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Hinsehen · WIR. · Kapitel 12 von 17

Was du nicht mehr gutmachen kannst

Manches lässt sich nicht ausgleichen. Dann entscheidet sich, ob die Entschuldigung dem anderen gilt oder dir.

10 Min. Lesezeit

Auf dem Tisch liegt ein Zettel mit einer Nummer darauf. Sie kommt über zwei Ecken, von jemandem, der gefragt hat, ob er sie weitergeben darf, und der danach gesagt hat: Sie hat nichts dazu gesagt.

Der Zettel liegt da seit elf Tagen, mal unter der Zeitung, mal obenauf. Zweimal war die Nummer schon eingetippt. Beim zweiten Mal lag der Daumen so lange über dem grünen Feld, dass das Display von selbst dunkel wurde.

Was gesagt werden müsste, ist seit Jahren fertig. Es sind vier Sätze. Man kann sie aufsagen, ohne zu stocken.

In den Geschichten, die wir über uns erzählen, sind wir fast immer der, dem etwas passiert ist.

Das ist kein Betrug. Es fällt einem einfach mehr dazu ein. Man erinnert sich an Kränkungen genauer als an die, die man ausgeteilt hat, weil man bei den eigenen die Gründe kennt. Aber es gibt in fast jedem Leben ein, zwei Stellen, an denen es andersherum liegt. Da war man nicht der Getroffene. Da war man die Ursache.

Meistens ist es nichts Spektakuläres. Ein Satz vor anderen, der gesessen hat. Ein Geheimnis, das weitergegeben wurde. Ein Mensch, den man hat fallen lassen, als es unbequem wurde, und man hat es nicht einmal entschieden, man hat einfach aufgehört, sich zu melden. Eine Anwesenheit, die gefehlt hat, als sie gebraucht wurde. Wer bis hierher liest, muss nicht lange suchen. Die Stelle meldet sich von selbst.

Die Geschichte, in der du nicht gut wegkommst

Wir erzählen unser Leben so, dass wir darin verständlich bleiben. Jede Handlung bekommt einen Grund. Ich war überfordert. Ich war jung. Ich habe es nicht so gemeint. Er hat vorher auch.

Das meiste davon stimmt sogar. Die Gründe sind selten erfunden. Nur erklären sie die Handlung und nicht den Schaden, und der Schaden interessiert sich nicht für Gründe. Für den anderen war es kein überforderter Mensch, der etwas sagte. Für ihn war es der Satz.

Es hilft, zwei Dinge auseinanderzuhalten, die im Alltag ineinanderlaufen. Das eine ist der Gedanke: Ich habe das getan. Das andere ist der Gedanke: So bin ich also. Der zweite fühlt sich moralischer an, weil er weiter geht. In Wahrheit dreht er sich nach innen und bleibt dort. Wer damit beschäftigt ist, was er für ein Mensch ist, hat keine Aufmerksamkeit mehr für den, dem etwas geschehen ist.

Dazu kommt eine Unsicherheit, die man nicht auflösen kann. Der andere hat eine eigene Fassung. Vielleicht kommst du darin viel kleiner vor, als du befürchtest, ein Name unter mehreren aus einer Zeit, die längst zugewachsen ist. Vielleicht kommst du viel größer vor, als du dich erinnerst, und etwas, an das du dich als Episode erinnerst, ist bei ihm eine Wegmarke geworden. Beides ist möglich. Von außen lässt sich das nicht entscheiden.

Eine Entschuldigung ist eine Bitte

Hier liegt das schwierigste Stück, und es ist unangenehm, weil es an einer Stelle sitzt, an der man sich gerade anständig vorkommt.

Eine Entschuldigung sieht aus wie eine Gabe. Man bringt etwas mit, man macht sich klein, man legt etwas hin. Nur verlangt sie gleichzeitig eine Antwort. „Es tut mir leid“ ist ein Satz, der offen stehen bleibt, bis der andere ihn schließt. Wer ihn sagt, wartet. Und was er erhofft, ist Entlastung.

Damit ist eine Entschuldigung zuerst einmal eine Bitte. Bitte nimm das an. Bitte sag, dass es nicht so schlimm war. Bitte lass mich damit aufhören.

