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Hinsehen · ICH. · Kapitel 20 von 23

Was aus einem Fehler wird

Jeder macht Fehler stimmt und beendet meistens das Gespräch, statt es anzufangen. Über den Unterschied zwischen einem Ereignis und einer Gewohnheit.

6 Min. Lesezeit

Ein Anruf am Donnerstag. Eine Lieferung, die seit zwei Wochen falsch geplant war, und die Halle steht.

Er sagt: Ja, ist mir durchgerutscht. Kann passieren, ich bin auch nur ein Mensch.

Der andere sagt nichts mehr dazu. Was sollte er auch sagen. Es stimmt ja.

Aufgelegt wird freundlich. Die Lieferung ist weiter falsch, und beim nächsten Mal wird derselbe Satz kommen, weil er diesmal funktioniert hat.

Kaum ein Satz ist so wahr und so brauchbar für so verschiedene Zwecke.

Ein Satz mit zwei Verwendungen

Über einen anderen gesagt, ist er großzügig. Er nimmt einem Menschen die Last, dass ein einzelner Vorgang jetzt etwas über ihn aussagt. Wer ihn in diesem Sinn benutzt, macht jemandem ein Geschenk.

Über sich selbst gesagt, ist er fast immer etwas anderes. Er stimmt, und er erledigt. Nach diesem Satz ist niemand mehr zuständig, denn wenn es allen passiert, ist es niemandes Sache.

Unterscheiden lassen sich die beiden Verwendungen an dem, was danach kommt. Folgt eine Frage, woran es lag und was jetzt zu tun ist, war es ein Eingeständnis. Folgt nichts, war es ein Abschluss.

Ereignis oder Gewohnheit

Dem Satz fehlt eine Grenze, und ohne sie wird er zum Freibrief.

Ein Fehler ist ein Ereignis. Er hat ein Datum, einen Umfang und ein Ende.

Wer denselben zum siebten Mal macht, hat kein Ereignis mehr. Er hat eine Gewohnheit. Und die Entschuldigung, die beim ersten Mal angemessen war, ist beim siebten eine Zumutung, weil sie etwas behandelt, als wäre es überraschend gekommen.

Das ist keine Härte, sondern die einzige Unterscheidung, die verhindert, dass aus Nachsicht ein Dauerzustand wird. Sie schützt übrigens beide Seiten. Auch wer immer entschuldigt wird, verliert dabei etwas: Ihm wird irgendwann nichts mehr zugetraut, und niemand sagt ihm, ab wann.

Der Unterschied, den fast alle verwechseln

Nicht alles, was hinterher als Fehler gilt, war einer.

Es gibt Entscheidungen, die mit dem damaligen Wissen richtig waren und schlecht ausgegangen sind. Und es gibt Entscheidungen, die falsch waren und gut ausgegangen sind. Das Ergebnis sagt über die Entscheidung weniger, als fast alle annehmen.

Wer beides gleichsetzt, lernt zuverlässig das Falsche. Er zieht aus einem schlechten Ausgang eine Regel, die ihm beim nächsten Mal schadet, und aus einem guten eine Bestätigung, die er nicht verdient hat.

Die brauchbare Frage lautet deshalb nicht, ob es gut ausgegangen ist. Sie lautet: Würde ich es mit dem, was ich damals wusste, wieder so machen?

Daraus folgt etwas, das im Alltag mehr anrichtet als jeder einzelne Schaden: Die Fehler, die gut ausgegangen sind, werden nie untersucht.

Niemand setzt sich hin und fragt, warum die Lieferung diesmal geklappt hat, obwohl sie niemand geprüft hatte. Es hat ja geklappt. Also bleibt der Ablauf, wie er ist, und die Sache geht so lange gut, bis sie es nicht mehr tut, und dann wird der Tag untersucht, an dem es schiefging, statt der Jahre davor.

Bei Menschen läuft es genauso. Wer sich zehn Jahre lang knapp vor der Abfahrt auf den Weg macht und nie zu spät kommt, hält sich nicht für knapp, sondern für pünktlich. Die Reserve war die ganze Zeit weg, nur hat es nie jemand vorgeführt.

