Hinsehen · ICH. · Kapitel 23 von 23
Das eigene Maß
Wenn die fremden Maßstäbe wegfallen, bleibt eine Lücke. Sie muss nicht mit dem nächsten gefüllt werden.

Sonntag, halb sechs, das wöchentliche Telefonat. „Und, was gibt es Neues bei dir?“
Sie überlegt. Die Woche war gut. Am Dienstag hat sie zwei Stunden mit der Nachbarin auf der Bank vor dem Haus gesessen. Am Mittwoch hat sie in einer Tabelle einen Fehler gefunden, den seit Monaten niemand gesehen hatte, und niemand hat gemerkt, dass sie ihn behoben hat. Am Donnerstag ist sie nach der Arbeit den langen Weg nach Hause gegangen. Einmal hat sie einen ganzen Abend nicht ans Telefon gedacht.
„Ach, nichts Besonderes“, sagt sie. „Bei euch?“
Ihre Mutter erzählt vom Cousin, der befördert worden ist.
Es gibt Wochen, die gut waren und über die man nichts erzählen kann.
Nicht, weil nichts passiert wäre. Sondern weil das, was passiert ist, in keiner der Fragen vorkommt, die man gestellt bekommt. Beruf, Geld, Partner, Kinder, Wohnung, Urlaub, Gesundheit. Das ist die Liste, mit der die meisten Gespräche messen. Und wer sich lange genug damit messen lässt, misst irgendwann selbst so. Auch die eigenen Wochen. Auch die guten.
Wer bis hierher mitgegangen ist, hat inzwischen einiges angesehen. Die Sätze, die man übernommen hat, bevor man sie prüfen konnte. Die Leistung, an der man seinen Wert festmacht. Das Urteil der anderen, den Vergleich, das Verschwiegene, die Angst, die Ziele, die nie wieder gelesen wurden, die Entscheidungen, die man ohne genug Wissen getroffen hat, und das, was man sich davon nicht verzeiht. Und am Ende dieser Reihe steht man vor etwas, das dieser Teil bis jetzt vermieden hat: einer Lücke.
Denn wenn die fremden Maßstäbe wegfallen, fällt nicht die Notwendigkeit weg, zu messen. Ein Mensch kann nicht leben, ohne seine Tage zu bewerten. Die Frage, ob es ein guter Tag war, stellt sich von selbst, jeden Abend. Die Lücke bleibt nie lange leer.
Der nächste fremde Maßstab
Meistens wird sie schnell gefüllt. Und meistens mit dem nächsten Maßstab, der auch nicht der eigene ist.
Die einfachste Füllung ist das Gegenteil. Wer in einem Haus groß geworden ist, in dem Erfolg alles war, entscheidet sich manchmal, dass Erfolg nichts wert ist. Das fühlt sich an wie Befreiung. Aber wer sich verbietet, erfolgreich zu sein, weil Erfolg der Gott seiner Familie war, hat diesen Gott nicht verlassen. Er hat nur das Vorzeichen gewechselt. Die Familie sitzt noch immer mit am Tisch. Sie wird jetzt nur widerlegt statt bedient.
Die zweite Füllung sind die Maßstäbe unserer Zeit. Gelassen sein. Echt sein. Wenig besitzen. Etwas Erfüllendes tun. Sich selbst treu bleiben. Jeder dieser Maßstäbe kam als Erlösung von einem älteren daher, und jeder ist mit derselben Forderung angekommen wie der alte: Zeig es. Man kann auch daran scheitern, gelassen zu sein. Man kann sich beim Loslassen überanstrengen. Der Anspruch, ein einfaches Leben zu führen, lässt sich genauso vorführen wie ein großes Auto, und mit demselben Seitenblick.
Es gibt eine Probe, an der man einen fremden Maßstab meistens erkennt. Er braucht Zuschauer. Was er misst, zählt nur, wenn jemand es sieht.
Ein Maß ist kein Ziel
Der Fehler, den die meisten beim Füllen der Lücke machen, ist ein Fehler in der Sorte.
Sie suchen nach einem neuen Ziel. Aber ein Ziel erreicht man einmal. Ein Maß wendet man täglich an. Das eine ist eine Zeile auf einer Liste, das andere ist die Frage, mit der man abends ins Bett geht. Was ein Maß von einem Ziel unterscheidet: Man kann es nicht abhaken. Man kann es nur halten oder nicht.
Und hier liegt die eigentlich gute Nachricht, die sich zunächst nicht wie eine anfühlt. Ein eigenes Maß muss man nicht erfinden. Man hat längst eines. Man benutzt es seit Jahren, ohne davon zu wissen.
Es zeigt sich an drei Stellen. An dem, was man tut, wenn niemand mitzählt. Die Tabelle, die man ordentlich zu Ende bringt, obwohl kein Mensch es merkt. An dem, wofür man sich schämt, ohne dass irgendjemand davon weiß. Die Unwahrheit, die niemandem aufgefallen ist und einen trotzdem drei Tage begleitet. Und an den Tagen, die man gut nennt, wenn man sie niemandem erzählen kann.
Das eigene Maß wird nicht entworfen. Es wird bemerkt. Man findet es rückwärts, in den Wochen, die gut waren und nicht erzählbar. Und es ist selten spektakulär. Meistens klingt es nach etwas, das man einem Kind beibringen würde: etwas fertig machen, die Wahrheit sagen, da sein, wenn man gebraucht wird. Das klingt bescheiden. Es ist nicht bescheiden. Ein solches Maß kann an einem gewöhnlichen Dienstag mehr von einem Menschen verlangen als jede Beförderung.
Manche haben eine Antwort, die sie überrascht, weil sie so klein ist.
