Hinsehen · ICH. · Kapitel 7 von 23
Innen und Außen
Du siehst bei dir alles und bei den anderen nur die Vorderseite. Kein Wunder, dass sie gewinnen.

Klassentreffen, zwanzig Jahre nach dem Abschluss, ein Gasthaus mit langen Tischen. Jeder hat drei Sätze über sein Leben dabei, und jeder hat sie auf der Anfahrt zurechtgelegt. Der eine leitet eine Abteilung. Die andere hat mit ihrem Mann ein Haus gebaut, zwei Kinder, ein Hund. Einer war ein Jahr am anderen Ende der Welt. Eine ist Ärztin geworden, so wie sie es damals gesagt hat.
Sabine sitzt am Ende des Tisches und hört zu. Sie hat auch drei Sätze mitgebracht. Sie sagt sie, und sie klingen in Ordnung. Aber während sie zuhört, rechnet sie mit. Und egal, wie sie es rechnet, sie liegt hinten.
Auf der Heimfahrt fällt ihr ein, dass die Ärztin und der Abteilungsleiter auch nur drei Sätze gesagt haben. Und dass sie nicht die geringste Ahnung hat, wie die anderen siebenundzwanzig lauten würden.
Das Vergleichen fängt nicht beim Klassentreffen an. Es hört dort nur nie auf.
Man vergleicht auf dem Elternabend, wo die anderen Eltern so entspannt wirken. Im Büro, wo die Kollegin scheinbar mühelos ihre Termine schafft. Im Schaufenster, das jedes Telefon inzwischen mit sich führt und in dem alle verreisen, gründen, laufen, kochen, lieben und dabei ausgeruht aussehen. Und man vergleicht auf dem Balkon des Nachbarn, der schon wieder Besuch hat.
Was dabei fast immer herauskommt, ist ein Rückstand. Nicht, weil man tatsächlich hinten liegt. Sondern weil die Rechnung schief ist, und zwar von Anfang an.
Zwei Sorten Wissen
Über sich selbst weiß man alles. Über andere weiß man, was sie zeigen.
Man kennt die eigenen Zweifel, weil man mit ihnen aufwacht. Man kennt den Streit von gestern, das Konto, die Nacht, in der man nicht schlafen konnte, die Sache, die man seit Jahren vor sich herschiebt. Man kennt den Abstand zwischen dem, was man vorhatte, und dem, was daraus geworden ist. Nichts davon ist verborgen. Es liegt ganz vorn.
Von den anderen kennt man die Vorderseite. Den Beruf. Das Haus. Die Reise. Den Satz beim Klassentreffen. Das Foto. Das, was jemand in einem Gespräch von fünf Minuten erzählt, und nicht das, was er nicht erzählt, weil man so etwas in fünf Minuten nicht erzählt.
Wenn man nun das eine mit dem anderen vergleicht, vergleicht man nicht zwei Leben. Man vergleicht ein ganzes Leben mit einer Fassade. Und Fassaden sind dafür gebaut, gut auszusehen. Es ist ihr einziger Zweck.
Der Vergleich ist also nicht ungerecht. Er findet gar nicht statt. Es werden zwei Dinge nebeneinandergelegt, die nicht aus demselben Material sind.
Warum man es trotzdem tut
Man könnte meinen, das sei leicht zu durchschauen. Ist es auch. Es ändert nur nichts.
Denn das Vergleichen ist keine Entscheidung. Es läuft von selbst. Menschen sind darauf angelegt, ihren Platz in einer Gruppe zu kennen, und der einfachste Weg, ihn zu bestimmen, ist der Blick auf die Nachbarn. Wo stehe ich? Wer ist vor mir, wer hinter mir? Das war lange nützlich, in Gruppen von vierzig Menschen, die man alle kannte und deren Rückseiten man auch kannte. Man wusste, dass der Jäger mit der größten Beute nachts schlecht schlief.
Heute vergleicht man sich mit Hunderten, und von den Hunderten kennt man nur die Beute.
Dazu kommt die Auswahl. Wer erzählt, erzählt das Gelungene. Nicht aus Berechnung, sondern weil man Gelungenes erzählen kann und Misslungenes erklären muss. Wer ein Foto macht, macht es vom schönen Moment. Wer beim Klassentreffen drei Sätze hat, wählt die drei, die am besten stehen. Alle tun das. Und alle vergessen, dass alle das tun, sobald sie selbst zuhören.
Neid ist die Folge dieser Rechnung. Er entsteht, wenn der Vergleich zu Ungunsten ausgeht, und er geht fast immer so aus, weil man ihn so aufgestellt hat. Neid ist also selten ein Hinweis darauf, dass es dem anderen besser geht. Er ist ein Hinweis darauf, dass man dessen Innenseite nicht kennt. Manchmal ist er auch ein Hinweis auf etwas, das man selbst gern hätte und sich nicht zugesteht. Aber das ist eine eigene Geschichte.
Auf den ersten Teil fällt einem meistens ein Name ein. Beim zweiten wird es schwierig, denn was man weglässt, sieht man nicht. Das ist das Wesen des Weglassens.
Vielleicht hilft ein Umweg. Was weißt du über diesen Menschen, weil er es dir selbst erzählt hat, und was hast du dir dazugedacht? Wenn der zweite Stapel größer ist als der erste, hast du weniger ein Leben beneidet als eine Vorstellung, die du selbst gebaut hast. Das macht den Neid nicht falsch. Es macht ihn nur ein bisschen komisch.
