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Hinsehen · ZEIT. · Kapitel 9 von 16

Später

Später ist kein Datum. Es ist der Abstand, den wir zu einem Wunsch halten.

10 Min. Lesezeit

Ein Pausenraum, Donnerstagnachmittag, Sekt aus Plastikbechern. Ein Kollege geht in den Ruhestand, nach einunddreißig Jahren. Die Abteilungsleiterin hält eine kurze Rede, in der zweimal das Wort „Urgestein“ vorkommt. Am Ende sagt sie den Satz, der bei solchen Feiern immer fällt: „Und jetzt hast du endlich Zeit für all das, was liegen geblieben ist.“

Alle nicken. Er lacht und sagt, er habe eine Liste.

Später, beim Aufräumen, fragt ihn jemand, was denn zuerst drankomme. Er hält den Becher in der Hand und überlegt. Und überlegt. „Ich weiß gar nicht“, sagt er dann. „Ich hab so lange nicht mehr darüber nachgedacht.“

Später ist das freundlichste Wort, das wir haben.

Es sagt nie Nein. Es sagt: Ja, natürlich, nur nicht jetzt. Der Roman, der geschrieben werden will. Die Reise, die seit Jahren feststeht, nur nicht ihr Datum. Der Anruf beim alten Freund. Die Werkstatt im Keller, die Wohnung am Wasser, das Leben, in dem man endlich einmal nicht müde ist. Alles das liegt an einem Ort, den wir Später nennen, und wir haben uns dort schon eingerichtet, ohne je hingefahren zu sein.

Das Merkwürdige daran ist nicht, dass wir aufschieben. Das tun alle, und manches muss man aufschieben. Das Merkwürdige ist, dass Später kein Datum hat und trotzdem so beruhigend wirkt wie eines.

Ein Ort, an dem niemand wohnt

Fast jeder hat ein Später, und die meisten könnten es auf Anhieb beschreiben.

Wenn die Kinder aus dem Haus sind. Wenn das Haus abbezahlt ist. Wenn die Beförderung durch ist, das Projekt fertig, der Umzug geschafft. Wenn es ruhiger wird. Dieser letzte Satz ist der häufigste und der seltsamste, denn es wird nie ruhiger. Es wird anders laut. Und das Später, das eben noch hinter dem nächsten Hügel lag, liegt dann hinter dem übernächsten, mit derselben Selbstverständlichkeit wie zuvor.

Man kann das an sich selbst beobachten, wenn man ehrlich ist. Das Später von heute sieht dem Später von vor zehn Jahren ziemlich ähnlich. Ein paar Wünsche sind dazugekommen, ein paar sind leise verschwunden, ohne dass jemand sie abgesagt hätte. Aber die Grundstruktur ist dieselbe: erst das hier, dann das Leben.

Der Kollege aus dem Pausenraum ist nicht die Ausnahme. Er ist der Normalfall, nur einen Tag weiter.

Was das Später für uns erledigt

Wenn ein Wort so gut funktioniert, lohnt es sich zu fragen, wofür.

Zuerst: Später löst einen Konflikt, ohne dass wir ihn austragen müssen. Wir wollen zwei Dinge gleichzeitig. Die Sicherheit, die wir haben, und das Leben, das wir uns vorstellen. Beides zusammen geht selten, denn das eine kostet, was das andere braucht. Später erlaubt uns, beides zu behalten. Die Sicherheit real, das Leben in Aussicht. Niemand muss sich entscheiden, und genau das ist die Erleichterung.

Zweitens: Die Aussicht selbst ist ein Genuss. Wer sich das Haus am Wasser vorstellt, hat für einen Moment etwas davon. Der Vorgeschmack ist kostenlos und enttäuscht nie, weil er nie geprüft wird. Ein Wunsch, der verwirklicht wird, muss sich mit der Wirklichkeit messen. Ein Wunsch, der auf Später liegt, bleibt makellos. So wie das Gefühl, das man sich von einem Kauf erhofft, meistens schöner ist als das Ding, das dann im Flur steht.

Drittens, und das ist der unbequemste Teil: Wer etwas auf später verschiebt, gibt es einem anderen Menschen. Dem zukünftigen Ich. Und wir gehen mit diesem Menschen erstaunlich großzügig um. Er wird mehr Zeit haben als wir, mehr Mut, mehr Disziplin, weniger Angst. Er wird den Anruf machen, den wir seit Monaten nicht machen. Er wird die Wohnung kündigen, das Gespräch führen, den Kurs belegen. Wir delegieren an jemanden, den wir nicht kennen, und nehmen an, er sei besser als wir.

