Hinsehen · ICH. · Kapitel 21 von 23
Sich selbst verzeihen
Manches ist nicht wiedergutzumachen, und du musst trotzdem weiterleben. Das eine hebt das andere nicht auf.

Der Brief liegt zwischen zwei Büchern im Regal, gefaltet, an den Kanten inzwischen weich. Geschrieben hat er ihn vor vier Jahren, an einem Abend, in einem Zug, ohne abzusetzen. Abgeschickt hat er damals eine kürzere Fassung.
Die Antwort kam nach elf Tagen und war freundlich. Es sei lange her. Sie denke kaum noch daran. Er solle sich das nicht weiter zu Herzen nehmen. Er hat auch diese Karte aufgehoben, sie liegt im selben Buch.
Trotzdem nimmt er alle paar Monate den langen Brief heraus, den niemand außer ihm je gelesen hat. Er liest ihn nicht mehr ganz, er kennt ihn. Dann faltet er ihn wieder und stellt die Bücher gerade.
Auf diesem Weg standest du bisher fast immer auf derselben Seite. Die Sätze, die man dir mitgegeben hat. Das Urteil, das dich getroffen hat. Der Vergleich, die Angst, die Ziele, die dir jemand in die Hand gedrückt hat. Es ging um das, was mit dir gemacht wurde.
Es gibt aber eine zweite Akte, und darin steht nicht, was dir widerfahren ist.
Bei den meisten Menschen liegen darin keine Verbrechen. Ein Satz, den man in einer schlechten Minute gesagt hat und der bei jemandem hängen geblieben ist. Ein Mensch, den man hat fallen lassen, weil es einfacher war, als das Gespräch zu führen. Eine Lüge, die gehalten hat. Jahre, in denen man körperlich anwesend war und sonst nichts. Ein Kind, das sich an einen Erwachsenen erinnert, der ständig müde war. Eine Freundschaft, die man hat auslaufen lassen, ohne sie zu beenden, weil das Auslaufen keine Unterschrift verlangt.
Für diese Akte gibt es zwei Türen, und beide sind bequemer, als sie aussehen.
Zwei Arten, sich zu entziehen
Die erste heißt erklären.
Ich war überfordert. Ich hatte selbst kaum Luft. Der andere hatte seinen Anteil, und zwar einen erheblichen. So war die Zeit, so war die Familie, so haben es alle gemacht. Das Merkwürdige an diesen Sätzen ist, dass sie meistens stimmen. Genau deshalb funktionieren sie so gut. Eine Erklärung ist keine Lüge. Sie ist eine wahre Auskunft an der falschen Stelle. Sie beantwortet die Frage, wie es dazu kam, und schiebt sich dann vor die andere Frage, die niemand gestellt hat und die trotzdem offen ist: Was hat es bei dem anderen angerichtet.
Die zweite Tür heißt sich fertigmachen, und sie sieht wie das Gegenteil aus.
Man nimmt die Sache sehr ernst. Man kommt nachts darauf zurück. Man führt den Prozess immer wieder von vorn und verliert ihn jedes Mal. Von außen wirkt das wie Gewissen in seiner strengsten Form. Aber sieh dir an, wovon dabei die Rede ist. Es ist die ganze Zeit von dir die Rede. Wie schlecht du bist, was für ein Mensch das war, was das über dich sagt. Der andere, um den es angeblich geht, kommt in dieser Beschäftigung höchstens als Kulisse vor. Er verschwindet zum zweiten Mal.
Beide Türen führen aus demselben Raum hinaus. Die eine über die Umstände, die andere über das Selbstbild. Was in dem Raum bleibt, ist unberührt.
Was Selbstbestrafung erledigt
Dass die zweite Tür so beliebt ist, hat Gründe, und sie sind es wert, ausgesprochen zu werden.