Andere merken, dass alle ihre Antworten einen Zuhörer brauchen. Beides ist eine Auskunft. Keine davon ist ein Urteil. Man erfährt nur, womit man bisher gemessen hat, und ob man selbst dabei war.
Das eigene Maß darf alt sein
Es muss nicht neu sein, und es muss nicht originell sein.
Es kann dasselbe sein wie das der Eltern. Jemand misst sich an Verlässlichkeit, genau wie sein Vater. Der Unterschied liegt nicht im Inhalt. Er liegt darin, dass dieser Mensch das Maß einmal in der Hand gehalten, angesehen und dann behalten hat. Er hält es nicht mehr, weil der Vater enttäuscht wäre. Er hält es, weil er selbst es wäre.
Ein Maß wird nicht dadurch eigen, dass man es erfindet. Es wird eigen, indem man es prüft und trotzdem behält. Das ist die Antwort auf die leere Zeile, und sie ist unspektakulärer, als man erwartet hat. Sie hätte auch die alte Zeile sein können. Nur diesmal mit dem eigenen Stift.
Was ein eigenes Maß kostet
Ein eigenes Maß hat drei Nachteile, die man kennen sollte, bevor man sich darauf einlässt.
Es macht einsam, ein wenig. Wer sich an etwas misst, das nicht sichtbar ist, wird für andere schwerer lesbar. Die Fragen am Telefon passen nicht mehr. Man sagt „nichts Besonderes“ und meint das Gegenteil. Niemand applaudiert für ein Maß, das man nicht vorzeigen kann. Man muss aushalten, dass die eigene beste Woche von außen aussieht wie eine leere.
Es lässt sich fälschen. „Ich brauche keine Anerkennung“ ist oft der Satz von jemandem, der keine bekommen hat. Das Maß, das man für sich beansprucht, kann eine Geschichte sein, mit der man sich tröstet. Ob es echt ist, zeigt sich an zwei Dingen: Gilt es auch an guten Tagen, wenn Anerkennung gerade zu haben wäre? Und kostet es einen etwas? Ein Maß, das nie etwas verlangt, ist wahrscheinlich nur eine Ausrede mit gutem Namen.
Und es ist nie ganz eigen. Man ist aus anderen gemacht. Aus den Eltern, den Lehrern, der Zeit, in die man hineingeboren wurde. Das eigene Maß ist im besten Fall eigener als vorher. Rein wird es nie. Wer auf Reinheit wartet, wartet ewig.
Der Einwand, den ich nicht auflösen kann
Der Widerspruch fällt hier besonders leicht, und er ist ernst zu nehmen.
Die Idee vom eigenen Maß könnte der fremdeste Maßstab von allen sein. Sie ist die Forderung einer Zeit, in der jeder Mensch sein eigenes Projekt sein soll. Über Jahrhunderte war das Maß gegeben: der Glaube, das Handwerk, das Dorf. Menschen haben damit gelebt, oft gut, und selten so allein wie heute. Vielleicht ist die Suche nach dem Eigenen keine Befreiung, sondern nur die neueste Pflicht.
Dazu kommt, dass geteilte Maßstäbe verbinden. Eine Familie, eine Mannschaft, eine Werkstatt funktionieren, weil die Beteiligten mit derselben Elle messen. Wer an jeden Tisch sein eigenes Maß mitbringt, wird unmessbar. Und unmessbar heißt für die anderen manchmal: unzuverlässig.
Außerdem ist „Das ist eben nicht mein Maßstab“ ein sehr bequemer Satz. Er kommt auffällig oft von Menschen, die an dem fremden Maßstab gescheitert sind. Der Unterschied zwischen einem eigenen Maß und einem bequemen ist von außen unsichtbar, und von innen oft auch.
Und es gibt kein festes Ich, dem ein Maß gehören könnte. Man verändert sich. Das eigene Maß mit dreißig ist mit fünfzig ein fremdes, und niemand hat es einem aufgezwungen außer dem früheren Menschen mit demselben Namen.
Der erste dieser Einwände ist der, den ich nicht auflösen kann. Ich weiß nicht, ob die Suche nach dem Eigenen eine Befreiung ist oder nur die Aufgabe, die unsere Zeit an die Stelle des Dorfes gesetzt hat. Ich glaube, es ist beides zugleich, so wie ein Werkzeug, das man geerbt hat und so lange benutzt, bis der Griff die eigene Hand kennt. Es bleibt geerbt. Es liegt trotzdem anders in der Hand als am ersten Tag.
Dieser Text behauptet ohnehin nicht, dass man ohne die Maßstäbe der anderen leben soll. Er behauptet etwas viel Kleineres: dass man wissen sollte, welchen man gerade benutzt. Mehr war der ganze Weg nicht. Es ist nur erstaunlich, wie weit man dafür gehen muss.
Und du?
- Welche drei Tage der letzten Monate waren gut, ohne dass etwas Erzählbares passiert ist? Was hatten sie gemeinsam?
- Wofür schämst du dich, ohne dass irgendjemand davon weiß? Und was sagt das über das Maß, das du längst benutzt?
- Welchen Maßstab deiner Eltern würdest du behalten, wenn niemand mehr nachfragen würde, ob du ihn einhältst?
Mitnehmen
Heute Abend, bevor du irgendjemandem vom Tag erzählst, frag dich, ob er gut war. Und woran du das merkst. Es dauert eine Minute. Nichts aufschreiben, nichts bewerten. Nur einmal hören, womit du misst, wenn noch niemand zuhört.
Wenn du das ein paar Mal getan hast, kennst du dein Maß etwas besser. Und dann taucht eine Frage auf, für die vorher kein Platz war. Nicht mehr, wessen Maß es ist. Sondern was dich das Leben kostet, das du damit misst. Nicht in Geld. In etwas, das auf keiner Abrechnung steht.