Man merkt es an einem einfachen Gedankengang. Stell dir vor, der andere hört zu, schweigt einen Moment und sagt dann: Danke, dass du anrufst, aber ich möchte darüber nicht reden. Und dann legt er auf. Wenn es dir danach schlechter geht als vorher, ging es um deine Erleichterung. Das ist nicht verboten, und es macht dich nicht zu einem schlechten Menschen. Man sollte nur wissen, wem man gerade etwas bringt. Eine Gabe erkennt man daran, dass sie eine bleibt, auch wenn sich niemand bedankt.

Es gibt Formen, bei denen das offen zutage liegt. Die Entschuldigung mit der angehängten Erklärung, die den Schaden im selben Atemzug einordnet. Die mit dem eingebauten Vorwurf, die bedauert, dass der andere etwas so empfunden hat. Und die freundlichste und heikelste von allen: die ausführliche, erschütterte, in der jemand so lange erzählt, wie sehr ihn das belastet, bis der Geschädigte anfängt, ihn zu trösten. Viele tun das. Es ist leichter als das Gegenteil. Danach geht es dem einen besser und dem anderen wie vorher.

Bei manchen lautet die ehrliche Antwort: nichts. Dann ist das Schweigen keine Feigheit, sondern die angemessenere Form. Es gibt aber eine Antwort, die man leicht übersieht, weil sie so klein aussieht. Es gibt Menschen, die jahrelang an ihrer eigenen Wahrnehmung zweifeln, weil nie jemand bestätigt hat, dass überhaupt etwas geschehen ist. Sie haben es erzählt und hörten, sie sähen das zu eng. Eine Entschuldigung kann genau dieses eine leisten: Sie macht aus einer strittigen Erinnerung eine unstrittige. Das ist wenig und manchmal ist es alles.

Wenn der andere sie nicht will

Manchmal antwortet er nicht. Manchmal will er nicht. Manchmal ist er tot, und die Nummer auf dem Zettel gibt es gar nicht mehr.

Und manchmal weiß er nicht, dass etwas geschehen ist. Dann ist die Entschuldigung keine Wiedergutmachung, sondern eine Zustellung. Wer erst einmal erzählt, was er getan hat, damit es ihn danach nicht mehr allein trägt, verschiebt nur das Gewicht. Vorher lag es bei einem. Nachher liegt es bei zweien, und der andere hat sich das nicht ausgesucht. Es gibt Geständnisse, die den Schaden erst anrichten, den sie beheben wollen.

Deshalb muss die Frage lauten, was dadurch besser wird und bei wem. Wenn die ehrliche Antwort „bei mir“ heißt, ist es noch keine Entschuldigung. Dann ist es ein Wunsch, und ein Wunsch darf man haben, aber man sollte ihn nicht für eine Gabe halten.

Am schwersten ist der letzte Teil. Der andere schuldet dir keine Vergebung. Wir halten sie für die natürliche Antwort, weil in jeder Erzählung, die wir kennen, am Ende jemand verzeiht. Aber der Geschädigte hat keine Rolle in deiner Geschichte. Er darf sagen, dass es zu spät ist. Er darf nichts sagen. Er darf freundlich bleiben und trotzdem nicht zurückkommen. Wer das nicht aushält, hat nicht um Entschuldigung gebeten. Er hat einen Handel angeboten.

Wohin mit dem, was offen bleibt

Wiedergutmachung ist ein Wort aus der Welt der Gegenstände. Eine Delle lässt sich ausbeulen, ein zerbrochenes Glas ersetzen, ein Betrag überweisen. Zwischen Menschen gibt es das fast nie. Die Zeit, in der jemand allein war, kommt nicht zurück, nur weil man später feststellt, dass man hätte da sein müssen.

Was bleibt, ist unspektakulär. Man kann aufhören, die Sache kleiner zu machen, als sie war, und zwar auch dann, wenn niemand zuhört. Das klingt nach nichts und ist der ganze Unterschied zwischen einer Erinnerung, die man trägt, und einer, die man zurechtgelegt hat.

