Hinsehen · WIR. · Kapitel 13 von 17
Was Verzeihen nicht ist
Verlangt wird es meistens von Dritten, die es wieder ruhig haben wollen. Dabei ist es keine Gefälligkeit gegenüber dem anderen und auch keine Aussage über die Tat.

Ein Gartentisch im Sommer, Kaffee, drei Leute. Die Schwester sagt, sie solle das jetzt endlich hinter sich lassen. Sieben Jahre sei das her, und der Vater werde auch nicht jünger.
Sie sagt nichts dazu.
Auf dem Heimweg merkt sie, was sie stört, und es ist nicht der Satz. Es ist, dass an diesem Tisch nie jemand gefragt hat, was damals eigentlich passiert ist. Alle wissen, dass etwas war. Keiner weiß, was.
Verlangt wird es trotzdem von ihr.
Verzeihen gehört zu den Dingen, über die viel geredet und wenig unterschieden wird. Dabei hängt an den Unterscheidungen fast alles.
Wem es nützen soll
Auffällig ist, von wem die Aufforderung meistens kommt. Selten von dem, der etwas getan hat. Fast immer von Dritten.
Der Grund ist harmlos und trotzdem wichtig: Ein ungelöster Konflikt ist für die Umgebung anstrengend. Man muss aufpassen, wer wann eingeladen wird, wer neben wem sitzt, was man erwähnen darf. Wenn die Sache erledigt wäre, hätten alle es leichter.
Das ist kein böser Wille. Es ist nur kein Argument. Verzeih ihm heißt in dieser Fassung: Stell das ab, wir kommen damit nicht zurecht.
Auffällig ist auch, wie oft dabei die Zeit als Argument auftritt. Das sei doch längst her. Nur klärt Zeit nichts. Sie macht eine Sache älter, und bei manchen wird sie dadurch schwerer statt leichter, weil inzwischen Jahre daran hängen, in denen etwas gefehlt hat.
Was es nicht ist
Es ist nicht Vergessen. Es ist nicht Beschönigen. Es ist keine Aussage darüber, dass es halb so schlimm gewesen sei, und es ist auch kein Geschenk an den anderen.
Wenn es überhaupt etwas ist, dann eine Entscheidung, eine Forderung fallen zu lassen. Nicht: Es war in Ordnung. Sondern: Ich betreibe das nicht weiter.
Und diese Entscheidung braucht den anderen nicht. Sie kann bei jemandem stattfinden, der längst tot ist oder es nie erfahren wird. Das ist der Grund, warum sie überhaupt möglich ist. Wäre sie auf Mitwirkung angewiesen, hinge ein halbes Leben an der Bereitschaft von jemandem, der sie nie gezeigt hat.
Und es ist kein Zustand, den man herstellt, indem man ihn ausspricht. Der Satz, ich habe dir verziehen, wird oft gesagt, um ein Gespräch zu beenden, und er beendet es auch zuverlässig. Mit dem, was innen vorgeht, hat er in diesem Moment wenig zu tun.
Warum Vornehmen nicht funktioniert
Es gibt keinen Tag, an dem verziehen wird. Man merkt es rückwirkend: dass die Sache seit einer Weile nicht mehr das Erste ist, woran man denkt, wenn dieser Name fällt.
Wer es sich vornimmt, prüft täglich nach, ob es schon so weit ist. Und hält damit genau das am Leben, was aufhören soll.
Das ist die unangenehme Eigenschaft dieser Sache. Sie lässt sich nicht beschleunigen und man kann sie nicht beschließen. Man kann nur aufhören, sie zu verlangen, von sich selbst zuerst.
Worauf die meisten warten
Fast jeder, der eine offene Sache mit sich herumträgt, wartet auf etwas Bestimmtes. Auf ein Eingeständnis. Auf den Satz, in dem die Sache beim Namen genannt wird. Darauf, dass der andere begreift, was er angerichtet hat.
Das ist berechtigt. Es kommt nur meistens nicht.
Die Wahrheit ist unbequem und lohnt sich trotzdem: Das Allermeiste wird nie wiedergutgemacht. Nicht aus Bosheit, sondern weil Menschen ihre eigene Geschichte anders erinnern, weil sie sich nicht als den erkennen, den du beschreibst, und weil ein Eingeständnis für sie teuer wäre.
Wer darauf wartet, wartet auf einen Brief, den niemand schreibt. Verzeihen ist in dieser Lage keine Großzügigkeit. Es ist die Einsicht, dass sonst der Rest der eigenen Zeit an dieser Post hängt.
