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Hinsehen · ICH. · Kapitel 8 von 23

Die Versionen von dir

Bei den Eltern, im Büro, bei alten Freunden: dieselbe Person in drei Stimmlagen. Die Arbeit daran sieht niemand, auch du nicht.

10 Min. Lesezeit

Die Einladung hing zwei Monate am Kühlschrank. Sechzigster Geburtstag des Vaters, der Saal beim Wirt, dreißig Leute, Kuchen ab nachmittags.

Nele steht am Buffet und weiß seit einer halben Stunde, wo alle sitzen. Links die Familie, in der Mitte die Nachbarn von früher, hinten rechts die drei aus dem Büro, die sie eingeladen hat, weil man das so macht und weil es ihr vor sechs Wochen wie eine gute Idee vorkam. An jedem der Tische war sie schon. An jedem war sie ein bisschen anders laut.

Dann sieht sie, wie ihre Freundin aus der Schulzeit mit einem vollen Teller aufsteht und sich zu den Kollegen setzt. Den Anfang des Satzes hört sie noch quer durch den Raum: Und, wie ist sie so, im Büro?

Nele bleibt stehen und merkt, dass sie den Teller zu fest hält.

Fast jeder hat mehr als eine Fassung von sich im Umlauf. Nicht heimlich, nicht mit Absicht, meistens nicht einmal bemerkt.

Am Tisch der Eltern werden die Sätze kürzer. Der Tonfall von früher kommt zurück, manchmal sogar ein Wort, das man sonst nie benutzt. Man sagt weniger Meinungen und mehr Auskünfte. Im Büro dagegen ist alles genauer. Das Lachen kommt einen halben Takt später als sonst, Sätze werden zu Ende gedacht, bevor sie anfangen. Bei alten Freunden gibt es ein Vokabular, das einem an jedem anderen Ort peinlich wäre, und Geschichten, die man dort in einer Kurzfassung von vier Wörtern erzählen kann. Bei neuen Leuten ist man höflich und sortiert und eigentlich noch im Bau.

Keine dieser Fassungen ist erfunden. Jede einzelne besteht aus Material, das tatsächlich zu dir gehört.

Der Aufwand, den niemand sieht

Man merkt es selten im Raum. Man merkt es auf dem Weg dorthin.

Die letzten zwanzig Minuten der Fahrt zu den Eltern stellt sich etwas von allein um. Themen fallen weg, ohne dass man sie streicht. Eine bestimmte Bereitschaft, gefragt zu werden, baut sich auf. Man kommt an und ist schon eingerichtet. Das ist keine Täuschung. Es ist die Ankunft in einem Raum, der Regeln hat, die niemand aufgeschrieben hat und die trotzdem alle kennen.

Der Aufwand steckt nicht im Reden. Er steckt in der Prüfung, die im Hintergrund mitläuft. Was geht hier. Welche Geschichte kann ich erzählen, und welche kenne ich nur mit den Leuten von woanders. Wie viel Klage ist erlaubt, wie viel Erfolg. Ob man über Geld spricht. Ob ein bestimmter Witz hier ankommt oder nur höflich quittiert wird. Nichts davon ist anstrengend für sich genommen. Alles davon läuft ununterbrochen.

Das erklärt eine Müdigkeit, für die es sonst keinen Grund gibt. Man kommt von einem harmlosen Nachmittag nach Hause und legt sich hin wie nach einem Arbeitstag. Es ist nichts passiert. Es war nur die ganze Zeit jemand im Dienst.

Dazu kommt etwas, das man erst bemerkt, wenn man darauf achtet: Die Versionen haben verschiedene Gedächtnisse. Manche Teile deines Lebens existieren nur in einem einzigen Kreis. Ein Jahr, über das im Büro nie ein Wort gefallen ist. Eine Person, die deine Eltern nicht kennen. Eine Zeit, von der die neuen Freunde nichts wissen, weil sie damals noch nicht da waren und man so etwas nicht nachreicht.

