Hinsehen · ZEIT. · Kapitel 8 von 16
Die Stunden, die verschwinden
Nicht die Arbeit frisst den Abend. Es ist das, was wir anmachen, damit er nicht still wird.

Jemand kommt nach Hause, stellt die Tasche ab und schaltet etwas an, bevor er die Jacke auszieht. Erst den Ton, dann das Licht. Auf dem Weg in die Küche redet schon eine Stimme über etwas, das ihn nichts angeht.
Er wollte sich nur kurz hinsetzen. Einmal steht er zwischendurch auf, holt die zweite Flasche und setzt sich wieder.
Als er ins Bett geht, könnte er nicht sagen, worum es in den letzten drei Stunden ging. Es war nicht langweilig. Es war nur nicht da.
Es gibt einen Unterschied zwischen einem Abend, der vorbei ist, und einem Abend, der verschwunden ist.
Der Abend, der vorbei ist, hat stattgefunden. Man hat gekocht, telefoniert, gelesen, gestritten, nichts getan und es dabei gemerkt. Der Abend, der verschwunden ist, war genauso lang. Er hinterlässt nur nichts, woran man ihn festmachen könnte. Am nächsten Morgen sitzt eine Lücke in der Woche, die niemand erklärt hat.
Die meisten Rechnungen über Lebenszeit gehen an dieser Lücke vorbei. Sie zählen die Arbeitsstunden, den Weg, die Termine, die Vorbereitung. Das ist die sichtbare Seite, und sie lässt sich gut beklagen, weil jemand anderes an ihr schuld ist. Auf der anderen Seite liegen die Stunden, in denen niemand etwas von dir wollte und die trotzdem weg sind.
Der Griff, bevor die Jacke aus ist
Fast jeder hat eine Bewegung, die am Anfang steht.
Bei dem einen ist es die Fernbedienung, die schon in der Hand liegt, bevor er sitzt. Bei der anderen das Radio, das angeht, sobald die Wohnungstür zu ist, und dann läuft, bis sie schlafen geht. Es ist nicht so, dass sie zuhören würde. Sie hat nur einmal gemerkt, wie es ohne klingt.
Bei den meisten ist es inzwischen das Gerät in der Hosentasche. Die erste Handlung des Tages, noch vor dem Aufstehen, und die letzte davor. Dazwischen jede Lücke, die länger als vierzig Sekunden ist: die Ampel, die Warteschlange, der Moment, in dem der Wasserkocher läuft. Bei manchen ist es das Glas, das nach dem ersten so selbstverständlich kommt, dass es gar nicht mehr als zweites zählt. Bei manchen die nächste Folge, die von allein anfängt, weil das Weiterlaufen die Voreinstellung ist und das Aufhören die Handlung.
Diese Bewegungen haben etwas gemeinsam. Man trifft sie nicht. Sie sind schon passiert, bevor eine Entscheidung nötig gewesen wäre. Und weil sie nichts kosten, niemandem auffallen und in keinem Kalender stehen, tauchen sie in keiner Bilanz auf.
In einer Bilanz stünden sie allerdings ganz vorn. Wer seine Woche ehrlich addiert, kommt hier auf eine Zahl, die neben den Arbeitsstunden nicht klein aussieht.
Wovor der Lärm schützt
Die naheliegende Erklärung lautet Erschöpfung. Der Tag war lang, der Kopf ist leer, mehr geht nicht. Das stimmt oft und erklärt trotzdem nicht alles.
Denn es gibt auch die Abende, an denen man nicht müde ist. Es gibt das freie Wochenende, an dem man ohne jeden Grund um zwei Uhr nachts noch sitzt. Und es gibt den Urlaubstag, für den man ein Jahr gearbeitet hat und an dem man das Gerät genauso oft in die Hand nimmt wie sonst.
Wer am Abend etwas anmacht, macht meistens etwas anderes zu.
