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Hinsehen · ICH. · Kapitel 18 von 23

Entscheiden, ohne zu wissen

Eine Entscheidung, deren Ausgang du kennst, ist keine. Deshalb fühlt sich jede echte für einen Moment falsch an.

10 Min. Lesezeit

Der Vertrag liegt seit elf Tagen auf dem Küchentisch, unter der Obstschale, damit er nicht so daliegt. Eine Stelle in einer anderen Stadt, ab Januar, deutlich mehr Verantwortung. Antwort bis Freitag.

Elena hat inzwischen mit sieben Menschen darüber gesprochen. Vier finden, sie soll es machen. Zwei raten ab. Einer hat gesagt, das könne nur sie selbst wissen, und sie hat kurz überlegt, ob sie ihm das übelnehmen soll. Sie hat Mieten verglichen, Fahrzeiten ausgerechnet, zweimal alles aufgeschrieben und beide Male ein anderes Ergebnis bekommen, je nachdem, wie der Tag gewesen war.

Gestern Nacht hat sie sich dabei erwischt, wie sie gehofft hat, die Firma möge das Angebot zurückziehen. Dann wäre sie traurig gewesen. Und aus der Sache heraus.

Es gibt Entscheidungen, bei denen Nachdenken irgendwann nicht mehr weiterhilft. Man merkt es daran, dass man trotzdem nicht aufhört.

Bei kleinen Fragen funktioniert das Verfahren, das uns beigebracht wurde: Man sammelt, was man wissen kann, wägt ab, entscheidet. Welche Waschmaschine, welcher Handwerker, welche Versicherung. Dort gibt es tatsächlich eine richtige Antwort, und wer sich Mühe gibt, findet sie meistens.

Bei den großen Fragen versagt dasselbe Verfahren, und zwar nicht, weil wir es schlecht anwenden. Es versagt, weil die Information, auf die es wartet, nicht existiert.

Die Lähmung, die wie Sorgfalt aussieht

Das Warten sieht von außen vernünftig aus, und von innen fühlt es sich sogar gut an.

Noch ein Gespräch. Noch eine Nacht darüber schlafen. Noch einmal die Zahlen, diesmal richtig. Jeder dieser Schritte ist für sich genommen sinnvoll, und deshalb kann man sie beliebig lange aneinanderhängen, ohne sich je leichtfertig vorzukommen. Man tut etwas. Man arbeitet an der Sache. Man hat sogar das Gefühl, der Entscheidung damit gerecht zu werden.

Irgendwann kippt es aber. Ab einem bestimmten Punkt sammelt man nicht mehr Wissen, sondern man sucht Sicherheit, und Sicherheit ist in diesem Gebiet nicht zu haben. Von da an ist die Recherche keine Vorbereitung mehr. Sie ist eine Verschiebung im guten Anzug.

Und die Verschiebung entscheidet mit. Die Frist läuft ab, die Wohnung wird an jemand anderen vermietet, der Mensch fragt kein drittes Mal, die Firma besetzt die Stelle. Danach hat man dasselbe Ergebnis wie bei einem klaren Nein, nur ohne den unangenehmen Teil. Das ist der eigentliche Reiz daran. Eine Entscheidung, die die Uhr getroffen hat, zählt zwar als deine, aber du musst sie nicht unterschreiben. Es gibt keinen Moment, in dem du jemandem in die Augen sagst: Ich will das so.

Was man vorher unmöglich wissen kann

Dahinter liegt ein Unterschied, den man leicht übersieht, weil beides sich anfühlt wie Nichtwissen.

Die erste Sorte lässt sich beseitigen. Was kostet eine Wohnung dort, wie lange fährt man, was steht in Absatz vier, wie geht es dem Unternehmen. Das sind Fragen mit Antworten. Man kann sie recherchieren, und man sollte es tun.