Bei Verstorbenen ist das endgültig. Da gibt es niemanden mehr, der etwas zugeben oder bestreiten könnte, und die Rechnung bleibt für immer offen. Was bleibt, ist eine Entscheidung, die man ganz allein trifft, ohne Gegenüber und ohne Bestätigung. Viele Menschen halten das für unmöglich und stellen dann fest, dass es das Einzige ist, was überhaupt in ihrer Hand lag.
Es gibt dabei eine Variante, die noch schwerer auszuhalten ist. Manchmal erinnert der andere die Sache tatsächlich anders und vertritt diese Erinnerung ehrlich. Dann steht nicht Aussage gegen Unwilligkeit, sondern Aussage gegen Aussage, und es gibt niemanden, der entscheidet.
Der häufigste Fall
Die meisten offenen Rechnungen dieser Art bestehen nicht mit Fremden, sondern mit den eigenen Eltern. Das ist ein Sonderfall, und zwar aus drei Gründen.
Sie lassen sich nicht austauschen. Bei allen anderen gibt es die Möglichkeit, den Kontakt einfach enden zu lassen, und irgendwann verschwindet die Sache aus dem Leben. Bei Eltern verschwindet sie nicht, auch dann nicht, wenn man sie zwanzig Jahre nicht sieht.
Die Beziehung läuft außerdem weiter, während die Rechnung offen ist. Es gibt Geburtstage, Krankenhausbesuche, Weihnachten. Man verhandelt also mit jemandem, mit dem man gleichzeitig Kaffee trinkt.
Und am schwersten wiegt das Dritte: Sie erinnern sich anders, und meistens nicht aus Bosheit. Wer zugeben würde, dass es so war, wie das Kind es beschreibt, müsste den größten Teil seines eigenen Lebens neu ansehen. Das ist für viele Menschen nicht möglich, und es hat mit dem Kind gar nichts zu tun.
Daraus folgt die Erwartung, an der die meisten hängen bleiben: dass sie es zuerst verstehen müssen. Wer darauf wartet, wartet auf eine Einsicht, die der andere nicht leisten kann, und übergibt ihm damit die Entscheidung über den Rest des eigenen Lebens.
Was stattdessen geht, ist kleiner und trotzdem viel. Man kann aufhören, von dem Menschen, der da ist, den Menschen zu erwarten, den man gebraucht hätte. Das ist keine Versöhnung. Es ist der Abschied von einer Hoffnung, und er hat mit dem anderen nichts mehr zu tun.
Wo Nichtverzeihen richtig ist
Und dann die Gegenseite, die genauso wichtig ist.
Nicht alles muss verziehen werden. Es gibt Taten, bei denen die Erwartung, der Geschädigte möge doch Frieden schließen, selbst ein Übergriff ist. Wer sie ausspricht, stellt sich unbemerkt auf die andere Seite.
Und Groll hat eine Aufgabe, die man ihm nicht vorschnell nehmen sollte. Er hält eine Grenze markiert. Er erinnert daran, was passiert ist, und sorgt dafür, dass man nicht wieder an dieselbe Stelle gerät.
Deshalb ist die wichtigste Unterscheidung in diesem ganzen Gebiet die zwischen zwei Entscheidungen, die ständig miteinander verwechselt werden. Die Forderung fallen zu lassen ist das eine. Den Menschen wieder an sich heranzulassen ist das andere.
Man kann das Erste tun und das Zweite lassen. Für viele ist das die einzige Fassung, die trägt.
Und du?
- Worauf wartest du bei einem Menschen, der es vermutlich nie tun wird?
- Wen drängst du zum Frieden, weil dir der Streit unangenehm ist?
- Bei wem hast du die Forderung fallen lassen und trotzdem Abstand gehalten? Und war das falsch?
Mitnehmen
Trenn einmal zwei Fragen, die fast immer zusammen gestellt werden. Lässt du die Forderung fallen? Und lässt du den Menschen wieder an dich heran?
Wer beides koppelt, entscheidet sich meistens gegen beides, weil das Zweite zu viel verlangt. Getrennt ist das Erste plötzlich möglich.
Und was danach zwischen euch noch geht, hängt gar nicht am Verzeihen. Es hängt an etwas anderem, das sich schlechter beschließen lässt: ob du ihm überhaupt noch etwas zutraust.