Wenn zwei Räume sich berühren

Es gibt Anlässe, die das Getrennte zusammenführen, und sie sind fast immer wichtig. Hochzeiten. Beerdigungen. Runde Geburtstage. Ein Krankenhausflur. Eine Einweihung.

Dort stehen dann Menschen im selben Raum, die verschiedene Fassungen von dir kennen, und sie reden miteinander. Das ist der Moment, in dem sich etwas zusammenzieht, ohne dass man sagen könnte, was genau die Gefahr wäre.

Es ist nicht die Angst, bei einer Lüge erwischt zu werden. Es liegt meistens gar keine vor. Es ist zuerst ein sehr praktisches Problem: Für zwei Räume gleichzeitig gibt es keine Stimmlage. Der Satz, der am Kollegentisch gut sitzt, klingt zwei Meter weiter überheblich. Der Tonfall, der bei den alten Freunden herzlich ist, klingt vor den Nachbarn ordinär. Man kann nicht beides sein, und man kann auch nicht die Mitte nehmen, weil die Mitte in keinem der beiden Räume vorkommt. Also steht man am Buffet.

Und man verliert etwas, das man sonst hat. In einem Raum ist man der Verfasser der eigenen Fassung. Man entscheidet, was gesagt wird. Treffen zwei Räume aufeinander, beschreiben sich die Fassungen gegenseitig, und zwar ohne einen. Zwei Menschen tauschen Auskünfte über dich aus, und du hast nichts in der Hand.

Vielleicht fällt dir ein Paar ein, und vielleicht erschrickst du daran, wie harmlos beide sind. Es ist selten so, dass einer von ihnen etwas Belastendes wüsste. Der Grund ist ein anderer: Die beiden würden zwei Erzählungen über denselben Menschen nebeneinanderlegen und dabei feststellen, dass sie nicht deckungsgleich sind. Nicht widersprüchlich. Nur verschieden. Und du wärst bei diesem Abgleich nicht dabei.

Der Vorwurf, den niemand erhebt

Das Merkwürdigste an diesem Gefühl ist, dass es vollkommen ohne Anlass auskommt.

Niemand im Saal behauptet etwas. Niemand sagt: Du bist bei uns anders als bei denen. Niemand vergleicht, niemand rechnet nach, den meisten Menschen ist zutiefst egal, wie du zwei Tische weiter klingst. Und trotzdem steht jemand am Buffet und wartet darauf, dass etwas auffliegt.

Es lohnt sich zu fragen, was eigentlich auffliegen sollte. Ein Verhalten, das jeder Mensch im Raum ebenfalls zeigt. Der Onkel ist bei seinem Chef anders als hier. Die Kollegin, die gerade befragt wird, hat zu Hause einen anderen Tonfall. Das ist keine Schwäche der Anwesenden, das ist die Bedingung dafür, dass so ein Saal überhaupt funktioniert.

Das Gefühl kommt also nicht aus der Sache. Es kommt aus einem Satz, der darunter liegt und den kaum jemand je angesehen hat: dass unter allen deinen Versionen genau eine die echte sein muss und die anderen Verkleidungen sind. Wenn dieser Satz stimmte, wäre das Zusammentreffen zweier Räume tatsächlich eine Enttarnung. Dann säße da jemand, der die ganze Zeit etwas vorgemacht hat, und zwei Zeugen gleichen ihre Beobachtungen ab. Die Beklemmung ist völlig folgerichtig. Sie ist nur die Folge einer Annahme, die nie geprüft wurde.

Was wäre, wenn keine davon falsch ist

Man kann den Satz auch umdrehen, und dann sieht der ganze Saal anders aus.

Vielleicht sind es keine Masken. Vielleicht sind es Teile, die alle wahr sind und die nur nie zusammen in einem Raum waren. Ein Mensch ist nicht ein Kern mit Lackschichten darauf. Er ist eher etwas, das von verschiedenen Menschen verschieden herausgeholt wird. Der Humor, den du bei den alten Freunden hast, ist keine Vorstellung. Er existiert, weil diese Menschen ihn erzeugen. Bei anderen ist er nicht versteckt, er entsteht dort einfach nicht. Die Genauigkeit im Büro ist ebenso wenig aufgesetzt. Sie ist nur bisher nirgendwo sonst gebraucht worden.