Leiden fühlt sich an wie Bezahlen. Es gibt in uns eine Art innere Buchführung, die jede Untat als offenen Posten führt und nach einer Gegenbuchung verlangt. Schlechtes Gewissen, schlaflose Nächte, jahrelange Unruhe: Das sieht nach einer Zahlung aus, und nach einer erheblichen. Nur bekommt sie niemand. Auf dem Konto des Menschen, dem etwas angetan wurde, kommt davon kein Cent an. Die Bilanz gleicht sich ausschließlich innen aus.
Dazu kommt ein Vorteil, den man ungern zugibt. Selbstbestrafung liegt vollständig in der eigenen Hand. Eine Entschuldigung kann abgelehnt werden. Man kann vor jemandem stehen und hören, dass es zu spät ist, dass es nichts ändert, dass er es nicht annimmt. Das ist eine Demütigung, und man überlebt sie nicht so leicht, wie es in Ratgebern klingt. Der eigene Vorwurf dagegen wird immer angenommen, weil man auf beiden Seiten sitzt. Wir wählen also zuverlässig die Währung, die der andere nicht zurückweisen kann.
Und es gibt einen dritten Grund, den leisesten. Solange der Fall offen ist, ist er nicht vorbei. Wer aufhört, sich zu bestrafen, hat das Gefühl, damit auch die Verbindung zu kappen. Als wäre der Vorwurf das Letzte, was einen noch mit dem Menschen verbindet, dem man wehgetan hat. Bei Toten ist das besonders deutlich. Da ist die Schuld manchmal das einzige Band, das noch hält, und man lässt es nicht los, weil danach nichts mehr wäre.
Bei manchen Dingen wäre es das. Dann war das, was man getragen hat, Schuld mit einer Adresse, und sie lässt sich dort auch abgeben. Bei anderen Dingen wäre es nicht in Ordnung, und das ist die interessantere Antwort. Sie zeigt, dass das, was man mit sich herumträgt, gar nicht auf die Tat zeigt, sondern auf das, was die Tat angeblich bewiesen hat. Die Vergebung eines anderen erreicht diese Stelle nicht. Sie beantwortet eine Frage, die man nicht gestellt hat.
Wer verzeiht hier wem
Schon die Wortstellung ist seltsam. Verzeihen braucht normalerweise zwei. Einer hat etwas getan, einer hat etwas abbekommen, und der zweite entscheidet. Beim Sich-selbst-Verzeihen fallen beide Rollen in einer Person zusammen, und der, um den es geht, sitzt nicht am Tisch. Das klingt nach einem Angeklagten, der sich in einem leeren Saal freispricht, und dieser Verdacht ist berechtigt.
Vielleicht ist es aber gar kein Urteil. Vielleicht ist es eine viel kleinere Bewegung: aufzuhören, ausschließlich der Fall zu sein. Das Wissen bleibt. Die Tat bleibt, was sie war, und sie wird nicht umgedeutet. Was aufhört, ist die Dauerverhandlung, in der ein Mensch nur noch als sein schlimmster Tag vorkommt.
Der Satz, der dabei trägt, ist nicht: So schlimm war es nicht. Der Satz ist: Es war so schlimm, und ich bin nicht nur das. Zwischen den beiden Hälften liegt der schmale Weg. Wer die erste Hälfte streicht, redet sich heraus. Wer die zweite streicht, macht sich fertig. Beides ist leichter, als beide stehen zu lassen, weil beide zusammen sich widersprechen und sich trotzdem nicht ausschließen.
Was offen bleiben muss
Und dann gibt es die Stelle, an der auch das nicht mehr weiterhilft.
Manches ist nicht wiedergutzumachen. Nicht, weil man sich nicht genug bemüht, sondern weil der Schaden aus Zeit bestand. Jahre, in denen ein Kind jemanden gebraucht hätte. Ein Mensch, der gestorben ist, bevor etwas gesagt wurde. Eine Beziehung, die kaputtgegangen ist und deren Reste auch dann nicht zurückkommen, wenn alle Beteiligten wollten. Es gibt keine Handlung, die das aufhebt, und jeder, der das Gegenteil verspricht, verkauft etwas.
