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Hinsehen · WIR. · Kapitel 1 von 17

Der stille Wettbewerb

Niemand hat diesen Wettbewerb ausgerufen. Trotzdem stehen wir alle an der Startlinie.

9 Min. Lesezeit

In der Lücke neben deinem Platz auf dem Firmenparkplatz steht ein Wagen, den du noch nie gesehen hast. Neu, dunkel, die Scheiben noch ohne Staub. Die Fahrertür geht auf, und es ist der Kollege aus dem Nachbarbüro, der, mit dem du sonst über Kaffee und Wetter redest.

Ihr grüßt euch. Ihr geht nebeneinander zum Eingang. Er sagt nichts zu dem Auto, und du sagst auch nichts.

Bis zur Tür sind es vierzig Schritte. Als du drinnen bist, weißt du bereits, was er ungefähr verdient, was das über die letzte Gehaltsrunde sagt und wo du damit stehst. Du hast das nicht gedacht. Du hast es nur gewusst.

Es gibt einen Wettbewerb, an dem fast alle teilnehmen und den niemand ausgerufen hat.

Er hat keinen Startschuss, keine Bahn und keine Ziellinie. Es gibt keine Anmeldung, keine Regeln, keine Rangliste, die jemand aushängt. Und doch weiß jeder, der ein Zimmer betritt, nach kurzer Zeit erstaunlich genau, wo er in diesem Zimmer steht.

Wir ordnen ein. Ständig, in Sekunden und ohne Absicht.

Bis hierher ging es um dich. Um das Maß, das du benutzt, und um die Zeit, die du dafür gibst. Aber sobald du die Wohnung verlässt, bist du nicht mehr allein mit deinem Maß. Da stehen andere. Und mit jedem, der dazukommt, beginnt im Kopf etwas zu rechnen, das du nie eingeschaltet hast.

Die Sekunde vor dem Hallo

Fast jeder kennt den Moment, in dem eine Einordnung fertig ist, bevor das Gespräch angefangen hat.

Ein Klassentreffen, zwanzig Jahre danach. Man betritt den Raum, und noch bevor man jemanden umarmt hat, ist der Blick einmal über alle gegangen. Wer hat abgenommen, wer zugenommen. Wer sieht müde aus, wer sieht aus, als wäre das Leben gut zu ihm gewesen. Wer kommt in Begleitung, wer allein. Man hat sich nicht vorgenommen, das zu prüfen. Es ist einfach geschehen, wie das Einatmen.

Und dann kommt die Frage, die auf jedem Klassentreffen dieselbe ist und jedes Mal so klingt, als wäre sie Höflichkeit: „Und was machst du so?“

Die Frage will keine Antwort. Sie will eine Koordinate.

Das Erstaunliche ist nicht, dass wir das tun. Das Erstaunliche ist, wie wenig wir davon merken. Kaum jemand würde von sich sagen, dass er andere Menschen einordnet. Die meisten würden sagen, dass sie sich für Menschen interessieren. Beides stimmt. Nur läuft das eine leise unter dem anderen mit.

Warum der Kopf sortiert, bevor du fragst

Warum tun wir das, wenn wir es nicht wollen?

Ein Grund ist alt. Menschen haben sehr lange in kleinen Gruppen gelebt, in denen es überlebenswichtig war zu wissen, wer das Sagen hat, wer gefährlich ist und wer einem beisteht. Wer das nicht schnell erkannte, hatte ein Problem. Der Blick, der heute über ein Klassentreffen geht, ist wahrscheinlich ein Nachfahre dieses Blicks. Er sucht keine Feinde mehr. Aber er sucht noch immer die Ordnung.

Ein zweiter Grund ist, dass Status nicht in uns liegt, sondern zwischen uns. Niemand ist für sich allein erfolgreich, schön, klug oder wohlhabend. Man ist es im Vergleich. Ein Gehalt ist nur eine Zahl, bis man das Gehalt des Kollegen kennt. Ein Auto ist nur ein Auto, bis es neben deinem steht. Weil Status ein Verhältnis ist, kann man ihn gar nicht feststellen, ohne andere zu messen. Der Vergleich ist kein Fehler im System. Er ist das System.

Und ein dritter Grund: Die Einordnung gibt Sicherheit. Wer weiß, wo er steht, weiß, wie er sich verhalten soll. Wem er zuhören muss, wem er widersprechen darf, bei wem ein Witz riskant ist. Ein Raum ohne Ordnung ist anstrengend. Ein Raum mit Ordnung ist es auch, aber auf eine vertraute Weise.

Das alles erklärt, warum die Rechnung läuft. Es erklärt nicht, warum wir sie nie anschauen.

Ein Rennen ohne Ziellinie

Was macht das mit uns, wenn wir es nie bemerken?

Zuerst: Wir haben nie frei. Wer jeden Menschen misst, hat in jedem Gespräch eine zweite Beschäftigung. Man hört zu und rechnet mit. Man freut sich für jemanden und prüft gleichzeitig, was seine Freude über die eigene Lage sagt. Der Kollege auf dem Parkplatz war zwei Minuten lang kein Kollege. Er war eine Zahl.

Zweitens: Die Rangliste wechselt mit dem Raum. Auf dem Klassentreffen zählst du vielleicht wegen der Karriere. Auf der Familienfeier zählt, dass du keine Kinder hast. Auf dem Sportplatz, dass du nach einer Runde nicht mehr kannst. In der Nachbarschaft der ungepflegte Vorgarten. Jeder Raum hat sein eigenes Maß, und du kannst in keinem gewinnen, ohne in einem anderen zu verlieren. Wer in jedem Raum mitläuft, läuft ununterbrochen.

