Hinsehen · ICH. · Kapitel 5 von 23
Was ein ehrlicher Versuch kostet
Ein Scheitern zerstört selten ein Ergebnis. Es verbraucht einen Vorrat, über den niemand spricht: das, was du vielleicht gekonnt hättest.

Seit vier Jahren baut er abends Möbel in der Garage, für sich, ohne Auftrag. Im Frühjahr fragt ihn die Frau aus dem Laden an der Ecke, ob sie den Schrank ins Schaufenster stellen darf.
Er sagt ja und dass er ihn vorher noch einmal schleifen will.
Er schleift ihn im April. Im Juni fällt ihm die Kante hinten links auf. Im August ist das Öl nicht mehr das, was er heute nehmen würde.
Im Oktober fragt sie nicht mehr.
Er hat nichts falsch gemacht, und der Schrank ist tatsächlich besser geworden. Solange er schleift, ist er das Beste, was er kann.
Über die Angst vor dem Versagen wird meistens geredet, als ginge es um die Folgen. Das stimmt selten.
Die Folgen der meisten gescheiterten Versuche sind klein und lassen sich in einem Satz benennen. Eine Absage. Ein Kurs, den man abbricht. Ein Gespräch, das unangenehm war und das drei Wochen später niemand mehr erwähnt. Aufgeschrieben sind sie erstaunlich harmlos.
Gefürchtet wird etwas anderes.
Der Vorrat, der dabei verbraucht wird
Solange niemand es geprüft hat, ist offen, was in einem steckt.
Ungeprüftes Können hat eine Eigenschaft, die geprüftes nie haben kann: Es ist immer groß genug. Es wird von keinem Ergebnis begrenzt. Es kann alles sein, was man braucht, damit die eigene Lage erträglich bleibt.
Ein ehrlicher Versuch verbraucht genau das. Er tauscht einen unbegrenzten Vorrat gegen eine einzige Auskunft.
Man erkennt diesen Vorrat an einem einzigen Wort. Eigentlich kann ich gut zeichnen. Eigentlich könnte ich das auch. Eigentlich wäre ich der Richtige dafür gewesen. Das Wort hält die Sache offen, und was offen ist, ist unbegrenzt.
Und bei vielen Menschen ist dieser Vorrat das Tragende. Ich hätte ja gekonnt, wenn damals nicht. Ich hätte das auch gemacht, wenn ich gewollt hätte. Solange das unwidersprochen bleibt, ist es wahr. Die Angst davor, das anzutasten, ist deshalb keine Schwäche. Sie ist ein Schutz für etwas, das man nicht hergeben möchte.
Die Übersetzung, die alles entscheidet
Drei Sätze, die nach demselben klingen und es nicht sind.
Das hat nicht funktioniert. Ich kann das nicht. Ich bin keiner, der so etwas kann.
Der erste beschreibt ein Ergebnis. Der zweite eine Fähigkeit. Der dritte eine Person.
Die Angst vor dem Versagen entsteht ausschließlich dort, wo der Weg vom ersten zum dritten Satz kurz ist. Wer ein Ergebnis als Ergebnis stehen lassen kann, hat wenig zu befürchten. Wer daraus sofort eine Auskunft über sich macht, riskiert bei jedem Versuch alles.
Diese Übersetzung nimmt übrigens fast nie jemand anderes vor. Die anderen haben daran wenig Interesse und meistens haben sie es schon vergessen. Sie passiert innen, sofort, und sie fühlt sich nicht wie eine Übersetzung an, sondern wie eine Feststellung.
Dabei stützt sich diese Übersetzung auf ein Publikum, das es nicht gibt.
Vorgestellt wird ein Raum voller Menschen, die den Versuch mitverfolgen und sich danach ein Urteil bilden. Tatsächlich hat jeder von ihnen mit derselben Sache zu tun wie du: mit dem eigenen Kram. Wer eine Bewerbung liest, liest an diesem Tag noch vierzig andere. Wer einen Vortrag hört, denkt in der Hälfte davon an etwas anderes.
Prüfen lässt sich das an einer Frage, die unbequem ist, weil sie in beide Richtungen wirkt: An wessen gescheiterten Versuch aus dem letzten Jahr erinnerst du dich? Bei den meisten Menschen kommt da nichts, und wenn doch, dann mit Wohlwollen.
Der eigentliche Schaden
Man nimmt an, diese Angst verhindere Versuche. Manchmal tut sie das. Häufiger tut sie etwas, das schwerer zu bemerken ist. Sie verformt den Versuch.
Man fängt zu spät an. Man bereitet sich nicht ganz vor. Man erwähnt vorher beiläufig, dass gerade wenig Zeit ist. Man macht es nebenbei, halb, mit angezogener Handbremse.