Die Gegenrichtung
Man kann das Ganze auch umdrehen, und dann wird es interessanter.
Denn was für dich gilt, gilt für alle anderen auch. Die Ärztin am Klassentreffen sieht bei Sabine ebenfalls nur drei Sätze. Sie sieht nicht die Nächte, die Zweifel, das Konto. Sie sieht jemanden, der ruhig am Tischende sitzt, freundlich zuhört und offenbar nicht nötig hat, sich zu präsentieren. Vielleicht denkt sie auf ihrer eigenen Heimfahrt: Die hat es gut. Die scheint angekommen.
Das heißt: Während du ein Leben mit einer Fassade vergleichst, vergleicht jemand anderes sein Leben mit deiner Fassade. Und verliert genauso.
Es gibt kaum einen Gedanken, der so schnell so viel Druck aus der Sache nimmt. Nicht, weil er tröstet. Sondern weil er das Bild vom Rennen zerstört, in dem man hinten liegt. Es gibt kein Rennen. Es gibt lauter Menschen, die auf die Vorderseiten der anderen schauen und sich mit ihrer eigenen Rückseite vergleichen. Alle gleichzeitig. Alle mit demselben Ergebnis.
Nicht hinter jeder Fassade liegt ein Elend
Nur: Manchmal stimmt die Rechnung eben doch.
Manche Menschen haben tatsächlich mehr Geld, mehr Gesundheit, mehr Glück gehabt. Der Hinweis auf die Fassade darf nicht zur Ausrede werden, hinter jeder gelungenen Vorderseite ein Elend zu vermuten, damit man sich besser fühlt. Das wäre eine andere Art, den Vergleich zu verbiegen. Manche Fassaden haben ein Haus dahinter, das genauso gut aussieht.
Und der Vergleich hat einen Ort, an dem er nützlich ist. Er zeigt, was möglich ist. Wer sieht, dass ein anderer Mensch mit vierzig noch einmal etwas angefangen hat, weiß, dass es geht. Ohne Vergleich gäbe es keine Vorbilder. Es gäbe nur den eigenen Kopf, und der ist ein schlechter Ratgeber in der Frage, was möglich ist.
Das Problem ist nicht der Blick auf die anderen. Das Problem ist, was man mit ihm ausrechnet.
Was dieser Text nicht hinlegt
Er tut so, als wäre der schiefe Vergleich das Hauptproblem. Vielleicht ist er nur das Symptom.
Wer aufhört, sich mit anderen zu vergleichen, braucht einen anderen Maßstab. Und woher soll der kommen? Die meisten Menschen wissen nicht, was ein gutes Leben ist, unabhängig davon, wie die Leben der anderen aussehen. Der Vergleich ist oft die einzige Messlatte, die sie haben. Man kann sie ihnen nicht wegnehmen, ohne etwas anderes hinzulegen, und dieser Text legt nichts hin.
Dazu kommt ein zweifelhafter Trost. Die Idee, dass alle hinter ihrer Fassade ähnlich kämpfen, tut gut, aber ist sie wahr? Es gibt Menschen, denen es einfach besser geht. Die einen leichteren Start hatten, gesünder sind, weniger Angst haben. Den Unterschied mit dem Hinweis auf verborgene Rückseiten zu verkleinern, ist eine Form der Beruhigung, die den tatsächlichen Ungleichheiten nicht gerecht wird.
Und schließlich ist der Vergleich auch ein Motor. Ein großer Teil dessen, was Menschen aufbauen, entsteht, weil sie nicht hinten liegen wollen. Wer den Vergleich abschafft, schafft vielleicht auch den Antrieb ab. Nicht jeder, der sich mit anderen misst, leidet darunter. Manche laufen deshalb schneller, und es gefällt ihnen.
Der erste Einwand ist der, an dem dieser Text tatsächlich vorbeigeht. Er nimmt eine Messlatte weg und legt keine hin. Das lässt sich an dieser Stelle auch nicht beheben, denn eine Messlatte, die man geliefert bekommt, wäre wieder nur eine fremde. Was bleibt, ist kleiner und stimmt trotzdem. Auf der Heimfahrt liegt Sabine hinten, und sie liegt hinten in einer Rechnung, in der auf der einen Seite zwanzig Jahre stehen und auf der anderen drei Sätze. Zwei Dinge, die nicht aus demselben Stoff sind, kann man nebeneinanderlegen. Vergleichen kann man sie nicht.
Und du?
- Welche drei Sätze sagst du über dein Leben, wenn dich jemand fragt? Und was steht in den Sätzen, die du nie sagst?
- Wer könnte sich gerade mit deiner Vorderseite vergleichen und dabei verlieren, ohne dass du es weißt?
Mitnehmen
Wenn dir in dieser Woche ein Leben begegnet, das besser aussieht als deines, versuch einmal, den Satz zu Ende zu denken, den du dabei sonst nicht denkst: Ich kenne davon die Vorderseite. Mehr nicht. Nicht, um dem anderen etwas abzusprechen. Sondern um den Vergleich dort zu lassen, wo er hingehört: bei den Dingen, die man kennt.
Und vielleicht fällt dir dabei noch etwas anderes auf. Dass deine eigene Vorderseite gar nicht überall dieselbe ist. Dass die drei Sätze bei den Eltern anders lauten als im Büro und bei alten Freunden anders als bei neuen, ohne dass du das je entschieden hättest. Es fragt sich nur, wie viel Arbeit darin steckt. Und wer da eigentlich gemeint ist, wenn zwei dieser Kreise an einem Tisch zusammenkommen.


