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Hinsehen · ZEIT. · Kapitel 12 von 16

Der Zustand, den du zurückhaben wirst

Ein funktionierendes Knie lässt sich nicht spüren. Deshalb ist Gesundheit das einzige Gut, von dem man erst erfährt, wenn der Bestand schon kleiner ist.

6 Min. Lesezeit

Ein Treppenhaus, vierter Stock, zwei Stufen auf einmal, dabei eine Nachricht getippt. Oben sucht er den Schlüssel, findet ihn, geht hinein.

An diese Treppe wird er sich heute Abend nicht erinnern. Morgen auch nicht.

Drei Etagen tiefer wohnt jemand, der seit dem Frühjahr für dieselbe Strecke vier Minuten braucht und zweimal stehen bleibt. Er weiß genau, wann es angefangen hat, und er weiß, wie viele Stufen es sind.

Der eine hat etwas, worüber er nie nachdenkt. Der andere denkt an kaum etwas anderes. Es ist dieselbe Treppe.

Fast alles, was ein Mensch besitzt, meldet sich gelegentlich. Eine Wohnung kann man ansehen. Ein Konto lässt sich nachsehen. Einen Menschen kann man anrufen und hören, dass es ihn noch gibt.

Der Körper macht das nicht. Er berichtet ausschließlich in eine Richtung.

Ein Gut ohne Gefühl

Es gibt keine Empfindung für ein funktionierendes Knie. Ein Rücken, der in Ordnung ist, meldet sich nicht. Ein Tag ohne Schmerzen fühlt sich nach nichts an, und genau darin besteht er.

Damit fehlt diesem Besitz das, was jeder andere hat: ein Signal. Man kann nicht wahrnehmen, dass etwas da ist, wenn das Dasein selbst keinen Eindruck macht.

Deshalb ist es auch keine Charakterschwäche, Gesundheit für selbstverständlich zu halten. Es ist die einzig mögliche Wahrnehmung. Wer nichts spürt, hat nichts, woran sich ein Gedanke festmachen könnte, und die wenigen Momente, in denen doch einer entsteht, gehen sofort wieder unter, weil daneben Dinge liegen, die sich melden: eine Rechnung, ein Termin, ein Streit.

So entsteht ein merkwürdiger Zustand. Der größte Bestand, den ein Mensch hat, ist der einzige, über den er nie nachdenkt.

Der Vergleich läuft immer rückwärts

Wenn dann etwas ausfällt, entsteht sofort ein Wunsch, und er zeigt zuverlässig in dieselbe Richtung: Ich hätte gern den Stand von vorher zurück.

Dabei lohnt es sich, diesen Stand von vorher genauer anzusehen. Er war damals nämlich auch nicht gut genug. Wer mit fünfzig das Knie von vor fünf Jahren zurückhaben möchte, hat mit fünfundvierzig gesagt, dass es nicht mehr das alte sei. Wer nach einer schweren Zeit wieder schlafen möchte wie davor, hat davor über seinen Schlaf geklagt.

Das ist keine Ironie des Schicksals. Es ist die Bauart der Sache. Jeder Zustand ist später einmal der, den man zurückhaben möchte.

Auch der von heute. Das ist keine Drohung, sondern nur die Reihenfolge, in der das abläuft.

Die zweite Hälfte ist die interessantere. Bei den meisten Menschen fehlt etwas, und fast nie lässt sich ein Datum dafür angeben. Es hat nicht aufgehört. Es ist weniger geworden, in Schritten, die einzeln zu klein waren, um aufzufallen.

Warum Dankbarkeit hier nicht hilft

An dieser Stelle kommt gewöhnlich ein Rat, und er funktioniert nicht: Sei dankbar für deine Gesundheit.

Der Grund ist sachlich. Dankbarkeit braucht einen Gegenstand, den man wahrnehmen kann. Für die Abwesenheit eines Gefühls lässt sich keine empfinden. Wer es trotzdem versucht, hat nach zwei Wochen nichts gewonnen außer einer weiteren Pflicht, die er nicht erfüllt.

Dazu kommt, was dieser Satz im Gespräch anrichtet. Er wird fast immer jemandem gesagt, der gerade über etwas anderes klagt, und er beendet zuverlässig das Thema. Sei froh, dass du gesund bist, ist die höfliche Form von: Hör auf damit.

Was stattdessen geht

Ein Gut, das man nicht spüren kann, wird nur auf eine einzige Weise real. Indem man es ausgibt.

Wer krank ist, wünscht sich den alten Stand nicht zurück, um ihn zu betrachten. Er will ihn, um gewöhnliche Dinge zu tun. Eine Treppe ohne Pause. Einen Tag, der nicht um einen Termin herum gebaut ist. Einen Abend, an dem nichts organisiert werden muss.

Daraus folgt die einzige Frage, die hier etwas bringt, und sie hat nichts mit Dankbarkeit zu tun: Was tust du gerade mit dem, was du dir eines Tages zurückwünschen wirst?

Das ist keine Aufforderung zu irgendeiner Bergtour. Die Antwort besteht fast immer aus kleinen Dingen, und die meisten davon kosten kein Geld. Es geht um den Unterschied zwischen etwas haben und etwas benutzen, und dieser Unterschied ist bei einem Körper genauso groß wie bei einem Werkzeug, das seit Jahren im Keller liegt.

Wo dieser Gedanke gefährlich wird

Man kann daraus schnell etwas Hässliches machen, und das passiert oft genug.

Nämlich eine Drohung: Nutze es, solange du es hast, sonst ist es deine eigene Schuld. Dieser Satz trifft Menschen, die krank werden, ein zweites Mal. Krankheit ist keine Quittung für schlecht genutzte Jahre. Sie besteht zum größten Teil aus Anlagen, Umständen, Alter und Zufall, und wer vorsorgt, verbessert eine Wahrscheinlichkeit. Einen Vertrag bekommt er nicht.

Und wer dauerhaft krank ist, braucht dieses Kapitel nicht, um zu wissen, wovon es handelt. Für ihn ist der alte Stand keine Überlegung, sondern ein Verlust, den er täglich bezahlt. Bemerkenswert ist nur, dass dieselbe Frage sich bei ihm ebenfalls stellt, mit demselben Wortlaut und unter härteren Bedingungen: Was tust du mit dem, was noch geht. Die Antworten darauf sind oft genauer als die der Gesunden, weil dort niemand mehr so tut, als wäre unbegrenzt Zeit.

Und du?

  • Was konntest du vor zehn Jahren ohne Nachdenken und heute nicht mehr ganz? Und an welchem Tag hat das aufgehört?
  • Was tust du gerade mit dem Stand, den du dir eines Tages zurückwünschen wirst?
  • Wovon in deinem Leben nimmst du ohne jede Prüfung an, dass es so bleibt?

Mitnehmen

Eine Übung mit Dankbarkeit funktioniert hier nicht. Ein Abgleich schon, und er dauert zwei Minuten.

Nimm irgendetwas Gewöhnliches, das du heute getan hast, ohne darüber nachzudenken. Eine Treppe. Ein Glas, das du gehalten hast. Sechs Stunden Schlaf am Stück. Und prüf nur, ob das vor zehn Jahren genauso war.

Meistens lautet die Antwort ja. Manchmal nicht mehr. Beides ist brauchbar: Das eine ist ein Bestand, das andere ein Datum.

Dabei taucht fast sicher noch etwas anderes auf. Der Körper ist nämlich nicht nur das, was funktioniert oder eben nicht mehr. Er ist auch das, was andere zuerst sehen, und darüber entscheidet sich im Alltag mehr, als die meisten zugeben möchten.