Die zweite Sorte lässt sich nicht beseitigen. Ob du dort im dritten Winter noch gern aufstehst. Ob aus den Kollegen Menschen werden. Ob deine Mutter in vier Jahren Hilfe braucht. Ob du der bleibst, der diese Entscheidung getroffen hat, oder ob du in dem neuen Leben jemand anderes wirst, der das alte nicht mehr versteht. Das ist keine fehlende Information. Das ist eine Information, die auf der anderen Seite der Entscheidung liegt. Man bekommt sie, indem man geht, und auf keinem anderen Weg.

Genau deshalb wird die erste Sorte so gründlich bearbeitet. Sie ist die einzige Arbeit, die überhaupt zur Verfügung steht. Man putzt das Fenster eines Hauses, das man noch nicht gekauft hat, weil Putzen etwas ist, das man kann.

Daraus folgt ein Satz, der unangenehm ist und trotzdem stimmt: Jede große Entscheidung wird mit zu wenig Information getroffen. Nicht aus Nachlässigkeit, sondern von ihrer Bauart her. Hätte man genug, wäre es keine Entscheidung mehr. Es wäre eine Rechnung, und Rechnungen trifft man nicht, man löst sie.

Die erste Hälfte ist meistens schnell benannt. Bei der zweiten lohnt es sich, die Antwort wirklich auszuformulieren, mit den eigenen Worten, bis ein ganzer Satz dasteht. Oft liest er sich dann ungefähr so: ob es gut wird. Und das ist keine Information, die irgendwo hinterlegt wäre. Das ist eine Garantie. Nach Garantien kann man lange suchen, ohne dass jemand einen darauf hinweist, dass man den falschen Laden betreten hat.

Die Suche nach einem Zeichen

Deshalb fangen Menschen in dieser Lage an, nach außen zu sehen.

Man fragt Leute, bis einer sagt, was man hören wollte. Man wartet auf ein Angebot, das die Sache von selbst klärt. Man macht es von einer Kleinigkeit abhängig, die mit der Sache nichts zu tun hat: Wenn die Antwort bis Donnerstag kommt, dann ja. Man hofft, dass jemand krank wird, dass eine Tür zufällt, dass sich etwas ereignet, das an der eigenen Stelle entscheidet. Und wer religiös ist oder es an solchen Abenden für eine Stunde wird, bittet um ein Zeichen.

Es lohnt sich, genau hinzusehen, was da eigentlich gesucht wird. Ein Zeichen macht die Entscheidung nicht besser. Es bringt keine der Informationen mit, die fehlen. Es ändert nichts an der Wohnung, der Stelle, dem Menschen. Was es ändert, ist die Urheberschaft. Wenn es schiefgeht, warst nicht du es.

Das ist der eigentliche Wunsch hinter der Sehnsucht nach dem Zeichen. Nicht Wissen, sondern Entlastung von der Autorschaft. Und man kann es niemandem vorwerfen, denn die Last ist echt. Wer selbst wählt, hat danach niemanden, an den er sich halten kann. Das ist der Preis für alles, was in diesem ganzen Teil als Freiheit beschrieben wurde, und er wird an dieser Stelle fällig.

Der Weg, der sich nie beweisen musste

Und dann gibt es die Rechnung danach. Sie kommt Jahre später, meistens abends, meistens ohne Anlass.

Man vergleicht das Leben, das man hat, mit dem, das man nicht genommen hat. Und dieser Vergleich ist von Anfang an manipuliert, weil die beiden Kandidaten nicht dieselben Bedingungen hatten. Der Weg, den du gegangen bist, hat jeden einzelnen seiner Tage hinter sich. Die verregneten Dienstage, die Kollegin, die es einem schwer gemacht hat, die Grippe im Februar, die Monate, in denen nichts passiert ist. Er hat sich in vollem Umfang beweisen müssen, und er hat dabei Kratzer bekommen wie alles, was tatsächlich stattfindet.

Der andere Weg hat keinen einzigen Tag hinter sich. Er ist nie müde geworden, nie langweilig, nie teurer als gedacht. Er besteht ausschließlich aus dem, was du dir von ihm versprochen hast, und niemand hat ihn je gezwungen, etwas davon einzulösen. Man vergleicht also ein wirkliches Leben mit der besten denkbaren Fassung eines anderen. So ein Vergleich geht nie gut aus, und er geht immer gegen dieselbe Seite aus.