Stille ist nämlich nicht leer. In der Stille kommt der Tag noch einmal, und zwar nicht als Ereignis, sondern als Rest. Der Satz des Kollegen, den man weggelächelt hat. Die Sache mit dem Vater, die man seit zwei Jahren nicht anspricht. Der Abstand zwischen dem Leben, das man führt, und dem, von dem man mit fünfundzwanzig ausgegangen ist. Nichts davon ist dramatisch. Alles davon meldet sich, sobald nichts anderes läuft.
Betäubung nimmt diese Dinge nicht weg. Sie kann das gar nicht. Sie nimmt nur die Stelle weg, an der man sie bemerkt hätte. Das ist der ganze Trick, und er funktioniert zuverlässig, jeden Abend neu.
Deshalb ist es auch kein Widerspruch, dass man sich danach selten besser fühlt. Das Ziel war nie, sich besser zu fühlen. Das Ziel war, eine Weile nichts zu fühlen, und das wurde erreicht.
Vermutlich zuerst nichts Großes. Den Nachbarn über dir, den Kühlschrank, den eigenen Atem, die Uhr, von der man nicht wusste, dass sie so laut ist.
Und dann vielleicht einen Satz, der seit Monaten nicht zu Ende gedacht wurde, weil er tagsüber keinen Platz hat und abends keinen bekommt. Er muss nichts Schweres sein. Manchmal ist es nur die Frage, ob das hier so bleiben soll. Die ist harmlos, solange man sie nicht stellt.
Was dabei mit der Spanne passiert
Die verlorenen Stunden sind der kleinere Teil der Rechnung. Der größere fällt woanders an.
Aufmerksamkeit ist keine feste Eigenschaft. Sie richtet sich danach, was man von ihr verlangt. Wer seinen Tag in Stücke von vierzig Sekunden teilt, übt genau das ein, hundertmal am Tag: anfangen, abbrechen, woanders hinsehen, zurückkommen.
Bemerkbar macht sich das nicht in den abgelenkten Stunden. Es macht sich in den anderen bemerkbar. Abends liegt ein Buch da, das man selbst ausgesucht hat, und nach anderthalb Seiten greift die Hand von allein zur Seite. Ein Film wird zu lang. Ein Gespräch, das nicht sofort zum Punkt kommt, wird anstrengend. Eine Arbeit, die zwei Stunden am Stück verlangt, fühlt sich an wie eine Zumutung.
Das fühlt sich nicht an wie eine Fähigkeit, die kleiner geworden ist. Es fühlt sich an wie fehlendes Interesse. Man denkt, das Buch sei schlecht, der Abend langweilig, die Sache nicht mehr die eigene.
Und das ist der eigentliche Verlust, denn fast alles, was einem Menschen etwas bedeutet, hat eine Anlaufzeit. Ein Gespräch wird nach der halben Stunde gut. Ein Text nach dreißig Seiten. Eine Arbeit in der zweiten Stunde. Wer nie so weit kommt, hält irgendwann für uninteressant, was nur einen längeren Anlauf gebraucht hätte.
Immerhin gilt der Weg in beide Richtungen. Eine Spanne baut sich genauso wieder auf, wie sie abgebaut wurde. Nicht durch einen Vorsatz, sondern dadurch, dass man sie ein paar Mal in Anspruch nimmt, gegen den ersten Impuls.
Die Narkose mit dem besseren Ruf
Es gibt eine Sorte Betäubung, für die man gelobt wird.
Wer die Küche schrubbt, obwohl sie sauber ist, wer am Sonntag den dritten Termin annimmt, wer jedes Wochenende so verplant, dass keine Lücke entsteht, tut im Kern dasselbe wie der Mann auf dem Sofa. Er sorgt dafür, dass es nicht still wird, und bekommt dafür ein besseres Wort.
Das gilt auch für Beschäftigungen, die gesund aussehen. Man kann sich mit Sport betäuben. Man kann sich mit Hilfsbereitschaft betäuben, indem man die Probleme anderer Leute so gründlich bearbeitet, dass für die eigenen kein Abend übrig bleibt. Man kann sich sogar mit Nachdenken betäuben, wenn man lange genug über sich liest und dabei nie an die eine Stelle kommt, an der es unangenehm wird.
