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Hinsehen · ICH. · Kapitel 17 von 23

Kein Platz für das, was du bist

Die Frage ist nicht, ob du deinen Platz findest. Sie ist, ob es für das, was du tatsächlich kannst, gerade irgendwo Verwendung gibt.

9 Min. Lesezeit

Das Fest im Hof ist halb vorbei, als eine der Frauen aufsteht und in die Küche geht. Die Tür fällt hinter ihr zu.

Milan nimmt zwei Gläser Wasser mit, geht hinterher und setzt sich auf den zweiten Stuhl am Küchentisch. Er sagt kaum etwas. Er fragt auch nichts. Nach zwanzig Minuten kommen beide zurück, und sie isst noch ein Stück Kuchen.

Am Tisch draußen hat niemand etwas bemerkt.

Am Montag pflegt Milan wieder Listen mit Lieferterminen. In elf Jahren hat ihn dort nie jemand gefragt, ob er das kann, was in dieser Küche passiert ist. Es steht auch nirgends geschrieben, dass es so etwas gibt.

Es gibt ein Gefühl, für das die Sprache schlecht ausgerüstet ist.

Es ist nicht Unzufriedenheit, dafür ist es zu ruhig. Es ist auch nicht Langeweile, denn man hat genug zu tun. Es ist eher der Eindruck, dass das meiste von dem, was man ist, an keiner Stelle dieses Lebens abgerufen wird. Man funktioniert. Man ist verlässlich. Und man hat gleichzeitig den Verdacht, dass man gegen jemanden mit denselben Aufgaben austauschbar wäre, ohne dass irgendjemand eine Veränderung bemerken würde.

Wer das beschreibt, landet meistens bei dem Satz, er habe seinen Platz noch nicht gefunden. Der Satz ist beruhigend gebaut. Er legt nahe, dass es einen gibt und dass die Suche nur noch nicht weit genug war.

Was niemand ausschreibt

Eine Gesellschaft ordnet das, was gebraucht wird, in Stellen. Und Stellen bestehen aus Beschreibungen, also aus Wörtern.

Diese Beschreibungen sind erstaunlich kurz gegen das, was Menschen tatsächlich sind. Sie erfassen, was sich prüfen und bezahlen lässt. Alles andere kommt entweder gar nicht vor oder als Füllwort am Ende, das niemand liest.

Dabei gibt es eine ganze Reihe von Fähigkeiten, die kein Wort haben und für die es deshalb auch keine Zeile gibt. In einen Raum gehen können, ohne dass es schlimmer wird. Etwas so erklären, dass der andere sich dabei nicht dumm vorkommt. Wochenlang Geduld mit jemandem haben, der langsam ist. Spüren, dass an einer Sache etwas nicht stimmt, lange bevor man es belegen kann. Eine langweilige Arbeit über Jahre ordentlich machen, weil sonst an anderer Stelle etwas kaputtgeht. Zuhören, ohne gleich einen Rat zu haben.

Wer so etwas gut kann, merkt schnell, dass es fast nur in Lagen vorkommt, in denen niemand zählt. Es taucht in keinem Zeugnis auf. Es lässt sich auch nicht gut erzählen, denn eine Geschichte darüber klingt nach nichts. Zwanzig Minuten in einer Küche gesessen. Zwei Gläser Wasser.

Dazu kommt etwas Unangenehmeres. Nicht jede Fähigkeit hat in ihrer eigenen Zeit eine Verwendung. Es gab Jahrhunderte, in denen jemand, der sich nach den Sternen orientieren konnte, unentbehrlich war, und es gibt Jahrzehnte, in denen dieselbe Begabung ein Hobby ist. Zwischen dem, was Menschen können, und dem, was gerade gefragt ist, besteht kein Naturzusammenhang. Die beiden treffen sich, oder sie treffen sich nicht.

Wofür es gerade Verwendung gibt

Damit verschiebt sich die Frage, und zwar an eine Stelle, an der sie ungewohnt klingt.

Die übliche Frage lautet: Was will ich werden, oder, etwas später im Leben, was ist eigentlich aus mir geworden. Beide Fassungen richten sich nach innen und verlangen vom Menschen eine Auskunft über sich selbst. Die genauere Frage richtet sich nach außen: Gibt es hier, an diesem Ort, in diesen Jahren, Verwendung für das, was ich bin?

Denn Gebrauchtwerden ist keine Eigenschaft einer Person. Es ist ein Verhältnis zwischen zwei Seiten. Ein Werkzeug ist nicht an sich nützlich, sondern für etwas. Das klingt kalt, nimmt aber etwas weg, das viele mit sich herumtragen: die Selbstverständlichkeit, mit der man aus dem eigenen Überflüssigsein auf einen eigenen Mangel schließt.

Ich weiß nicht, wie man von innen unterscheidet, ob an einem Ort wirklich kein Platz ist oder ob man ihn nur noch nicht gefunden hat. Ich glaube auch nicht, dass jemand von außen es kann, so gern wir das hätten.

Vielleicht fällt dir etwas ein, das in keinem Lebenslauf steht und von dem du trotzdem ziemlich sicher weißt, dass es stimmt. Und vielleicht kommt dir im selben Atemzug ein Grund, warum das nichts wert sei. Der Grund kommt fast immer mit. Er ist selten deiner. Meistens ist es der Maßstab des Ortes, an dem du gerade stehst, und der Ort hat nun einmal ein Interesse daran, nur das für wertvoll zu halten, was er selbst braucht.

Ein Ort kann wirklich zu klein sein

Hier fängt die Stelle an, an der man ehrlich sein muss, und zwar in beide Richtungen.