Dazu kommt, dass auch der andere Weg seine eigenen ungelebten Wege gehabt hätte. Wärst du gegangen, gäbe es heute eine Version von dir, die abends an die Stadt denkt, in der sie geblieben wäre, an die Wohnung, den Menschen, das Leben, das dort weitergelaufen wäre. Der Schmerz über das Nichtgewählte gehört nicht zu einer bestimmten Wahl. Er gehört zum Wählen.

Wo Rechnen besser ist als Mut

Gegen all das gibt es einen Einwand, der nicht von den Ängstlichen kommt, sondern von den Genauen, und er hat recht.

Sehr viele Entscheidungen sind durchaus berechenbar, und sie werden es nur deshalb nicht, weil niemand sich die Mühe macht. Wer ohne Rücklagen kündigt, wer den Kreditvertrag nicht zu Ende liest, wer eine Firma gründet, ohne einmal ehrlich durchzurechnen, was passiert, wenn im zweiten Jahr nichts kommt, der hat nicht mutig entschieden. Er hat die Hausaufgaben nicht gemacht und nennt es hinterher Vertrauen ins Leben. Ein Text, der sagt, man wisse es ohnehin nie, kann als Freibrief gelesen werden, und dann richtet er Schaden an.

Ebenso gilt: Noch nicht zu entscheiden ist manchmal die richtige Entscheidung. Es gibt Lagen, die noch in Bewegung sind, in denen sich in zwei Monaten etwas klärt, das heute alles verändert. Abwarten ist nicht immer Lähmung. Manchmal ist es das Einzige, was der Sache gerecht wird.

Und die Reue gehört verteidigt. Sie hat eine Aufgabe. Sie ist die Art, wie wir lernen. Wer sich jedes Mal versichert, der andere Weg wäre auch nicht besser gewesen, schützt sich vor einer Auskunft, die er brauchen könnte. Es gibt Entscheidungen, die tatsächlich falsch waren, aus Bequemlichkeit, aus Feigheit, aus Eitelkeit. Wer die nachträglich weichzeichnet, wiederholt sie.

In der Küche liegt der Vertrag immer noch unter der Obstschale, und nichts von alldem sagt Elena, was sie tun soll. Was sich prüfen lässt, ist auch nicht die Zukunft. Es ist die Art des Wartens. Ob da noch etwas kommt, das sie wirklich wissen kann, oder ob sie darauf wartet, dass ihr jemand die Unterschrift abnimmt. Das Erste ist Sorgfalt. Das Zweite ist die Hoffnung, an einer Entscheidung vorbeizukommen, die ohnehin ihre ist.

Und du?

  • Welche Entscheidung in deinem Leben hat am Ende die Zeit getroffen, weil du sie nicht getroffen hast? Und würdest du sie heute genauso treffen?
  • Wenn du an den Weg denkst, den du nicht gegangen bist: Welche schlechten Tage hat er in deiner Vorstellung eigentlich nie gehabt?
  • Wessen Zustimmung suchst du gerade, bevor du etwas entscheidest, das nur dich betrifft?

Mitnehmen

Wenn dir das nächste Mal einfällt, was aus dir geworden wäre, halte den Gedanken kurz an und prüfe nur eine Sache an ihm: wie viele Tage dieses andere Leben in deiner Vorstellung schon hinter sich hat. Meistens keinen einzigen. Das nimmt dem Gedanken nicht das Gewicht, aber es bringt die beiden Seiten auf dieselbe Waage.

Und manchmal führt er woandershin. Nicht jede Entscheidung, die anders hätte ausgehen können, betraf nur dich. Bei manchen hat jemand anderes dafür bezahlt, dass du gewählt hast, wie du gewählt hast. Bei anderen hat überhaupt niemand bezahlt, weil nie etwas passiert ist. Das sieht aus wie der günstigste Fall von allen, und es ist der einzige, der nie auffällt.