Das sieht aus wie Nachlässigkeit und ist das Gegenteil davon. Es ist eine sorgfältig gebaute Erklärung, die schon fertig ist, bevor das Ergebnis vorliegt.
Bezahlt wird das mit der Sache selbst. Mit der Stelle, dem Auftrag, dem Abend, der wirklich gut hätte werden können. Dafür bleibt der Vorrat unangetastet, und der Handel erscheint im Nachhinein sogar vernünftig, weil niemand ihn je aufschreibt.
Die harte Frage ist deshalb nicht, ob du es versuchst. Sie lautet, ob du es ganz versuchst.
Was das Behalten kostet
Ein Vorrat, den niemand anfasst, wächst nicht. Er bleibt genau so groß, wie er am ersten Tag war.
Können entsteht nämlich nicht im Kopf, sondern an Widerstand. An einer Absage, die begründet ist. An jemandem, der sagt, was ihm fehlt. An der Stelle, die ein anderer sofort sieht und man selbst seit Monaten übersieht. Wer nie etwas abgibt, bekommt genau die Auskunft nicht, die ihn besser machen würde.
Damit ist der Handel schlechter, als er aussieht. Man behält die Möglichkeit und bezahlt mit der Entwicklung.
Nach zehn Jahren ist der Schrank in der Garage glatter. Besser ist er nicht geworden.
Dazu kommt, was eine Absage tatsächlich ist, und sie ist fast nie das, wofür man sie hält.
Sie ist keine Aussage über den Wert einer Sache, sondern eine Entscheidung unter Bedingungen, die man nie erfährt. Jemand anderes hatte einen Tag mehr Zeit. Es war schon zugesagt, bevor die Ausschreibung überhaupt lief. Der Entscheider hatte etwas anderes im Kopf, einen bestimmten Zuschnitt, ein bestimmtes Gesicht, ein Budget, das kurz vorher gekürzt wurde.
Von all dem erfährt der Abgelehnte nichts. Er bekommt zwei Sätze und macht daraus ein Urteil über sich, weil er die einzige Information ist, die er hat.
Wer das weiß, hat den Vorrat nicht mehr nötig. Eine Absage nimmt einem nichts weg, solange man sie für das nimmt, was sie ist: das Ergebnis eines Vorgangs, an dem man nur mit einem kleinen Teil beteiligt war.
Wo die Angst recht behält
Nicht jede Vorsicht ist eine Blockade.
Manche Versuche kosten wirklich etwas. Geld, das man nicht ein zweites Mal hat. Einen Ruf, an dem Aufträge hängen. Menschen, die mitgezogen sind und mit hineinfallen, wenn es nichts wird. Wer in so einer Lage zögert, hat kein Problem mit sich. Er rechnet.
Und der Rat, man solle einfach keine Angst haben, kommt fast immer von jemandem, der im Fall eines Fehlschlags weich fällt.
Brauchbar ist deshalb nicht die Frage, ob du Angst hast, sondern die, was genau passiert, wenn es schiefgeht. Wer das in drei Zeilen aufschreibt, stellt meistens zweierlei fest: dass es weniger ist, als das Gefühl behauptet, und dass es an ein oder zwei Stellen mehr ist, als er sich eingestehen wollte.
Und wo das Scheitern überschätzt wird
Inzwischen wird auch das Gegenteil behauptet. Scheitern sei wertvoll, man müsse es nur oft genug tun.
Das ist genauso schief. Ein Fehlschlag lehrt nicht von selbst etwas. Die meisten lehren überhaupt nichts, weil niemand hinsieht. Brauchbar wird er erst, wenn jemand sagen kann, woran es gelegen hat, und das ist Arbeit und keine Haltung.
Wer diesen Teil überspringt, sammelt Fehlschläge und nennt sie Erfahrung.
Und du?
- Was hast du nie ganz versucht, und welche Erklärung lag dafür schon vorher bereit?
- Wenn dein nächster Versuch schiefgeht: Was genau passiert dann, in drei Zeilen aufgeschrieben?
- Bei welcher Sache lebst du seit Jahren davon, dass niemand nachgemessen hat?
Mitnehmen
Nimm etwas, das du demnächst vorhast, und prüf es auf eine einzige Auffälligkeit. Liegt schon eine Erklärung bereit für den Fall, dass es nichts wird?
Wenn ja, ist sie älter als das Ergebnis. Dann ist sie keine Erklärung, sondern eine Vorkehrung, und sie kostet dich die Hälfte der Sache.
Abschaffen muss man sie nicht. Es genügt zu wissen, dass sie da ist, denn ab dann wird sie teuer.
Dahinter steht allerdings noch eine Frage. Wer sagt eigentlich, dass ein misslungener Versuch etwas über dich bedeutet? Im Raum sagt das selten jemand. Der Satz kommt von innen, und trotzdem stammt er nicht von dort.


