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Hinsehen · ICH. · Kapitel 4 von 23

Der Wert mit Bedingungen

Wir sagen, ein Mensch sei etwas wert an sich. Bei uns selbst rechnen wir anders.

8 Min. Lesezeit

Ein Mann schiebt einen fast leeren Einkaufswagen durch einen fast leeren Supermarkt. Um ihn herum ein paar Rentner mit kleinen Körben, eine Mutter mit Kinderwagen, jemand in Arbeitskleidung, der schnell etwas fürs Frühstück holt. Jens ist dreiundvierzig und trägt eine Jeans, die er sonst nur am Wochenende anzieht.

Seit drei Wochen hat er keine Stelle mehr. Er geht langsam an den Regalen entlang, weil er Zeit hat, und merkt, dass er es nicht aushält, Zeit zu haben. An der Kasse fragt die Frau vor ihm nach dem Datum, und er weiß es nicht sofort. Auf dem Weg zum Auto ertappt er sich dabei, dass er schneller geht als nötig. Als hätte er einen Termin.

Wenn man Menschen fragt, ob jeder Mensch einen Wert hat, unabhängig von dem, was er leistet, sagen fast alle Ja. Ohne Zögern. Es ist einer der wenigen Sätze, auf die sich ziemlich alle einigen können.

Wenn man dieselben Menschen fragt, wie es ihnen an einem Tag geht, an dem sie nichts geschafft haben, wird die Antwort dünner.

Dann kommt das Unbehagen. Der Blick auf die Uhr am freien Nachmittag. Das Bedürfnis, den Sonntag im Nachhinein zu rechtfertigen. Die kleine Panik, wenn man krank im Bett liegt und der dritte Tag vergeht. Die Frage beim Kennenlernen, was man beruflich macht, und die Stille, wenn man darauf gerade keine Antwort hat.

Der Satz vom Wert an sich gilt also. Nur nicht für uns selbst.

Der Vertrag, den niemand unterschrieben hat

Irgendwann in der Kindheit lernen die meisten Menschen, dass Zuwendung mit etwas zusammenhängt.

Nicht, weil die Eltern kalt wären. Sondern weil Freude ansteckt. Ein Kind bringt eine gute Note nach Hause, und am Tisch wird es hell. Es hilft beim Tragen, und jemand sagt, was für ein Großer es schon ist. Es räumt sein Zimmer auf, und die Stimmung kippt ins Freundliche. Das Kind lernt nicht: Ich bin nur etwas wert, wenn ich leiste. Es lernt etwas Feineres. Es lernt, dass Leistung der Moment ist, in dem es am meisten gesehen wird.

Aus diesem Moment wird eine Rechnung. Wer gesehen werden will, leistet. Wer leistet, wird gesehen. Und irgendwann verschwindet der Unterschied zwischen dem, was man tut, und dem, was man ist.

Die Schule macht weiter, wo die Familie aufgehört hat. Sie hat Noten für Leistung und keine für Menschen. Der Arbeitsmarkt danach kennt Gehaltsstufen, Beurteilungen, Zielvereinbarungen. Nirgendwo auf diesem langen Weg gibt es eine Stelle, an der einem jemand sagt, dass man auch dann noch jemand ist, wenn alles davon ausfällt. Es wird angenommen. Aber es wird nie ausgesprochen, und was nie ausgesprochen wird, hält im Ernstfall nicht.

Der Ernstfall ist der Vormittag im halb leeren Supermarkt.

Wenn die Leistung ausfällt

Man merkt den Vertrag erst, wenn er gekündigt wird.

Der Vater, der nach vierzig Jahren in Rente geht und drei Monate später seine Werkstatt jeden Tag aufräumt, obwohl nichts unordentlich ist. Die Frau, die nach der Geburt zu Hause bleibt und sich beim Kaffee mit einer Freundin entschuldigt, dass sie „gerade nichts macht“, während ein Säugling auf ihrem Arm liegt. Der Kollege, der mit einem Bandscheibenvorfall im Bett liegt und vom Bett aus Mails beantwortet, gegen ausdrücklichen Rat. Die Studentin, die ein Semester verliert und in dem halben Jahr kaum jemanden trifft, weil sie nichts zu erzählen hat.

Alle diese Menschen wissen, dass ein Mensch einen Wert an sich hat. Sie würden es jedem anderen sofort zusprechen. Nur an sich selbst legen sie einen anderen Maßstab an, und der ist streng.

Es gibt ein Wort für einen Wert, der von Bedingungen abhängt. Es ist nicht Wert. Es ist Preis.

Ein Preis kann steigen und fallen. Er wird von außen festgelegt, von einem Markt, von einem Chef, von einer Note. Und wer seinen Wert wie einen Preis behandelt, muss ihn jeden Tag neu verteidigen, denn ein Preis, den niemand mehr zahlt, ist nichts.

Die erste Hälfte der Frage ist unangenehm. Die zweite ist die eigentliche. Denn wenn man nachdenkt, wer da eigentlich urteilt, kommt man selten bei einer Person an. Es ist niemand Bestimmtes. Es ist eine Art Instanz, die man mit sich trägt, zusammengesetzt aus früheren Stimmen, und die niemand je ernannt hat.