Deshalb ist die härtere Frage nicht die nach den Fehlern. Sie lautet: Was ist zuletzt gut gegangen, ohne dass es an mir lag?

Bei den meisten Menschen fällt die zweite Antwort kürzer aus als die erste. Das Eingeständnis fühlt sich bereits wie die Erledigung an, und dieses Gefühl täuscht: Es entsteht nicht durch die Reparatur, sondern durch das Aussprechen.

Was aus einem Fehler tatsächlich etwas macht

Nicht die Reue. Sie ist ein Zustand und hat nie jemanden weitergebracht.

Was einen Unterschied macht, ist die Rekonstruktion. An welcher Stelle war es noch offen? Welche Information lag vor und wurde übergangen? Welcher Moment war der letzte, in dem eine andere Entscheidung nichts gekostet hätte?

Das ist Arbeit, sie dauert zwanzig Minuten, und die wenigsten machen sie, weil das Gefühl nach dem Eingeständnis schon nach Abschluss schmeckt.

Und man braucht dafür meistens jemanden. Die eigenen Gründe sind schlecht zugänglich, man erinnert sich vor allem an die Fassung, die man sich zurechtgelegt hat. Wer selten Widerspruch bekommt, hält sich deshalb ziemlich sicher für jemanden, der wenig falsch macht.

Woran Reife zu erkennen ist

Nicht daran, dass jemand weniger Fehler macht. Das tut er ohnehin nur in Gebieten, die er schon kennt.

Erkennbar ist sie an der Strecke zwischen dem Fehler und dem Eingeständnis. Bei manchen sind das Wochen, manchmal Jahre, manchmal nie. Bei anderen sind es Stunden. Nicht weil diese tapferer wären, sondern weil sie die Rechnung kennen: Was in der ersten Stunde ein Satz ist, ist in der dritten Woche eine Geschichte, an der zwei Menschen festhalten.

Wer reifer wird, macht deshalb nicht weniger Fehler. Er macht andere, weil er sich an Stellen bewegt, an denen er noch nichts kann.

Wo der Satz vom Reifen aufhört zu gelten

Und dann die Grenze, die dieser schöne Gedanke braucht.

Es gibt Fehler, die einem anderen Menschen dauerhaft geschadet haben. Wer die in seine Entwicklungsgeschichte einbaut, nimmt dem Geschädigten das Ereignis weg und macht daraus eine Station der eigenen Biografie. Ich bin daran gewachsen ist an dieser Stelle kein Fortschritt. Es ist eine Enteignung.

Für solche Sachen gilt der Satz vom Reifungsprozess nicht, jedenfalls nicht zuerst. Nicht, weil ein Mensch sich nicht ändern dürfte, sondern weil die Reihenfolge stimmen muss. Erst die Sache, dann die Erzählung. Wer bei der Erzählung anfängt, hat die Sache übersprungen und merkt es nicht, weil sich beides gleich gut anfühlt.

Und du?

  • Welchen Fehler machst du zum wiederholten Mal, und wie oft hast du dich dafür schon entschuldigt?
  • Welche deiner Entscheidungen hältst du für falsch, nur weil sie schlecht ausgegangen ist?
  • Wer in deinem Umfeld sagt dir, wenn du danebenliegst? Und wann hat er es zuletzt getan?

Mitnehmen

Nimm einen Fehler, der ein paar Wochen alt ist, und geh ihn rückwärts durch bis zu der Stelle, an der es noch offen war. Meistens liegt sie früher, als man denkt, und meistens gab es dort bereits einen Hinweis, den jemand gegeben hat.

Das ist der ganze Unterschied zwischen einem Fehler, aus dem etwas wird, und einem, der nur bedauert wurde.

Und wenn du dabei merkst, dass du mit dir selbst härter umgehst als nötig, steht dahinter eine eigene Frage. Es gibt Menschen, die sich für alles verantwortlich fühlen und trotzdem nichts in Ordnung bringen, weil die ganze Kraft in die Selbstbeschuldigung geht.