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Hinsehen · ZEIT. · Kapitel 7 von 16

Das Leben im Ausstellungsraum

Ein Musterhaus ist dafür gebaut, angesehen zu werden, nicht dafür, darin zu leben. Über einen Maßstab, der selbst eine Produktion ist.

8 Min. Lesezeit

Das Musterhaus hat keine Mülleimer.

Auffallen tut es erst oben. Unten war die Küche zu schön, um etwas zu vermissen: eine Schale mit Zitronen, ein aufgeschlagenes Kochbuch, drei Weingläser, von denen keines benutzt aussieht. Im Bad steht kein Zahnputzbecher. Im Regal sind die Bücher nach Farbe sortiert, und ein paar stehen mit dem Rücken nach hinten, weil es so ruhiger wirkt.

Draußen am Auto sagt sie den Satz, der hängen bleibt. So aufgeräumt ist es bei uns nie.

Ein Musterhaus ist ein ehrliches Gebäude. Es behauptet nichts.

Es steht am Rand einer Ausstellungsfläche, zwischen anderen Häusern, die ebenfalls niemandem gehören, und sein einziger Zweck ist, angesehen zu werden. Deshalb sieht es aus, wie es aussieht. Jeder, der hindurchgeht, weiß das. Niemand wird getäuscht.

Und trotzdem wirkt der Satz am Auto nach. Er wirkt nicht gegen das Musterhaus. Er wirkt gegen die eigene Küche.

Was im Musterhaus fehlt

Es lohnt sich, einmal zu zählen, was dort nicht ist.

Kein Stapel Post auf der Ablage. Kein Ladekabel, das quer über den Boden führt, weil die Steckdose an der falschen Stelle sitzt. Kein Schuh, der im Flur liegt, wo er hingefallen ist. Keine Stelle an der Wand, an der die Klinke seit Jahren dieselbe Delle macht. Kein Geruch, weder ein guter noch ein schlechter, denn in diesem Haus ist nie gekocht worden. Keine Zeichnung mit Tesafilm. Nichts, was angefangen und nicht zu Ende gebracht wurde.

Was fehlt, sind ausnahmslos Spuren von Gebrauch. Der Raum steht in seinem besten Moment, und dieser Moment hält, weil ihn niemand betritt.

Ein bewohnter Raum hat diesen Moment auch. Er dauert ungefähr zehn Minuten, kurz bevor Besuch kommt, und danach steht das erste Glas irgendwo. Das ist kein Mangel und kein Versagen. Es ist der Unterschied zwischen einem Raum, in dem etwas passiert, und einem, in dem nichts passieren darf.

Die zehn Minuten sind der Punkt. Denn genau sie sind es, die festgehalten werden.

Das Musterhaus zieht bei dir ein

Die Form ist nämlich längst aus der Ausstellung ausgezogen.

Menschen richten ihre tatsächlichen Wohnungen inzwischen so ein, dass sie sich zeigen lassen. Nicht die ganze Wohnung. Meistens eine Ecke, die ein bisschen besser ist als der Rest, mit einer Pflanze, die dort steht, weil sie dort gut steht, und nicht, weil dort Licht ist. Ein Tisch, der gedeckt wird, bevor gegessen wird, und einmal noch umgestellt, weil das Brot besser links liegt. Ein Frühstück, das eine Minute wartet.

Auch Urlaube haben diese Form angenommen. Es gibt Orte, an denen man sich hinstellt, weil man weiß, wie es von dort aussieht. Der Weg zum Wasser wird dreimal gegangen. Danach setzt man sich hin, und das Hinsetzen ist der Urlaub, und der Weg zum Wasser ist die Aufnahme davon. Nur die Aufnahme verlässt den Ort.

Das ist nichts Schlimmes. Es ist eine sehr alte Sache in einer neuen Geschwindigkeit. Menschen haben immer festgehalten, was gelungen war, und sie haben es immer ein wenig hergerichtet, bevor sie es festhielten.

Neu ist etwas anderes. Diese zehn Minuten sind heute das Material, aus dem unser Maßstab besteht. Wir sehen unentwegt Räume, und alle Räume, die wir sehen, sind in ihrem besten Moment. Unsere eigenen Räume sehen wir in allen anderen Momenten, weil wir darin sind.

Der Vergleich, der daraus entsteht, ist deshalb nicht ungerecht gegenüber anderen Menschen. Er ist ungerecht gegenüber der Zeit. Ein Zustand, der zehn Minuten dauert, wird zum Normalzustand erklärt, und ein Normalzustand, an dem man dauerhaft scheitert, heißt Rückstand.

Der Maßstab, für den jemand bezahlt wird

Und dann gibt es die Stelle, an der die Sache wirklich kippt.

Es leben Menschen davon, dass ihr Leben wie der Maßstab aussieht. Ihr Einkommen hängt daran. Die Küche bleibt so, weil sie der Arbeitsplatz ist. Der Urlaub ist keine Erholung, sondern eine Produktion: früh aufstehen wegen des Lichts, die Strecke dreimal gehen, den Koffer zweimal packen. Das Zimmer ist für den Blick von außen eingerichtet und nicht für den Abend darin. Zwischen zwei Aufnahmen steht oft ein zweiter Mensch, der etwas hält.