Und man kann aufhören, es weiterzumachen. Das ist die häufigste und am wenigsten beachtete Form. Wer einmal jemanden hat fallen lassen, weil es unbequem wurde, kann beim nächsten Mal bleiben. Das macht den ersten Fall nicht gut. Es hört nur auf, den Vorrat zu vergrößern. Für den Menschen, um den es damals ging, ändert das nichts. Für den, um den es heute geht, ändert es alles.

Vorsicht ist bei der Verrechnung geboten. Es ist verlockend, an anderer Stelle besonders gut zu sein und das innerlich gegen die alte Sache aufzuwiegen. Nur führt niemand dieses Konto. Der Geschädigte weiß nichts von den Gutschriften und hätte auch nichts davon. Man darf trotzdem tun, was man tut. Man sollte es nur nicht Ausgleich nennen.

Wahrscheinlich bleibt ein Rest. Nicht als Strafe und nicht als offene Rechnung. Eher wie ein Gegenstand, den man behält, weil man ihn nicht wegwerfen möchte, und den man nach ein paar Jahren nur noch selten in die Hand nimmt.

Wenn aus Reue wieder ein Selbstgespräch wird

Gegen all das steht etwas, das ausgesprochen werden muss, weil es sonst leise mitläuft.

Die dauernde Beschäftigung mit der eigenen Schuld kann selbst eine Form von Selbstbezogenheit sein. Von außen sieht sie aus wie Demut. Von innen ist sie sehr viel Aufmerksamkeit für eine einzige Person, und zwar nicht für die geschädigte. Der andere kommt in dieser Beschäftigung irgendwann gar nicht mehr vor. Was bleibt, ist die eigene Erschütterung darüber, so jemand gewesen zu sein. Man arbeitet sich an sich ab und nennt es Verantwortung. Für den, dem etwas geschehen ist, ist das dasselbe wie Vergessen, nur lauter.

Es gibt außerdem die Übertreibung in die andere Richtung. Nicht jede Erinnerung, bei der man zusammenzuckt, ist Schuld. Manche Menschen tragen Dinge mit sich herum, an denen sie höchstens beteiligt waren, eine Krankheit, eine Trennung der Eltern, ein Unglück, bei dem sie zufällig anwesend waren. Schuld ist nämlich auch eine Form von Macht. Wer schuld war, hätte es ändern können. Das ist manchmal leichter auszuhalten als die Wahrheit, dass man nichts in der Hand hatte.

Und dann ist da noch der Umstand, dass so etwas irgendwann aufhört, auch ohne dass jemand etwas erlassen hätte. Menschen leben weiter. Sie werden nicht besser durch das Tragen, und sie werden es auch nicht durch das Ablegen. Sie kommen einfach an eine Stelle, an der das Gewicht nicht mehr jeden Tag oben aufliegt. Wer daraus eine Leistung macht, hat die Sache schon wieder zu sich gezogen.

Der Zettel auf dem Tisch liegt inzwischen wieder unter der Zeitung. Der Unterschied zwischen dem ersten und dem zweiten Tippen war nicht der Mut. Es war die Frage, für wen.

Und du?

  • Bei welchem Menschen ist etwas offen, und wessen Erleichterung wäre das eigentliche Ziel, wenn du dich morgen melden würdest?
  • Gibt es etwas, das du dir seit Jahren vorwirfst, obwohl du es damals nicht hättest verhindern können, und was wäre schwerer auszuhalten als die Schuld?

Mitnehmen

Was man nicht sagt, verschwindet nicht. Es zieht nur um und wird woanders untergebracht, meistens in einem Satz, mit dem man die Sache seit Jahren kleiner macht, als sie war.

Es muss kein Anruf daraus werden. Manchmal ist der erste ehrliche Schritt, die eigene Fassung nicht länger zurechtzulegen, auch wenn sie niemand hört.

Und wenn du dabei merkst, wie schwer der eigene Anteil auszuhalten ist, dreh die Sache einmal um. Es gibt vermutlich jemanden, der dasselbe von dir erwartet, für etwas, das dir angetan wurde. Was dabei eigentlich verlangt wird, ist erstaunlich unklar, und verlangt wird es fast nie von dem, der es angerichtet hat.