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Hinsehen · ICH. · Kapitel 22 von 23

Immer einverstanden

Anpassung ist eine Fähigkeit, und wer sie beherrscht, bemerkt irgendwann nicht mehr, dass er sie benutzt. Der Preis ist nicht der einzelne Verzicht.

6 Min. Lesezeit

Er ist übers Wochenende weg, zum ersten Mal seit Langem. Sie hat sich darauf gefreut, ohne es zu sagen.

Am Samstagmorgen steht sie in der Küche und merkt, dass ihr nicht einfällt, womit sie anfangen soll. Nicht, weil es nichts gäbe. Weil ihr nichts einfällt, das sie möchte, wenn niemand danebensteht, für den man etwas möchte.

Sie räumt zwei Stunden auf, obwohl es nicht nötig ist. Am Nachmittag ruft sie ihre Schwester an und fragt, ob sie vorbeikommen soll.

Elf Jahre lang war die Frage, worauf sie Lust hat, eine Frage zu zweit. Eine Antwort ohne die andere Hälfte hat sie nicht mehr.

Über das Sichanpassen wird meistens so geredet, als wäre es eine Schwäche. Das führt in die Irre und erklärt auch nicht, warum so viele Menschen es so gut können.

Es ist eine Fähigkeit

Und zwar eine weit entwickelte. Wer sie beherrscht, liest einen Raum in Sekunden. An welcher Stelle ein Thema unangenehm wird. Wann jemand müde ist und nur noch Zustimmung verträgt. Welcher Satz gerade nicht passt. Er korrigiert sich, bevor überhaupt jemand etwas sagen musste.

Solche Menschen gelten als angenehm, und sie sind es tatsächlich. Darin liegt das Problem. Es ist nichts, was man sich abgewöhnen möchte, und es wird von allen Seiten belohnt.

Und weil es eine Fähigkeit ist, läuft sie irgendwann ohne Aufmerksamkeit. Man entscheidet nicht mehr, nachzugeben. Es ist bereits geschehen, bevor eine Entscheidung nötig gewesen wäre.

Was dabei tatsächlich verloren geht

Sich selbst verlieren ist ein großes Wort und beschreibt es zu ungenau. Was verloren geht, ist konkreter und deshalb schlimmer: der Zugriff auf die eigene Antwort.

Wer über Jahre jede Neigung sofort mit der des anderen abgleicht, bekommt seine eigene irgendwann nicht mehr zu fassen, weil der Abgleich schneller ist als die Neigung. Die Frage, was man selbst möchte, wird dann nicht falsch beantwortet. Sie wird gar nicht mehr erreicht.

Innerhalb der Beziehung fällt das nie auf. Es fällt allein auf. An einem freien Samstag. In einem Urlaub, in dem jemand fragt, was man denn heute sehen wolle. In den ersten Wochen nach einem Ende.

Die Harmonie, die keine ist

Wer Konflikte vermeidet, verhindert nicht den Konflikt. Er verhindert seine Aussprache.

Die Sache läuft weiter, nur einseitig. Als Rest, als Groll, als eine Liste, die niemand zu sehen bekommt.

Und das Schwerwiegendste daran betrifft gar nicht einen selbst. Es nimmt dem anderen die Möglichkeit, sich anders zu verhalten. Wer nie erfährt, dass etwas nicht passt, kann nichts ändern. Er lebt in der Annahme, es sei alles in Ordnung, und er wird später mit vollem Recht sagen, er habe nichts gewusst.

Anpassung sieht aus wie Großzügigkeit. In dieser Form hält sie den anderen klein, weil sie ihm keine Gelegenheit gibt, gut zu sein.

Irgendwann kommt dann der Satz. Ich habe immer nur. Ich habe zurückgesteckt, ich habe mich gefügt, jahrelang.

Er ist wahr und trotzdem unfair, denn die Leistung war nie angemeldet. Man kann nicht rückwirkend eine Rechnung für etwas stellen, das man als Geschenk ausgegeben hat. Der andere fällt aus allen Wolken, und auch das zu Recht.

Beide haben an dieser Stelle recht, und genau deshalb lässt sich dieser Streit so schwer auflösen.

Warum Gefallen so schwer zu lassen ist

Es geht dabei selten um Eitelkeit.

Zustimmung ist die schnellste Auskunft darüber, dass man in Ordnung ist. Sie kommt sofort, sie ist eindeutig, und sie kostet nichts außer ein wenig Nachgeben. Alle anderen Wege zu derselben Auskunft sind langsam, mühsam und bleiben unsicher.

Wer sie oft genug bekommt, muss die Frage nie selbst beantworten. Das ist bequem, und es funktioniert zuverlässig, solange jemand da ist, der zustimmt.

Genau deshalb ist der Entzug so schwer. Wer aufhört zu gefallen, verliert nicht einen Abend und nicht eine Gefälligkeit. Er verliert für eine Weile die einzige verlässliche Rückmeldung, die er kennt, und bekommt dafür zunächst gar nichts.

Der Rat, man solle sich doch nicht so viel darum scheren, was andere denken, hilft an dieser Stelle ungefähr so viel wie der Rat, weniger zu frieren. Was fehlt, ist nicht die Einsicht. Was fehlt, ist die zweite Quelle.

Wo Nachgeben das Richtige ist

Nicht jede Anpassung ist Selbstverrat. Zusammenleben besteht zu großen Teilen daraus, und wer auf jeder Neigung besteht, ist nicht ehrlicher als andere. Er ist anstrengend.

Wichtiger ist etwas anderes. Die Aufforderung, endlich zu sich zu stehen, ist nicht für jeden gratis. Wer abhängig ist, vom Einkommen, von der Wohnung, von jemandem, der die Kinder betreut, oder von einem Menschen, dessen Reaktion er fürchten muss, passt sich nicht aus Charakterschwäche an. Er tut, was in seiner Lage vernünftig ist.

Ratschläge zur Aufrichtigkeit kommen fast immer von Leuten, die sie sich leisten können.

Und die Sorte Frieden, die regiert

Es gibt eine Umkehrung, die man kennen sollte, weil sie leicht übersehen wird.

Nicht jeder, der Konflikte vermeidet, ist der Sanftmütige. Manchmal ist es eine ganze Runde, die um einen Einzigen herum navigiert, weil seine Verstimmung teuer ist. Wenn alle vorsichtig sind, damit einer nicht kippt, herrscht Harmonie. Sie gehört dann dem, der am wenigsten dafür tut.

Wer also sagt, ihm sei der Frieden das Wichtigste, sollte gelegentlich nachsehen, wer diesen Frieden bezahlt.

Und du?

  • Was möchtest du, wenn niemand danebensteht, für den man etwas möchte?
  • Worüber wird bei euch nicht gestritten, weil du es vorher wegräumst?
  • Wann hast du zuletzt einen Wunsch angemeldet, bevor er zu einem Vorwurf geworden ist?

Mitnehmen

Die Probe ist unspektakulär. Nimm eine Sache, die dich seit Monaten stört, und sag sie, solange sie noch klein ist. Nicht als Aussprache, nicht als Bilanz. Ein Satz, an einem gewöhnlichen Abend, über etwas, das kaum eine Rolle spielt.

Wahrscheinlich passiert wenig, und genau das ist die Auskunft. Die meisten Konflikte, die jahrelang vermieden werden, wären in zwei Minuten erledigt gewesen. Teuer ist nicht das Austragen. Teuer ist das Sammeln.

Und dann bleibt die schwierigere Frage übrig. Wenn nicht mehr die Zustimmung der anderen entscheidet, woran misst du dann, ob ein Tag ein guter war?