Die erste Richtung: Manche Orte haben wirklich keinen Platz. Ein Tal, in dem es einen großen Betrieb gibt und sonst wenig. Eine Familie, in der genau eine Art von Leben als Leben zählt und alles andere als Phase behandelt wird, auch bei Fünfzigjährigen. Eine Branche, die sich so umgebaut hat, dass sie das, worin jemand zwanzig Jahre lang gut geworden ist, nicht mehr abfragt. Eine Firma, in der ein einzelner Mensch entscheidet, was gesehen wird, und der bleibt noch zwölf Jahre.

In solchen Fällen ist Weggehen keine Flucht. Es ist eine Antwort. Und es lohnt sich zu bemerken, wer meistens das Gegenteil behauptet. Der Verdacht gegen das Weggehen wird auffallend oft von denen ausgesprochen, für die es besser wäre, wenn man bliebe. Das macht ihre Sorge nicht unecht. Es macht sie nur zu einer Auskunft über sie und nicht über dich.

Ehrlich ist aber auch: Weggehen kostet, und die Rechnung kommt nicht sofort. Sie kommt bei denen an, die nicht mitkommen. Bei den Eltern, die älter werden, bei den Freundschaften, die auf gemeinsame Nachmittage angewiesen waren, bei einem Menschen, der seinen eigenen Ort dafür aufgibt. Wer sagt, das sei der Preis der Freiheit, hat den Preis nicht ausgerechnet, sondern nur benannt.

Manchmal reist das Gefühl mit

Und jetzt die andere Richtung, die unangenehmer ist.

Manchmal liegt es nicht am Ort. Jemand zieht weg, und die ersten Monate sind großartig, weil alles anders ist. Im zweiten Jahr ist das Anderssein aufgebraucht, und die Abende sehen aus wie die Abende vorher. Nach vier Jahren steht derselbe Mensch in einer anderen Stadt am Fenster und stellt fest, dass hier auch niemand nach ihm fragt. Dann folgt eine dritte Stadt, und die Erklärung heißt wieder: falscher Ort.

Wer das zum dritten Mal feststellt, hat ein Muster, und ein Muster ist eher eine Auskunft über den Menschen als über die Landkarte. Es kann gute Gründe dafür geben, und keiner davon ist ein Vorwurf. Es kann sein, dass jemand nirgends lange genug bleibt, bis er gebraucht wird, denn Gebrauchtwerden hat eine Anlaufzeit. Es kann sein, dass er auf eine Einladung wartet, die nirgends von selbst kommt. Es kann auch sein, dass das Gefühl gar nichts mit Orten zu tun hat, sondern mit einer alten Überzeugung darüber, wie viel man wert ist, und die zieht zuverlässig mit um.

Dazu kommt ein zweiter Einwand, der das ganze Kapitel von der Seite trifft. Die Forderung, dass das, was man ist, irgendwo verwendet werden müsse, ist selbst ein sehr wirtschaftlicher Satz. Er setzt voraus, dass eine Eigenschaft sich lohnen muss, um zu zählen. Ein Mensch, der in Küchen gut ist, braucht dafür keine Stelle. Vielleicht ist der Fehler nicht, dass niemand danach fragt, sondern die Erwartung, dass die eigenen besten Eigenschaften auch die bezahlten sein sollten.

Ich glaube, das ist die Stelle, an der ein Text wie dieser aufhören muss zu behaupten. Man kann von außen nicht sagen, welcher der beiden Fälle deiner ist, und die beiden fühlen sich von innen fast gleich an.

Von innen lässt sich trotzdem etwas nachsehen, nur nicht das, was man erwartet. Nicht, ob der Ort der richtige ist. Sondern was du dort versucht hast, bevor du ihn abgeschrieben hast. Wen hast du gefragt. Was hast du angeboten, ohne dass es ausgeschrieben war. Wie lange hast du gewartet.

Wer darauf drei leere Antworten hat, hat noch keinen Ort geprüft. Er hat einen bewohnt.

Was man sagen kann, ist kleiner. In der Küche hat Milan nicht gewartet, bis ihn jemand fragt. Er hat zwei Gläser Wasser genommen und sich hingesetzt. Dass es dafür keine Stelle gibt, stimmt. Dass es dafür keine Verwendung gibt, stimmt nicht. Der Unterschied zwischen diesen beiden Sätzen ist ungefähr der ganze Unterschied zwischen einem Leben, in dem man auf einen Platz wartet, und einem, in dem man ihn besetzt, bevor er ausgeschrieben ist.

Und du?

  • Gibt es in deiner Nähe jemanden, der genau das braucht, was du gut kannst? Und weiß dieser Mensch davon?
  • Wenn du das Gefühl kennst, nicht gebraucht zu werden: Ist es mit dir umgezogen, oder ist es an einem bestimmten Ort geblieben?

Mitnehmen

Wenn dir das nächste Mal etwas auffällig leicht von der Hand geht und du es gleich darauf wegwischst, halt kurz an. Was man leicht kann, hält man für selbstverständlich, und was man für selbstverständlich hält, zählt man nicht mit. Die meisten Menschen kennen ihre eigenen Stärken vor allem als das, was sie an anderen bewundern.

Und wenn du dabei merkst, dass du am falschen Ort stehst, kommt gleich hinterher die unbequemste Frage von allen. Nämlich ob du gehst. Du wirst sie beantworten müssen, ohne zu wissen, was an dem anderen Ort auf dich wartet. Eine Auskunft darüber gibt es nicht. Es hat auch nie eine gegeben.