Was Leistung wirklich gibt

Es wäre billig, hier gegen Leistung zu schreiben.

Etwas zu können, ist eine der tiefsten Freuden, die ein Mensch haben kann. Ein Tischler, der ein Stück Holz so bearbeitet, dass es passt. Eine Pflegerin, die eine Nacht durchsteht und weiß, dass es jemanden gab, für den das den Unterschied gemacht hat. Ein Kind, das zum ersten Mal ohne Hilfe Fahrrad fährt. Das ist keine Fremdbestimmung. Das ist Stolz, und Stolz ist ein gutes Gefühl.

Leistung gibt dem Tag eine Form. Sie ordnet. Sie erlaubt es, abends etwas zu sehen, das morgens nicht da war. Menschen, die lange nichts tun konnten, sagen oft, dass ihnen genau das gefehlt hat: nicht das Geld, nicht der Titel, sondern das Gefühl, gebraucht zu werden.

Die Frage ist also nicht, ob Leistung wertvoll ist. Sie ist es. Die Frage ist, ob sie die einzige Quelle sein darf.

Denn eine einzige Quelle ist ein Risiko. Sie kann versiegen, und sie versiegt bei jedem Menschen irgendwann: durch Krankheit, durch Alter, durch einen Markt, der einen nicht mehr braucht, durch ein Kind, das mehr Zeit braucht als geplant. Wer seinen ganzen Wert an einer Stelle festgemacht hat, steht dann nicht vor einer Krise. Er steht vor dem Nichts, und das ist etwas anderes.

Für wen Leistung die einzige Währung war

Er hat es sich an ein paar Stellen leicht gemacht.

Der Wert an sich ist ein schöner Satz, aber wovon soll er sich speisen? Ein Mensch, der nichts tut, nichts beiträgt und niemandem hilft, hat vielleicht eine Würde, aber ob er sich wertvoll fühlt, ist eine andere Frage. Gefühlter Wert entsteht nicht aus dem Nichts. Er entsteht im Tun, in der Wirkung auf andere, im Gebrauchtwerden. Wer sagt, man solle sich unabhängig von Leistung wertvoll fühlen, sagt vielleicht etwas, das man nicht fühlen kann, sondern nur beschließen. Und Beschlüsse halten schlecht.

Dazu kommt, dass die Kopplung von Wert und Leistung eine Funktion hat. Sie treibt an. Menschen, die etwas beweisen wollen, bauen Dinge, gründen Praxen, lernen mit fünfzig noch ein Instrument. Ein Teil dessen, was die Welt bewohnbar macht, kommt aus genau dem Bedürfnis, das dieser Text kritisiert. Man sollte es nicht abschaffen wollen, ohne zu wissen, was man dann verliert.

Und für manche Menschen ist die Unterscheidung zwischen Sein und Leisten von vornherein ein Luxus. Wer in einer Familie aufgewachsen ist, in der nichts selbstverständlich war, weiß, dass Leistung die einzige Währung war, die galt. Man kann diesen Menschen schwer erklären, sie sollten sich davon lösen. Es hat sie durchgebracht.

Der letzte Einwand ist der schwerste, und er lässt sich nicht wegargumentieren. Wer Leistung gebraucht hat, um überhaupt durchzukommen, schuldet niemandem eine feinere Haltung dazu.

Nur ändert das nichts an dem Mann im Supermarkt. Jens steht nicht vor dem Nichts. Er hat drei Wochen ohne Stelle hinter sich, nicht drei Jahre, und trotzdem geht er auf dem Parkplatz schneller, als er müsste. Was ihm dort fehlt, ist nicht Geld. Es ist ein Grund, langsam zu gehen. Deshalb sagt dieser Text auch nicht, dass Leistung zu viel Platz einnimmt. Er fragt nur, was in dem Raum steht, wenn sie einmal nicht da ist. Nicht als Vorwurf. Als Vorsorge.

Und du?

  • Wem sprichst du einen Wert zu, der nichts leistet: einem Kind, einem alten Menschen, einem Kranken? Und was unterscheidet dich an einem schlechten Tag von ihnen?
  • Wenn du morgen für ein Jahr ausfallen würdest: Was von dem, was du bist, wäre danach noch da?

Mitnehmen

Es wird bald wieder einen Abend geben, an dem nichts fertig geworden ist. Sieh dir an diesem Abend an, was du dann tust. Ob du den Tag rechtfertigst. Ob du ihn nachträglich mit Kleinigkeiten füllst, damit er zählt. Ob du dich anders behandelst als an einem Abend, an dem viel geworden ist.

Es geht nicht darum, das zu ändern. Es geht darum, den Vertrag zu sehen, den du mit dir geschlossen hast. Und wer ihn einmal gesehen hat, kommt an einer Frage nicht vorbei, die vorher gar keine war: Was passiert eigentlich, wenn du die Bedingung nicht erfüllst?