Die Form ist austauschbar. Was gleich bleibt, ist die Richtung. Es geht immer weg, nie hin.
Und deshalb ist die Frage, wie man damit aufhört, die falsche Frage. Sie führt geradewegs in die nächste Liste, in den Vorsatz, in das schlechte Gewissen am dritten Tag. Die ehrliche Frage ist kleiner und viel unbequemer.
Sie lautet: Was passiert, wenn du es einmal nicht tust?
Nicht für immer. Für einen Abend. Nicht als Verzicht, sondern als Auskunft. Denn wenn das Anmachen nur eine harmlose Gewohnheit wäre, dürfte das Weglassen ja nichts weiter kosten als ein bisschen Langeweile. Wer das einmal ausprobiert, merkt ziemlich schnell, ob das stimmt.
Nicht jeder Abend muss etwas bedeuten
Bis hierher könnte dieser Text den Eindruck machen, jeder Abend vor dem Bildschirm sei eine verpasste Gelegenheit. Das wäre eine Zumutung, und es wäre nicht wahr.
Manchmal ist Betäubung die vernünftigste Reaktion, die an einem Tag noch zur Verfügung steht. Wer elf Stunden gestanden hat, wer eine Diagnose bekommen hat, wer seit Wochen einen kranken Menschen begleitet, braucht am Abend keine Begegnung mit sich selbst. Er braucht ein Dach. Etwas anzumachen ist dann keine Flucht, sondern das Einzige, was noch geht, und wer darauf mit einem klugen Gedanken antwortet, hat die Lage nicht verstanden.
Dazu kommt ein zweites, das mindestens so wichtig ist. Ein Leben, in dem jeder Abend etwas bedeuten muss, ist ein zweiter Beruf. Der gewöhnliche Abend darf gewöhnlich sein. Eine Geschichte, die einen zwei Stunden lang woanders hinnimmt, ist keine verlorene Zeit, sondern einer der ältesten Gründe, warum Menschen überhaupt Geschichten erzählen. Lachen ist kein Ausweichen. Ein Glas Wein mit jemandem, den man mag, ist kein Betäubungsmittel, sondern ein Abend.
Der Unterschied liegt also nicht in der Handlung. Zwei Menschen können am selben Abend dasselbe tun, und bei dem einen ist es ein Genuss und bei dem anderen ein Ausweichmanöver. Der Unterschied liegt darin, ob man es gewählt hat und ob man am Ende dabei war.
Erkennen kann man ihn selten an der Sache und fast immer an der Uhrzeit. Gewähltes hört irgendwann auf, weil es zu Ende ist. Betäubung hört auf, weil man umfällt. Der Mann mit der zweiten Flasche hätte den Abend vermutlich gern gehabt. Er hat ihn nur nicht bekommen.
Und du?
- Welche Bewegung machst du jeden Abend, ohne sie je entschieden zu haben?
- Wann hast du zuletzt eine halbe Stunde wach verbracht, in der nichts lief und niemand etwas von dir wollte? Und wie hat sich das angefühlt?
- Wenn du dir vorstellst, heute Abend bleibt alles aus: Was daran macht dich unruhig, noch bevor der Abend da ist?
Mitnehmen
Lass die Hand beim nächsten Nachhausekommen einen Moment vor dem Schalter stehen. Nicht, um sie wegzunehmen. Nur lang genug, um zu merken, dass gerade eine Entscheidung stattfindet, die sonst keine ist.
Wenn du dann anmachst, ist nichts verloren. Aus einer Bewegung ist eine Entscheidung geworden, und das ist der ganze Unterschied.
Merkwürdig ist nur, was einem in solchen Momenten manchmal durch den Kopf geht. Dass das eigentliche Leben, das mit den langen Abenden und dem Kopf, der frei ist, ja noch kommt. Irgendwann. Wenn es ruhiger wird. Es lohnt sich, einmal nachzusehen, wo dieses Irgendwann eigentlich liegt und ob dort schon einmal jemand angekommen ist.