Meistens ist er es nicht. Er ist wir, mit denselben Gewohnheiten, nur älter.

Und viertens verändert sich das Später, während wir darauf zugehen. Der Wunsch, mit dreißig irgendwann ein Jahr im Ausland zu leben, ist mit fünfzig noch da, aber der Mensch, der ihn hatte, nicht mehr ganz. Wenn das Später endlich kommt, ist der, der es bestellt hat, nicht mehr derselbe. Manchmal will er es dann nicht mehr. Manchmal weiß er nicht mehr, warum er es wollte. Das ist der Moment im Pausenraum, mit dem Becher in der Hand.

Es lohnt sich, das eine Weile stehen zu lassen.

Nicht, um sich etwas vorzuwerfen. Fünf Jahre sind keine Schande. Aber ein Wunsch, der fünf Jahre lang nichts von dir wollte außer Aufschub, hat sich vielleicht verändert. Vielleicht ist er noch da, und die Umstände waren wirklich ungünstig. Vielleicht ist er auch nur noch die Erinnerung an einen Wunsch, die man mitträgt, weil man sich ohne sie ärmer fühlen würde. Beides ist möglich. Man erfährt es nur, wenn man hinsieht.

Das Leben, das noch nicht angefangen hat

Es gibt davon eine Form, die schwerer wiegt als ein einzelner verschobener Wunsch, und sie läuft bei sehr vielen Menschen im Hintergrund mit.

Sie klingt vernünftig: Ich mache noch das hier fertig, dann das da, und dann kann ich leben. Die Ausbildung. Die Probezeit. Der Umbau. Die zwei Jahre, in denen es eng ist. Jedes einzelne Stück davon ist begründet, und jedes hat ein absehbares Ende.

Bemerkenswert ist, was geschieht, wenn dieses Ende erreicht ist. Der Umbau ist fertig, und das Leben fängt trotzdem nicht an. Es kommt keine Feststellung, es kommt eine neue Bedingung, und sie kommt schnell, meistens innerhalb weniger Wochen.

Das sieht aus wie Pech oder wie ein volles Leben. Es hat aber einen Grund. Die Bedingung hat nie im Weg gestanden. Wäre sie es gewesen, müsste jetzt etwas anfangen. Und solange keine neue nachrückt, steht eine Frage im Raum, die niemand gern stellt: Warum eigentlich nicht?

Eine neue Bedingung erspart diese Frage. Deshalb rückt sie nach.

Damit ist man beim eigentlichen Gewinn dieser Konstruktion, und er ist größer als alles andere, was das Später leistet. Ein Leben, das noch nicht angefangen hat, muss auch noch nicht gelungen sein. Es ist vorläufig, und Vorläufiges wird nicht bewertet. Wer sagt, richtig gehe es erst danach los, hat alles, was bis dahin geschieht, aus der Bewertung genommen: die Wohnung, die Arbeit, die Abende, die Jahre, die er gerade verbringt.

Das ist eine große Entlastung. Der Preis dafür fällt erst später auf. Die Jahre zählen trotzdem mit. Sie waren nur nicht gemeint.

Der Flur, auf dem das Später endet

Es gibt einen Ort, an dem das Später seine Freundlichkeit verliert.

Ein Krankenhausflur, abends, das Licht so, wie es in Krankenhausfluren ist. Jemand sitzt auf einem der Stühle und wartet auf ein Ergebnis, das den Vater betrifft oder die Schwester oder einen selbst. Und in diesem Warten sortieren sich die Dinge neu, ganz ohne Zutun. Was gestern noch dringend war, ist es nicht mehr. Was jahrelang auf Später lag, ist plötzlich das Einzige, was zählt.

Die meisten Menschen kennen so einen Flur. Und die meisten kennen auch, was danach passiert: Man nimmt sich alles vor. Und nach ein paar Wochen ist das Später wieder da, an derselben Stelle, als wäre nichts gewesen. Das ist kein Charakterfehler. Es ist der Beweis, wie stark das Wort ist. Es überlebt sogar die Momente, in denen man es durchschaut hat.

