Hinsehen · ZEIT. · Kapitel 10 von 16
Die Flucht, für die man gelobt wird
Fast jede Art, sich dem eigenen Leben zu entziehen, fällt irgendwann auf. Eine bringt stattdessen Anerkennung, bessere Aufgaben und ein reines Gewissen.

Freitagabend, halb neun. Im Wohnzimmer läuft etwas, das alle mittelmäßig interessiert. Zwischen ihm und seiner Frau steht seit Mittwoch ein Gespräch, das keiner von beiden anfängt.
Er sagt, er müsse noch kurz an den Rechner, wegen Montag.
Am Schreibtisch geht es ihm sofort besser, und das ist der Teil, den er nie erwähnt. Nicht weil die Aufgabe wichtig wäre. Weil sie klar ist. Sie hat einen Anfang, ein Ende, und danach steht fest, ob er sie gut gemacht hat.
Um Viertel nach elf macht er das Licht aus. Auf dem Weg ins Bad denkt er, dass er zu viel arbeitet, und es fühlt sich fast angenehm an.
Es gibt viele Arten, sich dem eigenen Leben zu entziehen, und fast alle fallen auf.
Wer trinkt, wer spielt, wer tagelang verschwindet, bekommt irgendwann Gegenwind, spätestens von denen, die ihn mögen. Für eine Art gibt es diesen Gegenwind nie.
Die einzige Flucht mit Beifall
Wer zu viel arbeitet, bekommt Anerkennung. Bessere Aufgaben, mehr Geld, einen Ruf. Dazu ein reines Gewissen, weil es ja für die Familie ist, und das stimmt sogar zu einem Teil.
Niemand sagt: Du bist jetzt seit vier Jahren nicht zu Hause. Und falls es doch jemand sagt, lässt es sich mit einem Satz erledigen, den keiner angreifen kann. Es geht gerade nicht anders.
Damit ist die Arbeit der einzige Rückzugsort, der von außen wie das Gegenteil aussieht. Ein Mensch, der sich entzieht, sieht aus wie einer, der sich einsetzt, und beides trifft zu.
Was dort geliefert wird
Man sollte dabei nicht so tun, als ginge es um Geld oder um Ehrgeiz. Bei den meisten geht es um etwas Einfacheres, und man sieht es sofort, wenn man die beiden Bereiche nebeneinanderlegt.
Eine Aufgabe hat einen Anfang, ein Ende und eine Rückmeldung. Man weiß, ob man sie gut gemacht hat, oft noch am selben Tag.
Eine Ehe hat das nicht. Ein Kind hat das nicht. Das eigene Leben hat es überhaupt nicht. Dort gibt es keinen Punkt, an dem jemand sagt: Das war richtig so.
Wer also im Beruf sicher ist und im Rest unsicher, entscheidet sich abends gar nicht zwischen Arbeit und Familie. Er entscheidet sich zwischen einem Bereich, in dem er weiß, wo er steht, und einem, in dem das nie jemand sagt. So betrachtet ist die Wahl nicht rätselhaft, sondern naheliegend.
Und darin liegt der Mechanismus, der sie so stabil macht. Je länger jemand den einen Bereich übt, desto besser wird er darin, und desto ungeübter wird er im anderen. Beim nächsten Mal fällt die Entscheidung noch leichter, aus demselben Grund.
Warum Erschöpfung selten an der Menge liegt
Über das Ausbrennen wird meistens geredet, als sei es eine Frage des Umfangs. Zu viele Stunden, und irgendwann ist nichts mehr da.
Das erklärt nicht, was sich beobachten lässt. Menschen halten erstaunliche Mengen aus, solange drei Dinge stimmen: dass sie Einfluss darauf haben, wie etwas läuft. Dass es für irgendjemanden einen Unterschied macht. Und dass es ein Ende hat, das sich benennen lässt.
Fehlt eines davon, kippt dieselbe Menge. Am härtesten wirkt die Kombination aus viel Verantwortung und wenig Einfluss: zuständig für das Ergebnis, ohne über die Mittel zu bestimmen. Deshalb leeren sich selten die, die viel arbeiten und dabei gestalten dürfen. Sondern die, die viel tragen und nichts entscheiden.
Das ist keine Diagnose und ersetzt auch keine. Es ist nur eine Beobachtung darüber, welche Lage einen Menschen leert und welche nicht.
Der Einbruch kommt hinterher
Ein Muster kennen viele aus der Nähe. Solange es läuft, läuft es. Der Zusammenbruch kommt in der ersten Urlaubswoche, am zweiten freien Tag, in den Wochen nach dem abgeschlossenen Projekt.
Das wirkt unlogisch und ist es nicht. Wer unter Spannung steht, spürt seinen Zustand nicht, weil die Spannung selbst ihn überdeckt. Erst wenn sie nachlässt, kommt an, was vorher keinen Platz hatte.
Deshalb ist das Ausbleiben von Beschwerden kein guter Beleg für irgendetwas. Und deshalb sagen die meisten bis kurz vor Schluss völlig aufrichtig, es gehe schon.
Dazu kommt ein verschobener Maßstab. Man vergleicht sich nicht mit einem ausgeruhten Menschen, sondern mit der eigenen letzten Woche. Auf dieser Skala ist alles normal, bis überhaupt nichts mehr geht.
Zwei Einwände, die in verschiedene Richtungen zeigen
Der erste betrifft das Wort. Es ist weit gewandert. Wer nach einer harten Woche erschöpft ist, ist nicht ausgebrannt, und wer beides gleichsetzt, schadet ausgerechnet denen, die wirklich nicht mehr können. Deren Lage klingt dann nach etwas, das ein langes Wochenende heilt. Zwischen müde, überlastet und leer liegen Unterschiede, und die sind kein Wortspiel.
Der zweite betrifft die Unterstellung, die in diesem ganzen Kapitel steckt. Nicht jeder, der viel arbeitet, flieht vor irgendetwas. Manche tun es gern, sind gut darin und leben gut damit. Ihnen zu erklären, sie liefen in Wahrheit vor ihrem Leben davon, ist übergriffig und meistens falsch.
Der Unterschied lässt sich prüfen, nur nicht an der Stundenzahl. Die Frage ist nicht, ob jemand aufhören will. Die Frage ist, ob zwei Wochen ohne erträglich wären.
Und ein Teil der Menschen hat diese Wahl ohnehin nicht. Zwei Stellen, Schichtdienst, allein mit Kindern. Dort ist weniger arbeiten kein Rat, sondern eine Auskunft über den, der ihn gibt.
Und du?
- Wovon hält deine Arbeit dich gerade fern, und seit wann steht das schon?
- Wo weißt du abends, ob du es gut gemacht hast, und wo weißt du es nie?
- Wenn zwei Wochen ohne Arbeit vor dir lägen, ohne Reise und ohne Programm: Was daran wäre unangenehm?
Mitnehmen
Die Zahl der Stunden sagt wenig. Zwei andere Fragen sagen mehr, und beide lassen sich an einem einzigen Abend beantworten.
Die erste: Was wäre los, wenn du zwei Wochen nichts tust? Nicht, was im Betrieb passiert. Was mit dir passiert.
Die zweite: Wovon hält es dich fern? Darauf kommt meistens schneller eine Antwort, als einem lieb ist, und sie hat oft einen Namen.
Und falls beide Antworten ausbleiben, gibt es noch eine dritte Stelle, an der sich nachsehen lässt. Sie antwortet ohnehin, unabhängig davon, ob jemand sie fragt, und zwar in einer Sprache, die sich leicht überhören lässt.


