein Thema für sich.

Es erklärt aber, warum manche unmittelbar nach dem Erreichen das nächste Ziel aufmachen. Nicht aus Gier. Weil das Ziel die Struktur war.

Warum Freiheit ein so bequemes Wort ist

Und jetzt der Einwand gegen alles, was hier bisher steht.

Wer sagt, es gehe ihm gar nicht ums Geld, sondern um Freiheit, hat manchmal nur die Sache edler benannt, die er genauso will. Das ist die harmlose Variante.

Die unangenehmere: Freiheit ist ein Wort ohne Betrag. Es muss sich nie einlösen. Man kann sich ein Leben lang nach Freiheit sehnen, ohne je etwas zu ändern, und niemand wird jemals nachfragen. Eine Zahl dagegen verpflichtet. Sie sagt, wie lange es dauert, worauf man verzichten müsste und ob man bereit wäre, dafür kleiner zu wohnen.

Die Umbenennung ist deshalb nicht automatisch eine Erkenntnis. Sie kann auch eine Unterbringung sein.

Es gibt eine Probe dafür. Wer Freiheit meint, kann sagen, was ihn in der nächsten Woche konkret unfrei macht und welcher Teil davon Geld kostet. Wer das nicht kann, meint etwas anderes. Vielleicht Ruhe, vielleicht Anerkennung, vielleicht schlicht ein anderes Leben. Für alle drei ist Geld der falsche Adressat, und es wird trotzdem angeschrieben, weil es die einzige Adresse ist, die jeder kennt.

Und für Menschen, denen Geld tatsächlich fehlt, gilt das alles ohnehin nicht. Bei ihnen ist der Wunsch nach Geld genau das, wonach er aussieht, und er ist berechtigt.

Und du?

  • Was tust du in einer gewöhnlichen Woche ausschließlich wegen des Geldes, und bei welchem Betrag würde es wegfallen?
  • Wie viele Menschen müssen zustimmen, damit du über deine nächste Woche verfügen kannst?
  • Wenn du morgen genug hättest: Was würdest du am Donnerstagvormittag tun?

Mitnehmen

Die Zahl lässt sich einmal wirklich ausrechnen. Nicht die schöne, die andere. Was kostet ein Monat, in dem nichts wegfällt, das du behalten willst? Wie viele solche Monate müssten liegen, damit ein schlechtes Jahr keine Katastrophe ist?

Die meisten Menschen haben diese Zahl noch nie gesehen und tragen stattdessen eine Ahnung mit sich herum, die um ein Vielfaches größer ist.

Am Kontostand ändert die Rechnung nichts. Sie ändert das Ziel, und das ist mehr, als es klingt. Ein Wunsch ohne Betrag bleibt ein Wunsch. Ein Betrag ist eine Strecke, und Strecken haben ein Ende.

Bei sehr vielen Menschen steht dort allerdings kein Konto. Die größte Anschaffung ihres Lebens hat eine Straße und eine Hausnummer, und ob sie kauft, wovon hier die Rede war, ist eine Frage für sich.