Die meisten Tröstungen funktionieren, indem sie eine der beiden Hälften entfernen. Die eine sagt: Du konntest nicht anders, es war nicht deine Schuld. Damit fällt die Tat weg. Die andere sagt: Du musst es hinter dir lassen, das Leben geht weiter. Damit fällt der Schaden weg. Beide fühlen sich für einen Nachmittag besser an und halten nicht.
Ich glaube, dass die ehrliche Stelle diejenige ist, an der beides stehen bleibt. Es ist nicht wiedergutzumachen, und du lebst weiter. Ich weiß nicht, wie man das aushält, und ich misstraue allen Sätzen, die es leicht klingen lassen. Was ich sehen kann, ist nur, dass das eine das andere nicht aufhebt, so sehr man sich das auch wünscht.
Was bleibt, ist dann keine Lösung, sondern eine Richtung. Wer etwas nicht zurückgeben kann, kann es weitergeben, an andere, an die, die noch da sind. Das ist keine Verrechnung, und es macht nichts wett. Aber es ist der einzige Ort, an dem sich aus einer Sache, die feststeht, noch etwas bewegen lässt.
Der Einwand derer, die es abbekommen haben
Es gibt gegen dieses ganze Kapitel einen Einwand, und er wiegt schwerer als alles, was hier steht, weil er von der anderen Seite des Tisches kommt.
Selbstvergebung ist verdächtig praktisch. Menschen haben zu allen Zeiten Frieden mit sich geschlossen, während die, denen sie geschadet haben, nichts bekommen haben. Für einen Menschen, dem etwas angetan wurde, ist die Vorstellung, dass der andere inzwischen an sich gearbeitet hat und milder mit sich geworden ist, keine gute Nachricht. Sie kann wie Hohn wirken. Und sie ist es manchmal auch.
Dazu kommt: Ein schlechtes Gewissen macht vorsichtig. Wer mit sich im Reinen ist, ist für seine Umgebung nicht automatisch angenehmer. Es gibt Taten, bei denen ein langes, unruhiges Gewissen die angemessene Antwort ist, und der Wunsch, es zu beruhigen, ist dann der erste Schritt zur Wiederholung.
Und dieser Text wählt eine Seite. Er sieht die Sache von innen, aus der Perspektive dessen, der es getan hat. Das ist eine Entscheidung, keine Neutralität, und sie hat einen blinden Fleck, der genau dort liegt, wo der andere steht.
Der Einwand lässt sich auch nicht dadurch entkräften, dass man ihn ernst nimmt. Er bleibt stehen. Was sich unterscheiden lässt, ist nur, wozu ein Mensch seine Schuld benutzt. Es gibt ein Herausnehmen des Briefes, das nichts bewirkt, außer einen Zustand herzustellen: einen Abend, an dem man sich schlecht fühlt und sich danach ein Stück besser kennt. Und es gibt eines, das an die Menschen erinnert, die noch erreichbar sind. Im Regal sieht beides gleich aus. Es sind zwei völlig verschiedene Vorgänge. Die Karte, die im selben Buch liegt, entscheidet über keinen von beiden.
Und du?
- Wofür bestrafst du dich seit Jahren, ohne dass irgendjemand außer dir davon etwas hat?
- Wenn du an die Sache denkst, die du nicht mehr ändern kannst: Woran würdest du merken, dass du sie trägst, statt von ihr getragen zu werden?
Mitnehmen
Wenn du das nächste Mal in dieser inneren Verhandlung sitzt, frag ausnahmsweise nicht, ob das Urteil gerecht ist. Frag, wer da eigentlich spricht. Nach welchem Maß wird dort gemessen, und wo kommt dieses Maß her.
Es ist gut möglich, dass du an dich einen Maßstab anlegst, den du bei keinem Menschen anwenden würdest, den du magst. Und wenn du fragst, woher dieser Maßstab stammt, führt eine Spur an eine Stelle, die völlig unauffällig ist: dorthin, wie oft du in deinem Leben nachgegeben hast, ohne dass es irgendjemandem aufgefallen wäre. Dir selbst zuletzt.