Und drittens, das ist vielleicht das Ernsteste: Man hört auf, Menschen zu sehen. Man sieht Positionen. Der Mann mit dem neuen Auto ist nicht mehr der, der letzten Winter wochenlang mit seiner kranken Mutter zu tun hatte. Er ist der, der jetzt vorne liegt. Was in ihm vorgeht, kommt in der Rechnung nicht vor. Die Rechnung hat dafür keine Spalte.

Vielleicht fällt dir niemand ein. Vielleicht fällt dir die Frau an der Kasse ein, der Mann mit dem Hund, die Stimme am Telefon, deren Akzent du sofort irgendwo verortet hast. Es kann sein, dass die Liste kurz ist. Es kann auch sein, dass sie nur kurz aussieht, weil das meiste davon nie in Worte gekommen ist. Das ist kein Grund, sich zu schämen. Es ist ein Grund, hinzusehen. Denn was man einmal gesehen hat, läuft nicht mehr ganz so leise.

Der Gegner, der nichts davon weiß

Man kann das Ganze auch von der anderen Seite betrachten.

Während du den Kollegen einordnest, ordnet er dich ein. Während du auf dem Klassentreffen den Raum abtastest, tastet der Raum dich ab. Der stille Wettbewerb hat keine Zuschauer. Alle laufen. Und das heißt auch: Die Person, gegen die du seit Jahren antrittst, weiß in der Regel nichts davon. Der Kollege mit dem Auto hat sich nicht überlegt, wie du es aufnehmen wirst. Er hat ein Auto gekauft.

Der Wettbewerb findet nur bei dir statt. Das ist die gute Nachricht und die schlechte zugleich. Die schlechte, weil du dein einziger Konkurrent bist. Die gute, weil niemand außer dir das Rennen weiterlaufen lässt.

Hier wird es unbequem. Denn fast niemand gibt zu, dass er vergleicht. Frag in einer Runde, wer sich mit anderen misst, und du bekommst nachdenkliche Gesichter und die Auskunft, dass man das früher vielleicht getan habe. Wir haben uns darauf geeinigt, dass Vergleichen etwas für Unsichere ist. Und deshalb tun wir es heimlich, auch vor uns selbst. Einen Wettbewerb, den man nicht zugibt, kann man nicht beenden. Man kann nur so tun, als wäre man nie angetreten.

Wer den Wettbewerb entlarvt, läuft mit

Es gibt gute Gründe, diesem Text zu widersprechen.

Wettbewerb treibt an. Menschen, die sich mit anderen messen, werden oft besser in dem, was sie tun. Der Läufer wird schneller, weil einer neben ihm läuft. Die Handwerkerin wird genauer, weil sie weiß, dass jemand ihre Arbeit mit anderer Arbeit vergleichen wird. Ohne Vergleich gibt es kein Maß, und ohne Maß keinen Fortschritt. Wer den stillen Wettbewerb abschaffen wollte, würde damit auch etwas abschaffen, das uns weiterbringt.

Dazu kommt: Einordnen ist nicht dasselbe wie Abwerten. Man kann sehen, dass jemand mehr verdient, ohne ihm etwas Schlechtes zu wünschen oder sich selbst kleiner zu fühlen. Die Einordnung ist erst einmal nur eine Information. Was man damit macht, ist eine andere Sache. Der Text tut so, als wäre das Rechnen selbst schon das Problem. Vielleicht ist es nur die Rechnung, die nicht stimmt.

Am schwersten wiegt aber etwas anderes. Wer sagt, er stehe über dem Vergleich, vergleicht meistens auf einer anderen Ebene. Der, der nicht auf Autos schaut, schaut auf Bücher. Die, die Gehälter langweilig findet, achtet auf Gelassenheit und misst insgeheim, wer davon mehr hat. Auch Bescheidenheit kann eine Startlinie sein. Ein Text, der den Wettbewerb entlarvt, läuft selbst darin mit, und zwar in der Disziplin, wer am wenigsten mitläuft.

Der letzte Einwand lässt sich nicht wegräumen, und er soll auch nicht weggeräumt werden. Dieser Text läuft mit. Was übrig bleibt, ist deshalb eine kleinere Behauptung, als sie am Anfang geklungen hat. Nicht, dass das Rechnen aufhören müsste. Nur, dass es einen Unterschied macht, ob du dabei zuschaust. Vierzig Schritte reichen für eine vollständige Einordnung. Sie reichen auch, um zu bemerken, dass gerade eine läuft.

Und du?

  • In welchem Raum deines Lebens läufst du am schnellsten mit, und wer hat dort das Maß festgelegt?
  • Wenn die Rangliste in deinem Kopf morgen verschwunden wäre: Was würdest du an einem der Menschen darauf zum ersten Mal sehen?

Mitnehmen

Die Sekunde vor dem Hallo lässt sich nicht abstellen. Das gelingt niemandem. Bemerken lässt sie sich. Wen ordnest du ein, wonach, und wie schnell?

Vielleicht fällt dir dabei auf, dass die Einordnung nicht immer neutral ausgeht. Dass da manchmal ein kleiner Stich ist, wenn jemand anderes vorne liegt. Dieser Stich hat einen Namen, den kaum jemand gern ausspricht. Aber er hat einiges zu erzählen.