Und genau hier kippt die Sache. Denn das Gegenteil von Später ist nicht besser. Wer das Aufschieben abschafft und beschließt, ab sofort jeden Tag zu leben, als wäre er der letzte, hat sich nur eine andere Sorte Druck eingehandelt. Jeder gewöhnliche Dienstag wird dann zur Prüfung, die man nicht besteht. Das Leben besteht zu großen Teilen aus gewöhnlichen Dienstagen. Ein Später, das man ganz streicht, hinterlässt eine Gegenwart, die niemand aushält.

Die Frage ist also nicht, ob man aufschiebt. Die Frage ist, was das Später gerade für dich erledigt.

Was sich zu Recht verschieben lässt

Man sollte diesen Text nicht zu Ende lesen, ohne ihm zu widersprechen. Und dieses eine Mal lohnt es sich, die Einwände zu zählen, weil sie in verschiedene Richtungen zeigen.

Erstens: Manche Dinge sind später wirklich besser aufgehoben. Nicht alles, was man mit fünfundzwanzig will, sollte man mit fünfundzwanzig bekommen. Manche Wünsche brauchen Geld, das man erst verdienen muss, Können, das man erst lernen muss, oder eine Reife, die sich nicht beschleunigen lässt. Wer ein Haus bauen will, spart. Wer ein Kind großzieht, verschiebt vieles und bereut es nicht. Aufschieben ist auch eine Form von Reihenfolge, und ohne Reihenfolge gibt es keine Prioritäten. Wer alles jetzt will, will im Grunde nichts besonders.

Zweitens: Das Später ist für viele Menschen keine Ausrede, sondern eine Stütze. Wer durch ein schweres Jahr geht, hält sich an dem fest, was danach kommt. Das ist Hoffnung, und Hoffnung ist nichts, was ein Text jemandem wegnehmen sollte. Es gibt Zeiten, in denen das Später das Einzige ist, das die Gegenwart erträglich macht.

Drittens: Nicht jeder unerfüllte Wunsch ist ein Versäumnis. Manche Wünsche sind dazu da, gehabt zu werden, nicht erfüllt. Die Vorstellung vom Haus am Wasser kann jemandem über Jahre mehr geben, als das Haus je gegeben hätte. Das darf man wissen und trotzdem behalten.

Der dritte Einwand trifft am tiefsten, deshalb sei er zu Ende gedacht. Wenn ein Wunsch dazu da ist, gehabt zu werden, dann ist er kein Aufschub, sondern eine Art Besitz. Das Haus am Wasser gehört jemandem, der es nie kaufen wird, auf eine Weise, die kein Grundbuch abbildet. Dagegen ist nichts zu sagen.

Nur ist der Unterschied dann nicht mehr das Wort, sondern das, was es meint. Ein Später mit einem Grund und einer ungefähren Richtung ist ein Plan. Ein Später, das man behält, weil die Vorstellung selbst der Gewinn ist, ist eine Art Zuhause. Beides trägt. Bloß gibt es ein drittes, das keins von beidem ist. Es wandert mit, sobald man ihm näher kommt, und man erkennt es daran, dass es nie ankommt. Der Mann mit dem Becher in der Hand hätte vermutlich lange gebraucht, um zu sagen, welche der drei Sorten seine war.

Und du?

  • Welcher Wunsch liegt bei dir auf Später, und was genau müsste erst eintreten, damit er drankommt? Und wie lange steht diese Bedingung schon?
  • Wenn du dem Menschen, der du in zehn Jahren bist, alles auflädst, was du heute verschiebst: Was traust du ihm zu, das du dir nicht zutraust?
  • Gibt es etwas, das du nicht verschiebst, sondern in Wahrheit gar nicht mehr willst, aber noch nicht abgesagt hast?

Mitnehmen

Nimm dir einen einzigen Punkt von deiner Später-Liste und rechne einmal aus, was er heute kosten würde. Nicht, um ihn sofort zu erfüllen. Sondern um zu sehen, ob das Hindernis wirklich die Zeit ist, das Geld, die Umstände. Oder ob es etwas anderes ist, das lieber im Hintergrund bleibt.

Manchmal stellt sich dabei etwas Merkwürdiges heraus. In dieser Rechnung steht alles Mögliche: Geld, Termine, Umstände. Und an erster Stelle steht bei sehr vielen Menschen die Arbeit, allerdings nicht als Zwang. Sondern als das Einzige, wofür noch nie jemand eine Rechtfertigung von ihnen verlangt hat.