Das ist kein Betrug. Es ist ein Beruf, und zwar einer, der so alt ist wie die Schaufensterdekoration. Niemand behauptet etwas Falsches, wenn er etwas Schönes herstellt und zeigt.

Nur verändert es den Vergleich vollständig. Wer sich mit diesen Bildern misst, misst sich nicht mit einem Nachbarn und nicht mit einem Bekannten, dem es besser geht. Er misst sich mit einer Arbeit. Da stecken Stunden drin, Können, Ausrüstung, Wiederholung und meistens auch die Entscheidung, dass dieser Raum keine gebrauchte Ecke haben darf, weil davon der Verdienst abhängt.

Das Bild ist also nicht die Vorderseite eines Lebens. Es ist eine Auslage. Und die Auslage steht unverwechselbar neben den Aufnahmen von Freunden, Bekannten und Fremden, alle im selben Format, alle gleich groß. Was gearbeitet ist und was zufällig ist, sieht am Ende gleich aus.

Bei manchen ist dieser Zustand einer, der zweimal im Jahr eintritt. Dann wäre die nächste Frage, wer die Bedingung eigentlich aufgestellt hat. Vermutlich niemand. Sie ist nicht beschlossen worden, sie hat sich abgelagert, aus lauter Räumen, die man gesehen hat und in denen niemand wohnt. Es kann auch sein, dass die Antwort lautet: so wie jetzt. Dann ist an dieser Stelle alles in Ordnung, und das ist seltener, als es sein müsste.

Schönheit ist kein Betrug

Bis hierher klingt dieser Text, als wäre Ordnung ein Verdacht. Das wäre eine dumme Behauptung.

Ein Raum, in dem man gern ist, ist ein Raum, in dem man gern ist. Ein gedeckter Tisch ist eine Form von Aufmerksamkeit für die Menschen, die kommen. Wer drei Wochenenden lang eine Wand streicht, stellt kein Bild her, sondern einen Ort, und dass es danach schöner ist, ist der ganze Sinn der Sache. Schönheit kostet Mühe, und Mühe für andere ist nicht dasselbe wie Fassade.

Und das Zeigen ist nicht neu. Lange bevor es Aufnahmen gab, gab es den Sonntagsanzug, das gute Geschirr, die gute Stube, die die ganze Woche kalt blieb und für Besuch geheizt wurde. Menschen haben immer vorgeführt, was sie hatten, und sie haben immer dafür gesorgt, dass es im günstigsten Licht steht. Wer das für eine Krankheit der Gegenwart hält, hat sich nie eine Fotografie aus der Zeit seiner Großeltern angesehen, auf der alle stillhalten und niemand lacht.

Es kommt noch etwas dazu, das in dieser Diskussion gern übergangen wird. Dieselbe Entwicklung, die diese Flut an Bildern hervorgebracht hat, hat vielen Menschen etwas gebracht, das sie vorher nicht hatten. Jemand hat ein Handwerk gelernt, indem er Fremden zugesehen hat, die es können. Jemand hat Leute gefunden, die leben wie er, und war zum ersten Mal nicht der Einzige. Jemand verdient von zu Hause aus Geld, das ihm in seiner Gegend niemand gegeben hätte. Wer die Bilder für eine Täuschung erklärt, schuldet eine Antwort darauf, was Menschen aus ihnen mitgenommen haben.

Und die Verachtung für das Hergerichtete ist selbst eine Haltung. Die betont ungestylte Wohnung, das Foto, das aussieht, als wäre es nicht gestellt, die Bemerkung, man mache so etwas nicht mit: Auch das wird gezeigt, und auch das will gesehen werden.

Der Satz am Auto stimmt trotzdem. So aufgeräumt ist es bei ihnen nie. Er stimmt nur nicht nur für sie. So aufgeräumt ist es nirgendwo, nicht einmal im Musterhaus, denn dort ist es ja deshalb so, weil niemand darin wohnt.

Und du?

  • Welches Bild von einer Wohnung, einem Tisch, einem Urlaub trägst du mit dir herum, ohne je entschieden zu haben, dass es dein Maßstab sein soll?
  • Wann hast du zuletzt jemanden hereingelassen, ohne vorher etwas wegzuräumen? Und was hätte er gesehen?
  • Gibt es bei dir einen Ort, der nur benutzt und nie hergerichtet wird? Wie fühlt es sich an, dort zu sitzen?

Mitnehmen

Sieh dich in dem Raum um, in dem du gerade bist, und such nach einer Spur. Ein Abdruck im Polster. Eine Tasse, die schon zweimal aufgewärmt worden ist. Ein Kabel, das quer liegt, weil die Steckdose falsch sitzt.

Das ist der ganze Unterschied zwischen diesem Raum und einem Musterhaus. Nicht der Preis, nicht der Geschmack, nicht die Größe. Jemand ist da gewesen.

Vielleicht fällt dabei noch etwas anderes auf. Man kann einen ganzen Abend damit verbringen, durch fremde Räume zu gehen, ohne einen davon zu betreten, und am nächsten Morgen nicht mehr sagen, was man gesehen hat. Der Abend war nicht anstrengend. Er ist nur nicht mehr da, und niemand hat ihn einem genommen.