Das ist der angenehme Teil des Gedankens. Der unangenehme kommt gleich hinterher. Wenn es so ist, dann gibt es auch kein wahres Ich, zu dem man zurückkehren könnte, wenn alle gegangen sind. Die Frage, wer man wirklich ist, bekommt dann nicht die Antwort, die sie erwartet. Es gibt keinen Raum, in dem du vollständig vorkommst. Es gibt auch keinen Menschen, der alles von dir gesehen hat, und das liegt nicht an mangelndem Vertrauen. Es liegt daran, dass niemand in allen Räumen gleichzeitig war.

Wer das aushält, hört auf, die Anstrengung des Umschaltens für ein Zeichen von Unaufrichtigkeit zu halten. Sie bleibt anstrengend. Sie ist nur nichts, wofür man sich entschuldigen müsste.

Manche Version ist wirklich eine Lüge

Dagegen gibt es einen Einwand, und er ist kein kleiner.

Nicht jedes Umschalten ist harmlos. Es gibt einen Unterschied zwischen einer Stimmlage und einer Auskunft. Wer in einem Kreis erzählt, er sei getrennt, und in einem anderen, er sei es nicht, wechselt nicht die Version. Er führt Buch. Und daran erkennt man es auch: Wer sich merken muss, wer was weiß, hat kein Register mehr, sondern ein System, und Systeme dieser Art halten nicht. Sie brechen bei genau der Feier, um die es hier geht.

Der zweite Einwand wiegt schwerer. Nicht jeder Raum hat die Anpassung verdient. Wer im Büro verschweigen muss, wen er liebt, woher er kommt, woran er glaubt oder wie es in seinem Körper aussieht, ist nicht müde vom Umschalten. Er ist müde davon, einen Preis zu zahlen, den niemand zahlen sollte. Das als verschiedene wahre Teile zu beschreiben, wäre eine Beschönigung, und zwar eine, die dem Raum nützt und nicht dem Menschen.

Und es gibt einen dritten Fall, der selten zur Sprache kommt. Manchmal ist eine Version nicht anders, sondern schlechter. Jemand ist draußen freundlich und drinnen hart, umgänglich bei den Kollegen und unerträglich in der eigenen Küche. Dann tragen nicht zwei wahre Teile nebeneinander. Dann trägt der eine Teil, was der andere anrichtet.

Der zweite Einwand lässt sich nicht in den Gedanken hineinfalten, und man soll es auch nicht versuchen. Wo ein Raum etwas erzwingt, ist die Frage nach dem Ich die falsche. Da geht es um den Raum.

Im Saal beim Wirt aber erzwingt niemand etwas. Dort wird gegessen und geredet, und zwei Frauen unterhalten sich freundlich über eine dritte. Was Nele am Buffet festhält, ist kein Geheimnis. Es ist die Erwartung eines Vorwurfs, den nie jemand erheben wird, weil es gar keinen gibt.

Und du?

  • In welchem Raum bist du am schnellsten müde, obwohl dort nie etwas Anstrengendes passiert?
  • Gibt es eine Geschichte aus deinem Leben, die nur ein einziger Kreis von Menschen kennt? Und wer hat entschieden, dass sie dort bleibt?
  • Welcher Teil von dir kommt nirgends vor, weil ihn bisher kein Raum abgerufen hat?

Mitnehmen

Wenn du das nächste Mal aus einem Zusammensein kommst und müder bist, als der Anlass hergibt, geh nicht sofort zu der Frage, welche Version davon nun die richtige war. Frag lieber, was dieser Raum von dir angenommen hat. Und was er nie erfahren wird, nicht weil du es verbirgst, sondern weil dort niemand danach fragt.

Vielleicht fällt dir dabei etwas anderes auf. Dass es unter all den Dingen, die du in verschiedenen Räumen verschieden erzählst, eines gibt, das du in keinem einzigen erzählst. Nicht weil es nirgends passt. Sondern weil du glaubst, es würde jeden dieser Räume auf einmal verändern.